14. März 2011

Running Barcelona. Mein erster Marathon.

Zunächst einmal: Ich habe es geschafft! Nach 4:30 Stunden überquere ich die Ziellinie unter dem Beifall einiger zehntausend begeisterter Zuschauer, unter sängernder Hitze und - was zu erwarten war - unter einigen (allerdings überraschend wenigen) Schmerzen.

Geschafft! Mein erster Marathon ist im Sack!
Doch fangen wir am Anfang an. Wir haben noch 2011, mein letztes Saisonrennen auf dem Cervélo Rennrad, das Zeitfahren Hamburg-Berlin ist beendet und ich gönne mir einen ganzen Monat ohne Sport. Regeneration.

Die Vorbereitung auf den Marathon.

Wie es mit Süchtigen aber so ist, kann ich nicht ohne Sport - zumal mich die Saisonplanung für 2012 schon voll im Griff hat. Wie aber durch den Winter kommen? Wie die Form konservieren? Oder gar ausbauen?

Wieder stundenlang in meinem Trainingskabuff auf der freien Rolle trainieren, wie ich es 2010/11 gemacht habe, kommt nicht infrage: Zu eintönig, zu langweilig dieses Training. Außerdem möchte ich Ausgleichssport betreiben. Andere Muskeln bewegen, andere Reize setzen.

"Laufen ... wäre doch was ..." ? Denke ich mir und sofort habe ich ein Bild vor Augen: Ich laufe einen Marathon!

Das Schöne am Laufen: Man braucht eigentlich nur gute Schuhe als Sportgerät.

Schnell sind die Dates gecheckt, die Startgebühren überwiesen und das erste Saisonhighlight steht fest: Barcelona am 25. März. Mein erster Marathon.

Mein erster Marathon? Oha!

Ich entwickle einen Trainingsplan, der mich in weniger als 4 Monaten von 0 auf 42 bringen soll. Er besteht aus Langstreckenläufen am Wochenende und den "Run-2-work"-Kurzstreckensprints unter der Woche.

Toll organisiert: Der Barcelona-Marathon ist logistisch das Beste, was ich sportlich je erlebt habe.

Letztere kann ich nicht durchführen. Erstere ziehe ich dafür umso gnadenloser durch. Bereits im Oktober starte ich meinen ersten Halbmarathon. Und laufe eine viel versprechende Zeit. Es folgen neun weitere, ehe ich, mitten im klirrekalten Rekordwinter bei minus 12 Grad auf die Dreivierteldistanz switche - und 30 km (naja, 27,6 km) laufe. Ich laufe meist um die Alster, oder auch mal in Riga.

10 Halbmarathons.
4 mal die Dreivierteldistanz.
Insgesamt bereite ich mich als mit 14 Läufen und 330 Trainingskilometern vor. Ob das reicht?

Barcelona. Am Start.

Dann, endlich, der große Tag. Ich stehe zusammen mit 20.000 anderen Runningverrückten an einem frischen, aber nach diesem Winter doch angenehm warmen, Frühlingsmorgen am Start. Zwanzigtausend Leute! Bunte, verrückte, stille, insich gekehrte, schreiende, tanzende, feixende, ernsthafte, fokussierte, schnatternde, bibbernde, kräftige Leute. Und ich mittenmang.

Ich stehe am Start. Vorne laufen sie schon seit 10 min los. Wir stehen noch.

Sarah, die mich begleitet, muss hinter der Absperrung bleiben - und sie sieht froh darüber aus.

Was wird mich jetzt erwarten? Wie wird das sein, 42 Kilometer rennend zurück zu legen? Fragen bohren sich in meinen Hinterkopf - ich versuche sie auszublenden, was mir nur in Maßen gelingt.

Dann zählen sie - weit weit vorn - den Countdown runter. Ich stehe im Startblock 2 bei den Läufern, die sich eine Ankunftszeit von 4 Stunden als Ziel gesetzt haben. Ich starte also optimistisch.

Da ganz hinten leuchtet der Start/Ziel-Bogen. Ich werde erst in 4:30 Stunden wieder hier sein ...

Langsam schieben wir uns zur Start/Ziellinie vor - es geht nur schrittweise, denn vorn müssen Massen an Zweibeinern loshasten. Endlich komme auch ich über die Linie - die peitschende Musik blende ich schnell aus und stecke mir meine eigenen Hörer in die Ohren.

On the run.
Jetzt zählts!

Die ersten zehn Marathon-Kilometer.

Ach, was für ein Durcheinander! Ich habe gleich zu Beginn keine gute Phase: Zunächst war es großer Bullshit, eine eigene Trinkflasche mitzunehmen. Was mir bei diversen Rennen mit dem Rennrad schon mehrere Minuten gespart und den Kopf gerettet hat, ist hier kompletter Unfug - alle paar Kilometer sind üppige Erfrischungsstationen aufgebaut, wenn es mir hier heute an etwas nicht mangeln wird, dann ist es H2O.

Die Flasche ist schwer, hüpft in meiner Trikottasche herum (ich laufe natürlich im Cervélo-Trikot!) und nervt einfach nur. Bei 3 km werfe ich sie in einen Mülleimer.

In der linken Trikottasche sieht es nicht anders aus: Handy (zum Fotos machen), das Garmin Edge für meine eigenen GPS-Aufzeichnungen, der MP3-Player, 4 Energy-Gels und 2 Riegel sowie meine Winterrennrad-Mütze drängeln sich in der Tasche - und drücken nach oben.

Alle paar Meter habe ich das Gefühl, den einen oder anderen Inhalt zu verlieren. Erst, als ich das GPS (das bis dato durch mein Gefummel auch noch pausiert hatte) in meine kleine Schlüsseltasche in der Laufhose verstaut habe, wird es angehehmer - ruhiger.

Eine wunderbare Strecke: Fast alle Sehenswürdigkeiten inklusive.

Erst bei 5 km kann ich mich aufs Laufen konzentrieren.

Es geht zunächst nach Norden, leicht bergan. Sofort hat sich das Feld lang gezogen. Ich werde von Massen an Sportlern überholt, überhole aber selbst auch viele Sportler. Die meisten haben nur eine Schicht an: Hose und (oft ein ärmelloses) Laufshirt. Ich bin mit langer Laufhose, kurzem Unterhemd, langem Unterhemd und Trikot unterwegs.
Noch wärmt mich das alles ganz gut. Aber wie wird das gegen Mittag aussehen?

Am Straßenrand begeisterte Zuschauer. Vor allem in Kurven und neuralgischen Stellen stehen sie in riesigen Trauben und feiern uns. Jeden von uns. Als wären wir alle Haille.

Der Mann in Orange war mein erster Pacemaker.

Wir kehren am nördlichsten punkt wieder nach Süden, vorbei am Stadion des F.C. Barcelona und wieder in Richtung Placja d´Espanya, wo der Marathon gestartet wurde.

Ich laufe locker, etwas schneller als üblich, habe mir aber als Pacemaker einen gut laufenden, +50er ausgesucht, an dessen Fersen ich mich hefte. Neben mir und um mich herum merke ich mir einige Gesichter (und wirklich nett anzuschauende Damenpopos), an die ich mich halten will.

Die ersten 10 Kilometer laufe ich mit 59:33 min etwas schneller als in meinem Training. Ich beschließe, etwas mehr tranquilo zu machen und lasse den mid-50er ziehen.

Der Halbmarathon.

Mittlerweile steht die Sonne hoch oben und wir sind in unserem Rhythmus angekommen. Ich selbst kann mich auf die im Training einstudierten Abläufe verlassen und laufe locker, ohne Beschwerden, ohne Schmerzen und ohne nur das kleinste Seitenstechen: Meinem Training sei Dank!

Bei meinen 14 Trainingsläufen habe ich immer die selbe Musik gehört. DJ-Sets von Deep Dish und Dave Seaman. Genau der Beat, der zu meinem Laufstil passt. Bestimmte Stellen innerhalb der Sets sowie die genaue Reihenfolge, nach der ich die Musik abspiele, bringt eingeübte Muster und Bilder in meinen Kopf.

So habe ich bei den Trainings an bestimmten Stellen immer die selben Gedanken gedacht. Mich dadurch programmiert. Diese Gedanken stellen sich jetzt beim Hören der Musik ganz automatisch ein. Pawlowscher Effekt der Ohren. Gedanken an Freunde, an wunderbare Situationen, an Erfolge, an schöne Momente.

Debodyment - so kann ich über die Musik quasi aus meinem Körper heraus und mich gedanklich an Orten aufhalten, die weit weg sind von der Anstrengung des Hier und Jetzt. Das klappt so super, dass ich den Halbmarathon an der 21-Kilometer-Marke fast wie im Rauschzustand laufe - und mit 2:05 Stunden für die 21,irgendwas Kilometer sogar meine zweitbeste Zeit hinlege!

Die Hälfte ist geschafft: So ein Halbmarathon kann schnell vorbei sein.

Schneller als 9 Halbmarathons im Training.
Ich laufe zunächst bei den 4 bis 3:30 Stunden-Läufern, wobei mir bald klar wird, dass diese Pace um Einiges zu schnell für mich ist. Ich laufe meinen Stiefel und werde bald von dem 4-Stunden-Pacemaker eingeholt. Nur wenig beschleunigt finde ich, dass diese Pace mir doch sehr viel mehr zusagt - zumal ein Marathon in 4 Stunden noch eine Superleistung für mich wäre!

Wohl wissend, dass ich eigentlich zu schnell bin, fühle ich mich aber so gut, dass ich ohne Probleme mithalten kann.

Der Pacemaker ist komplett in weiß gekleidet und hat einen recht monströsen, weißen Ballon mit "4´00"-Aufdruck an sich befestigt. Um ihn herum hat sich eine Traube von dicht laufenden Menschen gebildet, die sich wohl zum Ziel gemacht haben, genau mit ihm anzukommen: Mit Argusaugen verfolgen sie jeden seiner Schritte.

Bei den 4-Stunden-Läufern. Ob ich hier richtig bin?

Auf einmal zieht er an der Ballonschnur und holt den Orientierungspunkt ein.
Ein Raunen und unsichere Blicke im Feld.
Dann läuft er immer weiter rechts, nach ganz außen, wird langsamer, rennt auf den Gehweg und biegt plötzlich in eine Seitengasse ab.

Für den Bruchteil einer Sekunde sieht man komplette Hilflosigkeit und blankes Entsetzen in den Augen der Läufer: "Der Pacemaker ist weg! Was um Himmels Willen machen wir nun?!? WIR WERDEN ALLE STERBEN!" Ein paar Läufer wollen ihm gar hinterhereilen - egal, Hauptsache beim Pacemaker!

Der aber, das sehe ich noch mit einem Schulterblick, bleibt bei einem Baum stehen.
Und pinkelt erstmal.
Wir müssen alle lachen.

Der Einbruch: Kilometer 30.

Als ich am Vortag mit Sarah den Marathon bespreche, sage ich ihr: "Bis 28 km weiß ich sicher, dass ich ankomme. Diese Distanz bin ich oft gelaufen und das wird kein Problem sein. Die Frage ist, was ab dem 30sten geschieht ..."

Denn es ist kein Geheimnis, dass die Glykogen-Reserven bei einer Ausdauerbelastung rund um die Kilometer 30 aufgebraucht sind - das typische Marathon-Loch. Die Strecke - im übrigen fast der gleiche Kurs, der bei den Olympischen Spielen 1992 gelaufen wurde - ist bei diesem Abschnitt besonders tückisch: Es geht die Avinguda Diagonal leicht bergauf auf den großen "Gurkenturm" - den Torre Agbar - hinzu.

Da ganz hinten: Der Torre Agbar. Ich bin kurz vor dem Todestal.

Hier haben sich die Zuschauer auf dem sehr lang gezogenen Geradeausstück verteilt - wenig Ansporn also, zwischendurch ergeben sich auch mal 100 Meter ohne einen anfeuernden Ruf. Das psychlogisch Schwierige an diesem Part ist zudem, dass man auf der gegenüber liegenden Seite die entgegen kommenden Läufer sehen kann, die also, die schon bei Kilometer 31 sind.

Bergan muss ich mich zusammen reißen: Rächt sich jetzt hier meine hohe Pace zu Anfang des Laufes? Endlich am Torre Agbar angekommen drehe ich in der Haarnadelkurve und passiere eine weitere Wasserstation. Wie immer, greife ich mir von einem Helfer eine neue Flasche Wasser (0,2 l) , kippe mir vorher den kleinen Rest der alten Flasche, die ich zur Not in meiner Trikottasche aufbewahre, über den Kopf (aaah, kühlend!) und trinke ein paar tiefe Züge. Einige Meter später greife ich mir einen Becher Energydrink und trinke den aus, dann, wie alle 10 Kilometer, drücke ich mir ein Energy-Gel rein, spüle nach, um am letzten Tisch eine halbe Banane und einen Wasserschwamm zu schnappen.

Die Banane esse ich.
Den Schwamm drücke ich mir ins Gesicht und auf den Kopf.
Nicht verwechseln!

Ich checke meine Zeit: 3:02 Stunden Netto bis zu diesem Punkt. Also liege ich noch komfortabel in meinem errechneten Schnitt von einer Stunde pro 10 Kilometer.

Und dann passiert es: Mich verlassen nun, so, als habe man eine Pforte geöffnet, alle Kräfte. Der Einbruch! Urplötzlich - und so scheint es vielen anderen Läufern auch zu gehen - saugt es mir die letzte Energie aus den Gliedern. Ich habe keinerlei Probleme mit dem Atmen oder den Muskeln, auch keine Schmerzen ... Nur ... Ich kann einfach nicht mehr!

Seltsam. Interessant. Und schockierend. Das kenne ich bisher noch nicht. Auch auf dem Rennrad, und sei das Rennen noch so hart, ist mir das so noch nie passiert. Urplötzlich geht gar nichts mehr.

Warum mache ich das hier alles? Achso, wegen soner Medaille ...

Als ich sehe, dass - schätzen wir mal - so jeder zehnte Läufer um mich herum auf einmal geht anstatt zu laufen, kann ich dem Impuls auch nicht mehr nachgeben. Und gehe auch. Scheiße! Denke ich mir, Scheiße, Scheiße, Scheiße! Ich gehe! Ich gehe schnell. Ich halte nicht an. Ich bin auch beim gehen fast genauso schnell wie die anderen, die noch laufen - aber verdammt! - ich gehe!

Nur noch zehn Meter, schwöre ich mir, nur noch zehn Meter und dann, ich raffe mich auf - und laufe wieder. Bei Kilometer 32 geht die Scheiße also los ...

Das ist es, das Loch! Jetzt zählt der Kopf. Mein guter Freund Jörg, der selbst schon den Marathon gelaufe ist, hatte es mal so ausgedrückt: "Bis Kilometer 30 ist es hart. Ab Kilometer 30 wird es ... richtig hart!"

Und hier passiert es nun auch, dass ich in die Hölle komme. Aber wenigstens bin ich da nicht allein.

Das Tal des Todes - Kilometer 32 bis 38.

Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich zwischen Gehen und Laufen hin und herwechseln muss. Auch meine GPS-Daten lassen diesen Schluss nicht zu, da ich im Gehen fast genauso schnell bin, als würde ich laufen. Sicher aber ist, dass ich bestimmt 5 mal gehen muss. Jedes mal eine Schmach empfinde, jedes mal ein weiterer Stich ins Herz - und jedes mal aufs neue die Versicherung, dass es so vielen neben mir genauso ergeht.

Hier wirds jetzt so richtig ekelig. Viele laufen. Noch 12 km to go ...

So rette ich mich von Wasserstelle zu Wasserstelle, nehme die 6 Kilometer, die ich bis zum 38sten mehr stolpere als laufe, wie in einem Alptraum wahr: Selbst die leichteste Steigung, etwa zur Meerespromenade am olympischen Hafen hinauf, wo es auf 50 Meter vielleicht einen Höhenmeter zu überbrücken gilt, kann ich nicht mehr joggend in Angriff nehmen: Reihenweise nehmen wir Tempo raus und gehen.

Die Sonne brütet in einer Weise auf uns herunter, die ich nur aus dem Hochsommer kenne: Mein Sonnenbrand schmerzt. Na, wenigstens lenkt er von der fast ebenso schmerzhaften Leere ab, die mich ausfüllt. Wie gesagt: Ich verspüre keinerlei körperliche Schmerzen.

Den gesamten Marathon über habe ich nicht einmal Seitenstechen oder Krämpfe, keine Knie- oder andere Schmerzen, nichts. Es ist halt diese erschreckende Erfahrung vollkommener Leere, mit der ich nichts anfangen kann: Weder meine hochdosierten Energy-Gele, noch die Bananen oder die Drinks können dieses Loch (schnell genug) stopfen.

Immer wieder motiviere ich mich mit den erlernten Techniken des Debodyments, den positiven Gedanken oder meiner Musik, doch wieder loszulaufen - komm, los jetzt, 1.000 Meter joggen, dann kannste wieder gehen.
Hier draußen an der Strandpromenade sind die Zuschauer auch wieder dünner gesäät. Nicht weniger enthusiastisch - aber es spornt halt nochmal anders an, wenn sie dicht gedrängt zu vier Reihen hintereinander auf dich einschreien, als wenn alle 10 Meter zwei Mann stehen und klatschen.

Gestern habe ich hier noch am Strand gelegen. Heute leide ich wie ein Hund.

Kilometer 34. Kotz! Ich dachte, es wären schon 35?!? Wann hört dieser scheiß Strand endlich auf? Wann kommt wieder Schatten? Nur ja nicht negativ werden! Denk an was Schönes! Tja, okay. Wie nur? Ah, das Streckenprofil! Ich habe mir die Route für heute eingeprägt: Ich weiß, dass nach der Strandpassage der Triumphbogen kommt und dann ein kleines Geschlängel durch die Altstadtgassen - und ich weiß auch, dass am Denkmal des Christoph Kolumbus alles gut wird: Hier beginnt die Avinguda del Paral.lel - und ab hier sind es nur noch 2,5 Kilometer.
Aber erstmal hinkommen!

Dass ich hier heute ankommen werde, daran besteht allerdings zu keinem Zeitpunkt auch nur der geringste Zweifel: Ich laufe diesen Marathon hier heute zu Ende! Das steht fest. Und wenn ich da auf dem Zahnfleisch hinkrauchen muss. Nur würde ich diesen, meinen ersten Lauf, gern mit einer ordentlichen Zeit finishen. Und auch gern mit so wenig Gehen und so viel Laufen wie möglich.

Am Triumphbogen - langsam gehts wieder.

Als ich das denke, bringe ich auch schon Nummer 37 fertig. Und endlich biegen wir vom (ansonsten wunderschönen) Strand ab und wieder in die Stadt ein. Ah, endlich wieder Zuschauermassen! Endlich wieder Trommelbands und Begeisterung. Endlich wieder Leute abklatschen und beklatscht werden.
Ich sauge begierig die Lachenden, die Anfeuernden, die Mitreißenden, die Schreienden ein. Lenke mich ab mit den Gesichtern, überhole sogar wieder Läufer. Und gehe wieder ein Stück durch die nächste Wasserstation.

Dann der Triumphbogen - schicken die uns hier nun über Pflastersteine?!? - und dann, dann endlich - Kilometer 38. Nun noch zweitausend Meter, dann biste bei der 40. Und wenn du die 40 hast, in dem Moment, wo du drüber bist, sinds ja auch schon 40,1 - und Alter, dann hast du es bald geschafft!

Mit diesen Rechenspielen halte ich mich über Wasser - im wahrsten Sinne des Wortes. Und so überlebe ich die Hölle des 30er-Loches. Überbrücke das Tal des Todes. Rette mich durch und über die Massen, trinke mir die Liter nur so rein, stolpere mehr als das ich laufe. Und komme ende bis zur magischen 38.
Dann muss ich grinsen: Da hinten, da, zwischen zwei Dächern in einer kleinen Ritze, da habe ich ihn kurz gesehen - seinen rechten Arm aufs Meer weisend. Christoph Kolumbus. Der Richtungsgeber in eine neue Welt. Für mich hier und heute der Leuchtturm. Der Rettungsanker. Die Marien-Erscheinung.

Die letzten beiden Kilometer - Adrenalin und Erlösung

Als ich den Entdecker Amerikas umrunde und an der 39 vorbeikomme, wähle ich meine "Siegesmucke". Es ist ein DJ-Set von Deep Dish. Ich springe gezielt zu einem Lied, das ich zuhause beim Marathon-Training offt und gezielt immer auf den letzten beiden Kilometern gehört habe: "Aquaman knows what to do ..." lautet da eine Zeile. Und yeah - der Aquaman weiß es wirklich!

Positivieren. Programmieren. Ich weiß nicht, ob es die Musik ist. Oder das Wissen, dass in 2 Kilometern und 195 Metern alles okay sein wird. Vielleicht auch, weil der Körper nun, da er das Ende dieser Tortur, dieses Abenteuers buchstäblich vor Augen hat, die letzten, gut gehüteten Energiereserven frei gibt oder einfach nur, weil mir das Adrenalin, das mein Körper nun ausschüttet, buchstäblich aus den Ohren kommt: Ich beginne, wieder Kräfte zu fühlen.

So um die 40er Marke, sicher aber ab der 41er-Marke, beschleunige ich. Mein GPS sagt mir später, dass ich die Pace von 8:30 Minuten pro Kilometer auf sagenhafte 4:50 min/km steigern konnte.

Unglaublich: Der Zielbereich ist eine riesenfette Partymeile!

Hier ist es dann auch, dass ich endlich die Stöpsel aus den Ohren nehme. Und hier ist es, auf den letzten 1.500 Metern dieses meines ersten Marathons, dass ich endlich das Schreien, diese unendliche Begeisterung der Zuschauer, das treibende Getrommel der Bands am Straßenrand und wenig später diese atemberaubende Kulisse des Zieleinlaufes komplett mitbekomme: Ich zische los, bin nicht zu bremsen, um mich herum ziehen sie alle nochmal an, sie schnaufen, sie stöhnen, hinter mir brüllt sich einer aus voller Kehle ins Ziel und ich, ich husche an zwei, drei, fünf Mitläufern vorbei, komme durch den ersten von 3 Zielbögen - die Black Eyed Peas pushen aus den Boxen, mir schlägt eine Welle der Begeisterung entgegen, dann, dort, endlich, die Ziellinie - drüber.

Und rausnehmen.

Ich habs geschafft! Mein erster Marathon! Unglaublich.
Ich erlaube mir ein Lächeln.
Und ein Zweites bei dem Mädel, das mir die Medaillie umhängt.
Dann bekomme ich schon fast nix mehr mit: Ich bin im Ziel.

Gehirn aus.

Nach dem Marathon. Ein Wrack, das ein Körper ist.

Sarah holt mich ab. Gemeinsam humpeln wir zu unserem Appartement. Dort dusche ich ausgiebig (Autsch, Sonnenbrand auf dem Kopf!) und ich entledige mich ächzend aller Kleider, der Schuhe, steche zwei (nur zwei?) Blasen auf und reibe mir die gesamten Beine flächendeckend mit kaltem Franzbranntwein ein.

So sitze ich, warm verpackt, ein, eineinhalb Stunden vor dem Fernseher und sehe mir die Volta a Catalunya an: Draußen durch das weit geöffnete Fenster drängen noch immer die Rhythmen vom Zieleinlauf. Auch jetzt noch kommen Leute im Ziel an.

Ahh, ein kühler Balkon ...

Am Ende steht eine Zeit von 4 Stunden 30 Minuten und 13 Sekunden auf meinem Konto. "Punktlandung", twittert einer meiner Follower, nachdem ich mir während meines Trainings diese Zeit immer als realistische Zielzeit herausgerechnet hatte.

"Marathon? Der hat doch einen Führerschein?!?", sagt mein Bruder zu meiner Mutter, als die ihm mein Ergebnis durchgibt.

Wenig später laufen wir eineinhalb Stunden zum Hafen, um bei einem ausgiebigen Siegermahl den Marathon zu feiern. Aber die meiste Zeit sitzen wir eher still da - selbst zum Sprechen fehlt mir die Kraft.
Noch zwei Tage nach dem Lauf, längst zurück in Deutschland, habe ich deftigen Muskelkater in den Oberschenkeln, leichten kater in der rechten Wade und ein ziemlich unangenehmes Stechen im rechten Knöchel.
Sonst aber - und das überrascht mich - bin ich fit und fühle mich super.

Was dieses Marathon-Abenteuer bedeutet.

Zunächst stelle ich fest, dass es eine wunderbare, einzigartige und eigentlich unbeschreibliche Erfahrung ist. Etwas so sagenumwobenes, absolut unvorstellbares und nicht zu vermittelndes wie einen Marathon zu absolvieren, an dem noch so viel mehr mythisches hängt, als nur die 42,195 Kilometer, kann nur nachvollziehen, wer es gemacht hat.

Als ich mir das Pace-Diagramm anschaue, muss ich staunen: Laufe ich anfangs noch relativ gleichförmig und kompakt, kippt die Kurve nach eineinhalb Stunden merklich ab.


Das "Tal des Todes" kann ich auch ziemlich genau ausmachen: Ab 2:30 Stunden laufe ich unrhythmisch (wobei dort die Strecke viele Haarnadelkurven und langsame Drängelbereiche enthalten hat) - ab kurz vor 3:30 dann der Einbruch.

Genau kann ich am nervösen Gezuckel der Linie ablesen, wo ich gegangen bin und wo ich mich wieder zum Laufen aufraffen konnte. 11 mal gehen also. Oha. Das muss besser werden.

Und doch - ist diese Pace-Linie ein wertvoller Indikator für Fehler im Marathon. Für mein allzu optimischtisches Rangehen im 4-Stunden-Block und meine eher unausgeglichene Laufleistung. Viele Lehren fürs nächste Jahr.

Aber egal: Gefinished ist gefinished! Undd noch dazu mit meiner Zielzeit (trotz Gehen!)

Ich zähle nun also auch zu diesem Kreis der Marathonläufer.
Ein tolles Gefühl.
Und das erfüllt mich mit unglaublich viel Stolz.

Next year again? Yeah, sure!

Ich starte in die Rennradaison 2012 nicht nur mit einem absoluten Highlight-Event - sondern mit einem Erfolgserlebnis, das mir so viel Kraft und Zuversicht gibt, dass mir die kommenden Aufgaben - und da kommt so Einiges! - sehr viel weniger bedrohlich erscheinen. Ich kann alles schaffen!

Und wie wunderbar reiht sich dieser Marathon in mein Trainingskonzept ein! Wie wichtig war es doch, nachdem ich 2011 beim Zeitfahren Hamburg-Berlin gescheitert war, dieses Zeitfahren eine Woche später zu wiederholen - und zu meistern! Der erste Baustein. Dieser kleine Sieg hat mir so viel Zuversicht für den Marathon in Barcelona gegeben - und damit das Fundament für die Saison 2012 gegossen.

Die Rennrad-Saison kann kommen.

Und nun, nach so vielen Stunden Trainings bei Temperaturen bis zu minus 13 Grad - dieser Kracher in Spanien. Besser kann eine Wintersaison nicht starten, besser kann sie nicht enden - und eine bessere Basis für eine erfolgreiche Saison auf dem Rennrad kann es nicht geben.

Alles richtig gemacht?

Für einen, der nicht gern läuft?
Für einen, der "nur mal ein Trainingsziel für den Winter" brauchte?
Absolut!, würde ich sagen.

Beim nächsten mal ...... werde ich bestimmt in nicht mehr mit 750 ml Getränk an den Start gehen. Werde ich bestimmt nicht 3 Lagen Trikots tragen und mit einer langen Hose auflaufen. Werde ich sicherlich keinen GPS-Hazzle mehr haben und auch meine Zehen großzügig mit Pflaster abkleben. Beim nächsten mal gibts eine Kappe gegen die Sonne und nicht das Edge 800 sondern meinen betagten - dafür am Handgelenk zu tragenden - Forerunner von Garmin.

So schön das Cervélo-Trikot auch ist: 2013 gibts "echte" Laufklamotten.

Und dann werde ich nicht bei den Sub-4-Stunden-Jungs versuchen mitzukommen, sondern gleich die Pace laufen, die ich kann - und beim nächsten mal, sicher!, werde ich ein Rezept gegen das Tal des Todes haben, diese verdammten Kilometer 32 bis 38 zu überleben, sicher werde ich das haben! Ich werde noch geilere Mucke auf den Ohren haben, ich werde an meinem zugegeben recht komisch aussehendem Laufstil gearbeitet haben.
Ich werde wieder antreten.
Ich werde wieder ankommen.
Und ich werde die 4:30er-Marke unterbieten.


Hier gehts zum Garmin-Track (es fehlen 1,irgendwas Kilometer)


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Wie sind Eure Erfahrungen bei Eurem ersten Marathon gewesen? Ich freue mich über Eure Comments.

Kommentare:

  1. Hallo Lars,
    sehr schöner Bericht von deinem ersten Marathon und herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen abschneiden.

    Als ich mir deinen Bericht durchlas konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie es dir ergangen ist. Ähnliches habe ich auch mitgemacht...nur unter anderen Vorzeichen. Bei mir waren es am Start gerade mal +2 Grad und im Ziel war das Thermometer auch nicht über die 10 Grad Grenze geklettert. Mit anderen Worten...es war arschkalt.

    Zu deiner Ausrüstung muss ich allerdings sagen, dass das schon fast grob fahrlässig war, was du da alles mit dir rumgetragen und angezogen hattest. Umso größer mein Respekt, dass du das so hast durchziehen können.

    Wann und wo startest du zu einer Sub 4.00h Zeit? ;-)

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  2. hi andy,

    danke für deinen comment.

    ja, das war etwas ... zu optimistisch mit meinem equipment, da hast du recht. beim nächsten mal dann sicher ebenso minimalistisch, wie die übrigen mitläufer.

    das "nächste mal" wird wieder ein frühlings-marathon sein. denn eigentlich bin ich radsportler.

    also, so ab november 2012 geht dann wieder das training los, um dann im märz irgendwo wo es warm ist (vielleicht wieder barca?) mit einem marathon zu beginnen.

    sub 4 wird der aber sicherlich nicht.

    sub 4:30 wäre mal was...

    liebe grüße,
    L

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  3. Hey Larsi,

    super gemacht, auch super geschrieben! Das motiviert ungemein. Ich muss so etwas auch mal machen. Nächstes Jahr dann ;-)

    Bei der Wahl deiner Klamotten musste ich kurz stutzen. So viel trage ich beim Laufen nicht mal unter 0 Grad...

    Liebe Grüße aus Halle

    Lars

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  4. hi larsi,

    danke für die glückwünsche nochmal.
    ja, ich friere halt schnell und performe besser, wenn ich schwitze. wenn ich dagegen nur ein bisschen friere (mein körperfettanteil ist tief einstellig) performe ich katastrophal.

    aber hast recht: bei 26 grad muss man nicht lang & in drei schichten einen marathon laufen.

    man lernt nie aus :o)

    bin gespannt auf deinen strongmanrun-bericht :o)

    DU SCHAFFST DAS.

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    1. Danke. Ich werde mir Mühe geben. Wie du schon gesagt hast: die Mitrunner werden mich ins Ziel ziehen. Zur Not müssen sie mich eben ins Ziel tragen ;-)

      LG

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  5. Saubere Leistung - Hut ab - RESPEKT!

    Ich habe deine Vorbereitungsphase im Blog verfolgt und gratuliere dir ganz herzlich zur erfolgreichen Umsetzung deines "Projects".

    Mit sportlichen Grüßen
    Alexander

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  6. hi alexander,

    lieben dank! das freut mich sehr :o)

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  7. Gratulation und sehr schöner Bericht. Konnte viele Parallelen zu meinen Marathon wiederfinden. Ein Tipp zur Bekleidung. Wenn du leicht frierst, vielleicht Armlinge nutzen die du dann später locker ausziehen kannst.

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  8. Lars, das ist ein Bericht, wie man ihn gern liest. Schön geschrieben, man kann die Emotionen geradezu im eigenen Stuhl sitzend nacherleben. Über 10km bin ich noch nicht hinausgekommen, verfolge es bisher aber auch nicht explizit. Vor dem kurzen Weg bis zum Ziel: Respekt hast du dir da verdient!
    Und das nächste große Ding, das RATA... dafür drücke ich dir einfach nur die Daumen!

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    1. danke martin :-)

      laufe doch einfach mal die halbdistanz - das geht ohne probleme, glaub mir.

      viel spaß & grüße

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