24. Juli 2013

Carbon versus Stahl: Ich teste ein Stahlrahmen-Rennrad von Jaegher.

Ach, herrlich, das passt doch super zu diesem Mega-Sommer, unter dem wir jetzt alle zu Leiden haben: Erinnern wir uns mal wie es war, als im April die Temperaturen noch bei klirrekalten -4 Grad dümpelten, ich, dick eingepackt am Start der Jedermann Flandenrundfahrt auf dem leeren Marktplatz von Brügge ... ah, jetzt kühler?

Dann legen wir mal los. Heute soll es endlich mal mehr zu lesen geben zu dem Rennrad, dass mich immerhin 150 Kilometer durch die Ronde van Vlaanderen gebracht hat: Das Jaegher Interceptor.


Ronde. Koppenberg. Nur Bekloppte. Ein Wahnsinn :)

Diel Vaneenooghe, der Inhaber und mithin die vierte Generation der berühmten flandrischen Rahmenbauer, übergibt mir am Vortag das schneeweiße Rennrad mit den Worten "Es hat 0 Kilometer runter. Frisch vom Lackerier. Du solltest wenig stürzen."

Das Jaegher Interceptor - erster Eindruck

Mein neues Rennrad sieht klasse aus. Der Rahmen - wie es sich für ein Stahlrahmenbike meiner Meinung nach gehört - ist gerade, schnörkellos. Dieses Rennrad strotzt barock vor Understatement. Diel hat 25 mm-Bereifung (Schlauchreifen) montiert, eine Maßnahme, der meine Pobacken einige Stunden später Dank zollen werden.


Klare Linien - bereit zum Höllenritt

Der Interceptor ist die Allzweckwaffe im Portfolio der Jaegher-Rahmen. Die kleine Manufaktur bietet diese Rahmen (sehr ungern, wie man mir sagt) in den normalen Standardgrößen ab 48 bis 61 an - wünschenswert und absolut zu empfehlen ist es aber, sich in das kleine Dörfchen Ruiselede direkt in die Hände des Meisters zu begeben: Immerhin hat es Diel noch von seinem Opa gelernt, einen Menschen perfekt einzumessen. Und Opa muss es wissen: Der hat damals für Eddy Merckx die Rennräder gebaut.

Mein Interceptor ist Standardgroße 58, passt mir also hervorragend.

Im Portfolio mit 5 Rahmen ist dieses Rad so etwas wie das Workhorse - hinzu kommen noch ein Bahnrad-Rahmen "Pistier", ein extrem leichter Kletterrahmen (der auf dem flandrischen Kopfsteinpflaster nix zu suchen hat) "Ascender", das Topmodell, dann noch der klassisch gemuffte "Phantom" und der Crosser "Faloon". Für jeden was dabei.

Der Stahlrahmen des Jaegher Interceptor

Ich habe das Lager bei Jaegher in der Werkstatt gesehen: Edles Geröhr vom italienischen Hersteller Columbus, spezialangefertigte Steuerrohre mit lasergefrästen Logos im Schaft, wunderschön gearbeitete Muffen: Ein Traum!


Schneeweißes Ross - ansonsten sind alle Farben der Welt denkbar

Mein Rahmen ist - bis auf die konisch zulaufenden Ausfallenden am Heck - als klassischer Aufbau sofort schön. Selbst meine Liebste findet das Rennrad "hübsch". Und das liegt eben an der einfachen Geradlinigkeit der Konstruktion: Dort, wo sie die aktuellen Carbon-Rennräder die ausgefallensten Slopings, Krümmungen, Aero-Profile und sonstwas für Design-Elemente einfallen lassen müssen, um sich abzuheben, bietet der Werkstoff Stahl aufgrund seiner Natur eher wenig Gestaltungsmöglichkeiten: Und verlangt nach einfachster Verarbeitung.

Diese Schnörkellosigkeit sorgt für klare Linien. Wunderbar.

Die Schweißnähte sind perfekt, die Schuppung weg geschliffen und unter einer Schicht makellosem Lack verborgen.

Klassisches Design und individuelle Akzente

Das Jaegher hat einen Farbklecks. Eine Banderole aus Lack an der rechten Strebe enthält Informationen über den Coladosen-dicken Columbus-Stahl, der hier verarbeitet wurde. Es sieht aus wie eine Kampfnarbe, rot-glühendes Bäckchen vor dem Angriff. Sehr nett.


Farbklecks am Heck - wie eine stolze Kampf-Narbe

Ansonsten prangt auf dem Oberrohr noch in Silber eine Lack-Banderole, die den Namen und einige Daten zum Schweißer, zum Lackierer und Ausstatter des Rennrades enthält (Ja, hier steht noch ein Mensch mit Name für sein Produkt). Zudem hat man die Wahl, sich noch einen von 10 Eddy-Merckx-Sprüchen als Motto auf das Rohr malen zu lassen.

Die Carbon-Gabel kann als weiterer Farbeffekt dazu gewählt werden, ebenso wie die Sattelstütze aus Carbon.


Jaegher - das ist Handarbeit vom Meister persönlich

Alles in allem ein wunderschönes Rennrad - obschon mich die dicke Bereifung optisch stört. Aber wie gesagt, das ist alles vor meinem Ritt über das Pflaster Flanderns und diese Aussage werde ich später wieder revidieren. Wenn es nach mir ginge, hätte Diel auch ruhig 35, 45 oder gleich Fatbike-Bereifung aufziehen können ...

Stahlrahmen-Bike vs. Carbon-Renner - das Fahrgefühl

Eines vorneweg: Ich "teste" nicht oft Rennräder, kann daher nur etwas über meinen ganz persönlichen Fahreindruck erzählen. Zudem habe ich, was die Carbon-Fraktion angeht, nur Erfahrungen auf dem Cervélo R3 und dem Cervélo S5 ... also, erwartet bitte keine professionelle Auseinandersetzung.


In Flandern Pflicht: 25 mm-Bereifung

Das Stahl-Rennrad ist - leider keine Waage dabei - nur geringfügig schwerer als mein Cervélo S5. Sicher mag das an den dicken Schläuchen liegen, sicher auch am Werkstoff. In Diels Werkstatt steht gerade ein 10.000 € teurer Ascender zum Versand bereit - Diel sagt mir, dass dieses Rennrad mit allem Drum und Dran knapp über 6,5 Kilo wiegt. Ich denke, das sagt alles.

Beschleunigung und Agilität von Stahl-Rennrädern

Ich kann das Interceptor ohne Unterschiede zu meinem R3 sofort sehr schnell beschleunigen, harter Antritt, hochschalten, Antritt, hochschalten - es ist wie ein Rausch, der erst dann aufhört, als meine Lungen brennen und der Luftwiderstand den Kopf schüttelt.

Zwar mag ich - noch immer nicht - die Schaltlogik und das hakelige Schaltverhalten der montierten Campagnolo Chorus, aber Jaegher schraubt ja auch Sram, wenns sein muss auch Shimano an seine Räder ...


Fand ich ätzend: Die Campa Chorus

Das Rennrad ist sehr agil: Vielleicht liegt das am kurzen Radstand, denn im Grunde ist die Geometrie dieses Rennrades vergleichbar mit den Abmessungen meines Bergrades R3 von Cervélo. Ich kann mit dem Rad sowohl bei niedrigsten Geschwindigkeiten - zum Beispiel im langsamen Gedränge auf den Hellingen - als auch bei Highspeed im Pulk jederzeit souverän steuern, habe auch in schnellen Abfahrten nie das Gefühl, dass das Rennrad schlackert, sich unsicher oder gar unberechenbar verhält.

Der Komfort eines Stahlrennrades

"Steel is real" sagen die Stahlfetischsten und das hat auch wirklich seine Berechtigung. Das Rennrad liegt fantastisch - selbst auf den mörderischen Pflastersteinen. Kein Klappern, kein Scheppern - nichts. Es gleitet über die Huckel, fast scheint mir, als fühlte ich, wie sich der Rahmen über die Pflastersteine windet, um bei jeder Windung wie eine Feder gleich die Kräfte abzudämpfen.

Ich muss mich anfangs noch zurück halten, es über die Hellingen zu prügeln: Ich bin mir sicher, mein Carbon-Rennrad hätte hier und heute einen Rahmenschaden davon getragen. Das Stahlrennrad will hier so behandelt werden, fast scheint es, als fühle es sich hier wohl.

So viel Komfort (wenn man das mal so nennen darf) habe ich auf meinen Carbon-Rennrädern nicht. Nicht einmal ein Zehntel davon.


Sieht man ihm nicht an? Ist aber trotzdem eine Kampfmaschine.

Die Fahrqualität begeistert mich und ich muss sagen, dass ich diesen viel gepriesenen Vorteil von Stahl hier auf den krassen Pflastern Flanderns wirklich gespürt habe. Der Stahlrahmen scheint Vibrationen bis zu einer gewissen Frequenz komplett zu dämpfen, die großen Brocken zumindest abzumildern. Und das Beste daran: Das alles, ohne Fahrstabilität oder Speed zu beeinträchtigen.

Beeindruckend!

Abschließend - Stahl oder Carbon?

Als ich zurück komme von der Flandernrundfahrt - nach nur 150 Kilometern breche ich ab - haben es Temperaturen, Strecke und Pflastersteine geschafft, mich komplett fertig zu machen. Das Jaegher aber steht da, wie noch bei km 0: Ein paar Schlammspritzer, etwas Staub. Ansonsten scheint es mich aufzufordern: "Los, Alter, aufsitzen! Jage mich über den Asphalt, los, quäl Dich Du Sau!"

Es war eine Offenbahrung, nicht mehr und nicht weniger.

Steel ist wirklich real und wenn ich noch 5, 6, 7.000 € übrig hätte, ich würde mich sofort und ohne zu duschen bei Diel auf den Hocker setzen, mich einmessen und mir von ihm mein eigenes Jaegher bauen lassen.


Ab nach Brügge: Ein Jaegher ordern :)

Die Fahrqualität ist dem eines Carbon-Rennrades meiner Meinung nach in jeder Hinsicht überlegen. Agilität, Beschleunigung und Fahrverhalten sind jederzeit kontrollierbar, und sind kontrolliert bis an ihre Grenzen ausreizbar. Das geringe Plus an Gewicht - haben moderne Aero-Carbonrenner heutzutage auch.

Stahl kann stürzen (ich hab es allerdings nicht ausprobiert), kann sich verbiegen - kann aber fast immer wieder repariert werden. Bei Carbon sieht das (oft) ganz anders aus. Das wäre ein Fall für den Sondermüll. Stahl hält ewig, "wächst" mit der Zeit mit seinem Besitzer und den Beanspruchungen. Kann noch nach 50 Jahren gesandstrahlt und neu lackiert werden: Und ist dann wie neu.

Jaegher gibt lebenslange Garantie.

Tausche ich jetzt meine Cervélos ein? Geht nicht. Naja. Die sind auch Superbikes, aber eben Superbikes von heute. Von einer modernen, globalisierten, technologisierten Zeit. Weltraum-CAD-konstruierte und Windtunnel-optimierte Carbonmatten-Layout-tuned High-Mold Frames für den Einsatz im 21. Jahrhundert.

Jaegher. Baut. Rennräder. Punkt.


Zu diesem Thema:

Hier könnt Ihr den Blog-Post über meinen Besuch bei Jaegher in der Werkstatt lesen.
Und hier gibts den Blog-Post von meiner Teilnahme an der Flandern-Rundfahrt.
Hier ist der Link zur Jaegher-Website.

Kommentare:

  1. Tja, aber was wird denn nun dein Nächstes?

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  2. Lieber Lars, ich schrieb "was wird", nicht "was würde";-)

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  3. Schönes Hohelied auf den Stahlrahmen.... Klasse !

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  4. Hallo Lars,

    toller Bericht und ein sehr geiles Rad. Allerdings hält Stahl auch nicht ewig, irgendwann ist auch eine Stahlkonstruktion nicht mehr stabil, gerade wenn man sie dynamisch belastet :-).
    Ich finde dieses Rad, auch wegen seiner schnörkellosen Bauweise, einfach klasse. Ein Rennrad mit Muffen gefällt mir persönlich nicht so gut, auch die modernen Carbonräder ala Fuji oder Spezialized mit den geschwungenen Rahmen gefallen mir überhaupt nicht. Das Design vieler moderner Räder finde ich auch schrecklich, zu viele Farben oder Zierlinien, oder Schriftzüge wie z.B. bei Canyon (auf jedem Rohr der Markenname, am besten noch mit dem Zusatz .com *brech*) Das Interceptor wäre daher genau das richtige für mich. Mal sehen, wenn ich mich mal entscheide ein high end Rennrad zu kaufen (zur Zeit fahre ich noch ein Einsteiger Alu Radvon Steppenwolf), dann steht das Jaegher ganz oben auf der "Haben Will" Liste.
    Schön das es solche Firmen noch gibt. Danke für den tollen Bericht.

    Gruß Stefan

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    1. moin stefan,

      danke für deinen kommentar & dein lob.

      ja, das interceptor hats mir auch angetan. das tolle an dem laden sind aber die leute: echt eine geniale, eingeschworene gemeinschaft, die richtig bock an ihrem job haben und wo jeder schweißer mit seinem namen für seine arbeit steht.

      da war ich schwer von beeindruckt!

      grüße,
      L

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  5. Hallo Lars,

    wie bist du denn in die glückliche Lage gekommen, das Jaegher testen zu dürfen. Habe übrigens eine Mailanfrage bei den Jungs in Ruiselede innerhalb von zwei Stunden beantwortet bekommen. Für mich steht fest....sparen.....messen.....fahren.

    Gruß

    Kai, Hamburg

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    1. moin kai,

      danke für deinen kommentar und das lob.

      grüß den diel mal ganz lieb von mir und dann kann ich dir nur empfehlen: schnapp deine frau, gönnt euch ein wochenende im wunderschönen brügge, lass dich vermessen und viel spaß mit dem rad.

      ride safe

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  6. Ein toller Bericht. Ich selbst bin begeisterter Rennrad-Fahrer auf einem Stahl-Renner. Allerdings von einem Bianchi-Caurus.
    Allerdings hab ich an meinem Rahmen auch eine Stahl-Gabel.
    Insofern finde ich es an dem Jäger-Rennrad schon fast als einen Stilbruch, eine Carbon-Gabel zu verwenden.
    Ist für mich die Frage: Warum wurde nicht alles aus Stahl angefertigt?

    Gruß Rolf

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  7. moin rolf,
    danke für deinen comment.
    ich glaube, die haben auch stahlgabeln im angebot.
    ansonsten versperren sie sich dem werkstoff carbon nicht, ihnen gehts ja auch um performance. vielleicht passt da eine carbongabel ganz gut? wer weiß..
    ride safe,
    lars

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