14. September 2012

Rennrad-Test: Cervélo R3 vs. S5 Team

Ich schieße durch die Boxengasse bei Rad am Ring. In den Formel 1-Boxen sind die großen Teams untergebracht, die Firmenteams, die Teams der großen Sponsoren, die medienwirksam inszenierten Teams. Focus Bikes hat auch eine Abordnung vor Ort. Forcus gehört, genauso wie Cervélo, zur PON-Gruppe. Am Boxenrand entdecke ich ein Cervélo T-Shirt. Es wird getragen von Phil White.

Mit dem Cervélo S5 bei "Rad am Ring": Wo ist Phil White?

Phil White ist das "White" in VWD.
Vroomen-White-Design.
Phil White ist Cervélo.

Die Boxengasse fliegt an mir vorbei. Ich sitze auf einem Cervélo S5 Team. Rausche 30 cm an Phil White vorbei und kurzzeitig scheint es, als entluden sich statische Energien zwischen dem Carbonframe und seinem Erfinder. Die folgenden 25 Kilometer auf der Nordschleife denke ich über diese Begegnung nach.

Ich verdanke sie Detlef Adams von Cervélo.

Er stellt mir das S5 zur Verfügung. Denn ich wollte wissen, was es nun wirklich auf sich hat mit diesem Aero-Effekt. Was sie wirklich kann, diese Luftwaffe aus Carbon: Wo, wenn nicht auf dem High-Speed-Kurs mit den elend langen 11 bis 18 %-Anstiegen sollten sich Squoval-Rennrad und Aero-Rennrad miteinander vergleichen lassen?

Wunderschön: Size 56 Cervélo S5 Team mit Sram Red. Let´s go!

Eher aus einer Schnapsidee heraus hatte ich bei Cervélo angefragt, nie denkend, dass sie mir antworten würden. Danke, Detlef, dass Du hast.

Zwei Rennräder - zwei Konzepte

Ich fahre, wie Ihr wisst, das Cervélo R3 und das seit 2010. Mittlerweile habe ich mehr als 15.000 Kilometer auf diesem Rennrad zurück gelegt, habe einige mehrwöchige Touren durch Italien, Frankreich oder auch Deutschland geritten. Einen großen Teil dieser Kilometer habe ich in Rennhärte absolviert, bei RTFs oder den vielen Rennen, sei es im Rahmen des German Cycling Cup, der UCI World Cycling Tour oder den anderen Rennen, die ich als Fahrer der Equipe SunClass Solarmodule bestreite.

Ich kenne das R3 in- und auswendig. Ich habe es mit 96 km/h beim Ötztaler gafhren. Ich habe es auf den Stelvio, den Tourmalet, den Ventoux und einige andere der ganz großen, namhaften, höchsten und auch steilsten Berge der Radsportwelt getrieben.

Cervélo R und S: Die Profile machen den Unterschied.


Ich könnte über jeden Quadratmillimeter Carbon meines R3 Romane schreiben.

Mein R3 ist eine Bergziege. Eine Speed-Bergziege, nicht umsonst ist mein Nickname auf Twitter auch "Fast Transit": Bis auf die Kompaktkurbel, deren Anbau ich mich (oft selbst in den Anstiegen scheltend) widersetze, ist alles auf Klettertauglichkeit ausgerichtet, denn ich bin weder Sprinter noch Rolleur. Ich kann gut klettern.

Eine komplette 2010er Shimano Dura Ace-Austattung verrichtet tadellos ihren Dienst.
Die genialen Mavic R-SYS-Laufräder (bespannt natürlich mit Continental GP 4000 S) sind nicht nur extrem leicht, sondern auch sehr stabil - sie eignen sich hervorragend für den beschwerlichen Rennradweg nach oben. Ein Fizik Antares-Sattel (Carbon + Titangestell) ziert meinen Hintern: Er ist besonders leicht und schlank. Mein Lenker ist ein einfaches FSA-Teil aus Alu, nichts Besonderes, der Vorbau ein robuster Alu-Klotz von Profile Design.

Leistet tolle Dienste: Die Shimano Dura Ace am Cervélo R3

Das R3 bringt exakt 7,3 Kilogramm auf die Waage - kein absoluter Leightweight-Kampfwert, aber leicht genug, um nicht zu schwer zu sein. Wie gesagt, ich habe mir das Cervélo R3, so wie es bei mir steht, als Bergziege aufgebaut, die auch in der Ebene dank Heldenkurbel auf vernünftig hohe Speed zu bekommen ist.

Robert von Pirate Bikes, der offizielle Cervélo Fachhändler hier in Hamburg und für mich der beste Mechaniker weit und breit, macht mir das Cervélo S5 bei den Cyclassics startklar und übergibt es mir: Da steht das fortschrittlichste Aero-Bike, das Cervélo je entwickelt hat - und tatsächlich: Es sieht verdammt schnell aus!

Detlef hat mir eine SRAM Red montieren lassen, die von einer Rotor-Kurbel (auch Helden-Übersetzung) angetrieben wird. Ich lasse mir von Robert die Kassette meines R-SYS (ich verwende SRAM-Kassetten an meinem Rennrad) auf das S5-Hinterrad montieren: Auf meine 11-28 will ich an der Hohen Acht nicht verzichten.

Am S5 drehen sich Cosmic Carbone SR-Laufräder: Klar, dass ich hier Hochprofilfelgen und Messerspeichen brauche. Mein Hintern nimmt auf einem recht bequemen Fizik Arione Platz. Meine Hände greifen an einen Alu-3T-Lenker, der mit einem 3T-Vorbau montiert ist.

Am S5 fahre ich einen Rahmen der Größe 56. Ab 2011 stellt Cervélo eine neue Geometrie vor, die im wesentlichen auf veränderte Steuerrohr-Längen setzt: Hierbei sind die Steuerrohre der neuen Generation so lang, dass mir ein Rahmen der Größe 56 mit 3,5 cm-Spacern genügt: Die exakt gleichen Geometrie-Daten meines 58er-R3 kann ich problemlos auf den 56er S5 übertragen. (Anmerkung: Das 56er ist tatsächlich etwas zu klein für mich - am 58er benötigte ich dagegen keinen Spacer.)

Möglichst ohne Spacer: Ab 2011 mit verlängertem Steurrohr

Das S5 ist etwas schwerer. Leider verdaddel ich es, das Rennrad zu wiegen, aber subjektiv würde ich schätzen, dass das S5 insgesamt 500 bis 800 Gramm mehr auf die Waage bringt, als mein R3.Natürlich schlagen hier die schwereren Cosmics voll zu Buche: Der S5-Rahmen selbst sollte mit knapp 1.000 Gramm noch leicht genug sein.

Da ich noch die kompletten Garmin-GPS-Daten meines Rad am Ring-Einsatzes von 2011 habe und wir als Team mit 7 Rennrädern anreisen, entscheide ich mich dafür, nur das S5 mit an den Nürburgring zu nehmen.

Also los ... 13:15 Uhr.
Start 24-Stunden-Rennen.
Mein Test auf dem Aerobike beginnt.

Erste Fahreindrücke: Komfort? Direkt!

Naja, er beginnt nicht ganz, denn ich bin das S5 schon einige Tage vorher in Hamburg einmal Probe gefahren - zum Waseberg geschossen, die 15 %-Rampe erklommen, und wieder Heim.

Ich fahre bei Rad am Ring insgesamt 11 Runden - das sind 286 Kilometer.
Und mehr als 6.700 Höhenmeter.
Ich verbringe insgesamt mehr als 12 Stunden im Sattel des S5.

Das sollten genug Fahrdaten und Eindrücke sein für diesen Review.


Schon in Hamburg angefahren: Das S5.

Bereits in Hamburg kann ich auf Anhieb einige erste Fahreindrücke feststellen, die sich auf dem Nürburgring bestätigen: Das S5 ist ein sehr direktes Rennrad. Aufgrund des Aero-Rahmens, vor allem aber der aerodynamischen Formgebung der Sitzstreben, können diese nicht mehr so gut federn, wie die an meinem R3.

Der Effekt ist sofort spürbar (und hat sich bei erneuten Fahrten mit dem R3 direkt nach dem 24-Stunden-Einsatz rückbestätigt). Das Cervélo S5 vermittelt ein unmittelbareres Fahrbahngefühl. Es ist nicht unkomfortabel oder unangenehm. Ich würde es auch nicht als "hart" bezeichnen: Es ist eher wie der Unterschied zwischen einem Audi S8 und einem Porsche GT. Das eine ist ein schnelles, luxuriöses Auto - das andere hat ein Sportfahrwerk.

Ich baue ein paar hundert Meter Kopfsteinpflaster ein: Auch auf schlechtem Belag macht das S5 eine gute Figur. Es fühlt sich nie zu hart an, steckt die großen Schläge noch immer gut weg und im Gegenteil - vermittelt ein Gefühl unmittelbareren Fahrbahnkontaktes. Ich mag das.

Gut für lange Strecken: Der Fizik Arione

Sicher: Der Fizik Arione am S5 ist dicker gepolstert als mein Antares am R3. Das mag das Ergebnis etwas verfälschen.
Das S5 ist sicher kein englisches Sofa mit dem ich komfortabel um die Ecken zirkeln kann. Doch diesen Anspruch hat das Rennrad gar nicht. Eben: Es ist ein Rennrad. Und diesem Anspruch wird das S5 in puncto Fahrgefühl mehr als gerecht.

Cervélo im Anstieg: Klettermax oder Durchhänger?

In Hamburg bieten sich wenig krasse, aber dafür dann fürs Flachland doch überraschend vielfältige Trainingsmöglichkeiten, was Steigungen und Höhenmeter angeht. Ich selbst liebe den Waseberg, der zwar nur 800 Meter lang - aber dafür mit brutalen 15 % auch sehr steil ist.

Die Nordschleife in der Eifel bietet auch 15 %-Rampen, sogar eine mit 18 % und darüber hinaus auch mit insgesamt 11 km pro Runde auch genügend lange Anstiege. Eine ausreichend harte Prüfung für das S5.

Klettern mit Aero? Das S5 macht eine super Figur!

Mein R3 zirkelt leichtfüßig auch die noch so steilen Rampen hinauf. Die R-SYS-Laufräder sind eines der leichtesten Systeme auf dem Markt - die dicken, hohlen Carbonspeichen sind extrem widerstandsfähig und dabei sehr leicht. Das S5 hingegen bringt schon einmal Mehrgewicht des Aerorahmens wegen mit - auch die Cosmics sind als ausgeprägte Aero-Laufräder keine leichtfüßigen Kletterer.

Und doch: Auch in meiner elften Runde, auch bei meinem sechstausenssiebenhundertachtungfünfzigsten Höhenmeter, den ich auf dem S5 bei Rad am Ring bestreite, kann ich nicht sagen, übermäßig im Anstieg gelitten zu haben: Das S5 klettert mindestens genauso gut, wie mein R3. Oder sagen wir so: Die Gewichtsunterschiede fallen mir nicht negativ auf.

Ich wiege maximal 63 Kilogramm, bin also in Sachen Steifigkeit niemand, der hohe Ansprüche stellt. (Okay, so einen Satz sagt man auch nicht oft ...), also ich meine natürlich die Rahmen-Steifigkeit. Dennoch: Am S5 kann ich selbst unter höchster Krafteinleitung bei den extrem harten 18 % an der Hohen Acht keinerlei Verwindung oder sonst etwas "Weiches" erkennen - der Aerorahmen bleibt gnadenlos in Form.

Die guten Klettereigenschaften werden auch durch die Garmin-Daten bestätigt: 2011 benötige ich auf dem Cervélo R3 jeweils auf der ersten und der letzten (der 7ten) Runde für den Hauptanstieg zur Hohen Acht ab dem tiefsten Punkt 17 bzw. 20 Minuten.
Auch auf dem S5 benötige ich auf der ersten Runde für die selbe Strecke exakt 17 Minuten - In Runde 7 dann mit 21 Minuten eine Minute mehr, auf meiner letzten, elften Runde mit 22 Minuten noch eine Minute mehr.

Die Mehrzeiten in 2012 sind natürlich meiner etwas langsameren Gangart geschuldet, die ich bewusst an den Tag gelegt hatte, denn wir erinnern uns - 2011 halte ich nur 7 Runden lang durch.

Steif, steifer am steifesten. Kein Biegen oder Brechen.

Das S5 klettert genauso gut wie das R3, finde ich, und macht dabei eine super Figur. Selbst beim Ötztaler sehe ich einige immer wieder als "kletteruntauglich" bezeichnete Rennräder wie das S-Works Venge oder einige Cervélo S3. Und vergessen wir nicht: Der zweite Platz beim Dreiländergiro 2012 wird auf einem Triathlon-Rahmen Cervélo P3 gewonnen.

Also: Keine Angst auf dem S5 vor Bergen. Die könnt Ihr genauso wegbügeln!

High-Speed-Performance: Warp meets Safety

Das S5 ist für maximale Speed gebaut und sollte, neben dem Venge, das ich einmal sichte, das - windkanaltechnisch gesehen - schnellste Rennrad im Starterfeld sein. Vorweg: Ich werde am Rennwochenende auf dem S5 keine Rekorde aufstellen. Da wir erheblichen Nordwind (mit bis zu 35 km/h Windgeschwindigkeit) haben, sind gerade die Bergabpassagen und mithin vor allem die Fuchsröhre wahre Kanäle, durch die der harte Gegenwind nur so gechannelt wird.

Nur ich selbst bremse: Das S5 produziert keinen spürbaren Widerstand.

Garmin gibt mir für 2012 eine Max-Speed von "nur" 89,1 km/h aus - das sind gemessen an den 95,7 km/h auf meinem R3 2011 natürlich keine goldigen Werte. Hier wäre ein direkter Vergleich sinnvoll gewesen, der leider so nicht möglich war. Über den Unterschied R3 - S5 bei Highspeed und vor allem einen eventuellen Speedgewinn durch Aero-Rahmen kann ich deshalb keine vernünftige Aussage treffen.

Dennoch: Auch knapp 90 km/h ist eine sehr hohe Geschwindigkeit, die einige Rückschlüsse zulässt. Zunächst einmal - das Cervélo S5 zieht seine Bahn wie auf Schienen. In keiner Sekunde hatte ich das Gefühl, das Rad würde instabil oder an seine Grenzen kommen. Heiko berichtet 2011 sehr oft von einem "Flattern" im Rahmen seines Canyon (er fährt keine Hochprofilfelgen). Schon auf meinem R3 konnte ich Heikos Eindrücke nicht nachvollziehen - und auch das S5 fährt (trotz gelegentlicher Seitenwind-Böen und windanfälligerer Hochprofilfelgen) die Fuchsröhre hinab als wenn ein Autopilot das Teil sicher auf Spur halten würde.

Geile Laufräder: Die Cosmic SR klingen nicht nur gut, die rollen auch spitze.

Kein Flattern, kein Wackeln, kein Korrigieren - das S5 ist ein "true descender", wie der Ami sagen würde.

Ich fühle mich zu jeder Zeit, bei jeder Speed sicher auf diesem Rennrad. Naja, außer anfangs in den Highspeed-Kurven nach der Fuchsröhre in extremer Kurvenlage - das aber ist den Mänteln geschuldet. Dazu später mehr.

In der Ebene: Ein Hauch von Nichts ...

Kennt Ihr das auch, wenn Ihr auf Euren Rennrädern fahrt, eine Gegenwindböe kommt und Ihr richtig merkt, wie das Rennrad unter Euch bremst? Dieses Gefühl habe ich beim R3 sehr oft. Die Squoval-Querschnitte vor allem des massiven, fast eckigen Geröhrs setzen dem Frontwind eine beträchtliche Stirnfläche entgegen, an der so einige Watt meiner Schenkelmuskeln verpuffen.

Beim S5 ist das eine ganz andere Story.

Hier habe ich nie das Gefühl, das Rad würde mich bremsen. Im Gegenteil - ich bin es, der bremst! Selbst bei den Gegenwind-Passagen sackt das Rad niemals unter mir weg. Ich spüre es nicht unter mir. Es scheint keinerlei Luftwiderstand zu produzieren. Es fährt sich, als sei es nicht da.

Geniale Formen: Aus jeder Perspektive ein Kunstwerk.

Ich trage ein Rennrad-Negligeé: Ein Hauch von Nichts. Und tatsächlich: Blicke ich nach unten zwischen meine Beine, ist das fast nichts zu sehen. (Okay, wieder so ein Satz ...) Die dünnen Rohrquerschnitte sind nicht nur in Sachen Ästhetik absolut einmalig und wunderschön anzusehen - sondern sie wirken auch.

Keine Zweifel mehr: Aero funktioniert! Ohne Scheiß, mich haben die knapp 350 Testkilometer auf dem Cervélo S5 absolut davon überzeugt, dass das Aerokonzept mehr ist, als nur eine neue Marketing-Sau, die sie durchs Dorf treiben, um an unsere Kohle zu kommen.

Das letzte Stück zu Start/Ziel sind ab Meuspath etwa 4 Kilometer schnurgerade Strecke. Zunächst geht es leicht bergab, dann leicht bergan. Ideale Testbedingungen für einen Speedtest in der Ebene. Was sagen die Garmin-Daten?

Kurven mag es. Geraden noch viel mehr.

2012 (wieder Runde 1, 7 und die letzte Runde) brauche ich auf dem S5 jeweils 7:30 min und ein mal 9:30 (auf meiner Doppelrunde, da habe ich es wirklich langsam angehen lassen) für diese Strecke. Im Vorjahr auf dem R3 sind das für die selbe Strecke mit 10:50 min bzw. 8:30 eine bis 2 Minuten mehr - und das auf nur 4 Kilometern!

Sicher, 2012 kommt ein schöner Rückenwind auf diesem Abschnitt hinzu, der wiederum die Vergleichbarkeit dieser Daten - ähnlich denen der Abfahrt - infrage stellt.

Dennoch: Ich fühle, dass das S5 in der Ebene um spürbar schneller ist, als das R3. Und Glaube versetzt ja bekanntlich auch Berge ...

SRAM Red versus Shimano Dura Ace

Danke, Detlef, dass ich SRAM fahren durfte: Ein weiterer Glanzpunkt an diesem wundervollen Rennrad. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe meine Dura Ace und sie hat mich noch nie im Stich gelassen. Sie verríchtet tadellos ihren Dienst am R3, schaltet unermüdlich die Gänge und Blätter, performed auch unter Last einwandfrei und ist eine wahre Augenweide.

Aber SRAM ... SRAM ist da eine ganz neue Welt, finde ich!

Der Umstieg auf die veränderte Schaltlogik gelingt mir binnen 5 Minuten. Ehrlich, sich vom Schaltbremsgriff-System mit den zwei Hebeln bei Shimano auf das Einhebel-System bei SRAM umzugewöhnen ist ein No-Brainer.

Am meisten beeindruckt mich, wie fast schon brutal die SRAM die Gänge reinknallt: BAMM! Schon rumst nur wenige Mikrosekunden, nachdem ich den Hebel betätige, ein neuer Gang rein. Es haut die Kette in einer atemberaubenden Geschwindigkeit auf das neue Ritzel, dass man mit dem Treten kaum hinterherkommt. Gegen SRAM fühlt sich meine Dura Ace fast schon weich an. Herrlich!

Fällt kaum auf, aber umso mehr ins Gewicht: Die Schaltung.

Abstriche muss der SRAM-Fahrer allerdings auch machen: Man kann keine Gänge überspringen. Das geht bei Shimano sehr gut. Oftmals, gerade in schnellen Beschleunigungsphasen oder wenn man von Highspeed auf Lowspeed wechselt, wären mehrere Gänge mit einer Hebelbewegung super - bei SRAM muss man jeden Gang einzeln schalten. Da aber der Hebelweg sehr viel kürzer ist, als bei meiner (2010er) Shimano, geht das auch fix.

Zweites Manko (und das nervt nun wirklich) ist der Umstand, dass bei SRAM, ist einmal der größte (oder niedrigste) Gang erreicht, jede weitere Hebelbewegung die Kette wieder zurück springen lässt.

Mehrmals passiert es mir so im Anstieg, dass ich denke, ich hätte noch einen kleineren Gang, ich den Hebel betätige, aber anstelle - wie bei Shimano - einfach eine Hebelbewegung ins Leere zu haben, die mir anzeigt, dass ich bereits im kleinsten Gang bin - schaltet SRAM einen Gang hoch. Man muss also jederzeit wissen, in welchem Gang man sich befindet - oder mit einem Blick nach unten den Sitz auf den Ritzeln kontrollieren.
Was im Dunklen zum Beispiel nicht funktioniert: Mehr als ein mal verschalte ich mich deshalb, was gerade im Anstieg sehr ärgerlich ist.

Vielleicht lässt sich SRAM da noch etwas einfallen.

Jedenfalls sind dies nur Kleinigkeiten: Alles in allem erfreut mich die SRAM am S5 so sehr, dass ich an meinem nächsten Rennrad in jedem Fall eine Red fahren werde.

Besser sitzen: Arione meets Antares

Noch 2010 sattle ich an meinem Cervélo R3 von Prologo Nago auf Fizik Antares um. Der Sattel ist extrem leicht - er besteht aus einem Carbon-Mantel der mit Kunstleder beklebt ist. Kein Polster - der Dämpfungseffekt wird durch die Elastizität des Carbons erreicht.

Selbst für den Fahrer fast unsichtbar: Was für ein schlanker Rahmen!

Der Antares ist wahrlich keine Couch und eher auf Leichtgewichtigkeit getrimmt. Ich als Markenschlampe wollte einfach einen Fizik-Sattel an meinem Cervélo haben. Hätte ich mich mal beraten lassen, denn mit dem Arione steht ein sehr viel bequemerer, weil gepolsterter Sattel aus selbem Hause zur Verfügung und so kann ich sagen, dass ich mich auf Anhieb auf diesem Gestühl sehr wohl gefühlt habe.

Dass im Laufe des Rennens dann doch wieder Sitzbeschwerden - diesmal überraschenderweise im Dammbereich, nicht am Po selbst - auftreten, ist sicherlich den 24 Stunden und meinem erst eine Woche vergangenen Einsatz beim Ötztaler Radmarathon geschuldet.

Auch hier wieder: Am nächsten Rad wird es ein Arione.

Auf dem Schlauch stehen: Vittoria versus Continental

Ich hatte es bereits erwähnt, dass ich mich, vor allem anfangs, nicht sehr wohl auf den Pneus von Vittoria gefühlt hatte. Später, gegen Ende des Rennens, hatte ich dann genug Vertrauen in Maschine und Gummi, dass ich ohne Probleme selbigen gegeben habe, aber ich muss doch sagen, dass ich irgendwie dem Conti mehr vertraue.

Das bezieht sich jetzt nicht auf Pannensicherheit, Laufwiderstand oder sonst etwas, sondern ist ein rein subjektives Gefühl - der Vittoria fühlte sich einfach nicht gut an. Da dies eine reine Bauchgefühl-Bewertung ist, messt ihr bitte nicht zu viel Bedeutung bei. Es ist eher was für mich. Intern. Ich bleibe beim Black Chili von Continental.

Die Offenbahrung nach Vroomen & White
 
Das S5 ist nun wieder bei Pirate Bikes und auf dem Weg zur Cervélo Testflotte. Was bleibt?

Es bleiben mehr als lebhafte Erinnerungen an ein über alle Maßen beeindruckendes Bike. Das S5 zu fahren war für mich - ohne zu übertreiben - eine Offenbahrung biblischen Ausmaßes. (Naja ... :)

Im Ernst: Ich war vor Rad am Ring und dem S5 so fest davon überzeugt, mir für 2013 eine Saison der Langstrecke zurecht zu basteln, die ich auf einem speziell für diese Herausforderung abgestimmten TT-Rad absolvieren wollte, dass es mir gar nicht in den Sinn kam, an ein Rennrad zu denken.

Schnellstes Pferd im Stall: Das Cervélo S5

Doch nun, nachdem ich knapp 350 Testkilometer auf dem Cervélo S5 abspulen durfte, muss ich sagen, ist in mir ein neues Feuer entflammt. Das S5, auf dessen bloße Fotografien ich bei seinem Erscheinen 2011 fast euphorisch reagiert habe, hat mich nun in natura so überzeugt, dass ich meine TT-Pläne wahrscheinlich ad acta lege und mir das S5 auf den Kaufzettel setze.

Leute, ohne Scheiß: Das S5 klettert gut, es fährt sich sicher, straight und sauschnell, es ist aus allen Blickwinkeln wunderschön anzusehen - Designdetails die kein Foto wiedergeben könnte erfreuen mich noch heute. Leute kamen an unsere Box, um staunend vor dem S5 stehen zu bleiben - selbst Heiko, kein ausgesprochener Aerofan meinte: "Sieht sauscharf aus!"
Und das stimmt auch.

Besser noch: Es fährt sich wie Sahne. Wie geschnitten Brot. Wie Schmidt´s Katze.

2013: Ein neues Design

Einige - höchst unansehnliche - Spypix vom neuen Design der Cervélos haben ja bereits in diversen Foren die Runde gemacht. Das übliche Design-Bashing setzte ein. Wir kennen das.
Als ich bei Rad am Ring das Focus-Zelt besuche und mir bei einer Feinjustage an der SRAM helfen zu lassen, stehen dort einige S5 und auch ein R5 im neuen 2013er Design.

Die VWD-Variante mit matt-anthrazit. Sieht geil aus!

Auch meine Fotos bringen den schicken Effekt des matten Anthrazits und dem Kontrast mit dem Weiß und dem Rot kaum angemessen rüber: Aber die Dinger sehen live wirklich geil aus.

Und so träume ich von 90 km/h auf dem S5.
Freue mich und bin dankbar, dieses wunderbare Rennrad testfahren zu dürfen.
Und bin Anfang Oktober bei Robert: S5 shoppen.

Ein Nachtrag

Nichtsdestotrotz putze ich am Wochenende nach RAR über zwei Stunden lang mein R3 und bringe Rahmen, Anbauteile, Kette und Schaltung auf Hochglanz. Es ist ein wundervolles Rennrad, ein Top-Performer und vor allem ein Rad, mit dem mich so viele tolle Erinnerungen an geile Rennen, an hohe Berge und rasante Abfahrten verbinden. Ich liebe mein R3.

An das, was dieses Rennrad mit mir erlebt hat, muss das neue S5 erst einmal heran kommen.

Großen Dank noch einmal an Detlef Adams von Cervélo, der mir die Möglichkeit gegeben hat, dieses Rad fahren zu dürfen. Und danke für die coolen Socken als Zugabe ...

Nachtrag 2

Es ist der 2. Oktober. Mein Test hat mich überzeugt: Ich habe das S5 bestellt.


Hier gibt es den Rennbericht der 24 Stunden "Rad am Ring" auf dem Cervélo S5

Kommentare:

  1. "ein Rennrad-Negligeé" Made my day! ;-)

    Hmm, aber dein "Vergleich" anhand von Garmin-Daten ist ziemlich für die Füße.

    Wie war der Wind, wie waren deine Beine, wie dein genereller Trainingszustand dieses Jahr, wo haben dich anderer Teilnehmer zum Pushen verleitet, wo ein wenig Windschatten geben können?

    Wenn, wieviel Anteil hatten die Laufräder am vermeintlichen Vorteil?

    Alles Faktoren, die einen objektiven Vergleich, selbst schon innerhalb eines Ereignisses, aber auf jeden Fall über ein Jahr getrennt, nicht zulassen. Gegen Ende relativierst du es ja wenigstens betreffend des Windes wieder ein wenig. Alles anderweitig dargestellte ist und wäre auch in die Tasche gelogen.

    Und: wenn dich ein Windstoß auf dem R3 spürbar bremst, auf dem S5 aber nicht, dann kannst du davon ausgehen, das die Windstöße nichts mit einander zu tun haben. Damit verneine ich nicht Aero-Vorteile am Rahmen, sondern rücke nur Drag-Anteile des Gesamtsystems Rahmen, Laufräder und Fahrer und insgesamt: objektive Vergleichsmöglichkeiten, zurecht.

    Andererseits: subjektive Placebo-Effekte sind beim Rennrad fahren und im Sport allgemein sogar dann auch objektiv wieder extrem wichtig. Ob das die Sockenlänge, das nicht Rasieren während eines Events oder das Gefühl ist, auf besserem (oder zumindest nicht schlechterem) Equipment als der Rest zu sitzen.

    Was du, ich und deine Leser aber aus diesem Test entnehmen können, ist, dass dir das S5 gepasst hat, das du auf Anhieb gut damit zurecht gekommen bist und dass es dir Freude gemacht hat - und das ist doch die Hauptsache. :)

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  2. Hi Lars,

    die Fahreindrücke kann ich bestätigen. Meine Begeisterung ist sofort groß gewesen. Natürlich war mein Sprung auch größer, denn mein Umstieg auf das S5 kam von von einem Red Bull Alurahmen. Bisher bin ich auch nur diese beide Varianten gefahren, trotzdem finde ich viel von meinen Eindrücken auch in deinem Bericht wieder. Im Gegensatz zu Dir bin ich allerdings um die 90 kg schwer (Saisonbeginn 96 - Ötzi 88)und von der neuen Steifigkeit begeistert. Im Juni bin ich den Rahmen auch in den Bergen Kärnten/Italien/Slowenien gefahren und bin auch der Meinung, dass man damit klettern kann. Bergab habe ich sowieso noch viel zu lernen, kam aber gut zurecht. Gewöhnungsbedürftig waren hier eher die Hochprofillaufräder. Wenn wir beide gemeinsam geradeaus bergabrollen, dürfte das größere Systemgewicht auf meiner Seite Vorteile bringen ... bis zur nächsten Kehre;-).

    Gruß

    Michael

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  3. Ganz nett - aber für mich doch de Hammer:

    http://www.bikeradar.com/road/news/article/canyon-speedmax-cf-evo-launched-33970/

    Bye,
    Admiral

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  4. Hey Lars und die anderen, habe eine Frage zum S2.In älteren Tests wurde der zu weiche Lenkkopf bemängelt, – unpräzise Lenkmanöver seien die Folge. Zitat: "Schon auf der Ebene muss der Fahrer bei schnellen Richtungswechseln häufig nachkorrigieren, bergab wird das S2 zwar nie gefährlich, fühlt sich aber einfach schwammig an" (roadbike2011).
    Ist das bei aktuellen Modellen immer noch der Fall und wie verhält sich dies beim S5?

    Besten Dank für eine Rückmeldung, hab mich in das S2 verkuckt und bin jetzt verunsichert.
    Christina

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    1. hi christina.
      wenn du nicht grad 1.000 watt ins sytem einbringst und 92 kilo wiegst: kein problem!

      :-)

      und hey, die "tests" würde ich nicht zu ernst nehmen. ich habe noch nie am R3 oder S5 irgendwas schwammiges oder weiches bemerkt.

      mach einfach eine testfahrt und vertraue auf dein gefühl.

      suche hier im blog mal nach dem artikel JUST SAYIN... und vielleicht hilft dir das schon weiter, etwas sicherer zu werden.

      hab spaß mit deinem S2, das ist ein tolles gerät.
      der dreiländergiro gewinner 2012 ist meines wissens nach ein S2 gefahren...

      liebe grüße,
      lars

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  5. Lieben Dank Lars, das beruhigt ungemein und ich dachte gerade meine 49kg wären eher das Problem...., also für die 92 brauche ich schon ein Kettenhemd und Ganzkörperrustung und ich habe mir sagen lassen, die Zeiten in denen wir unsere Schlachtrösser so eisern bestiegen sind mittlerweile vorbei ;-).

    Den Artikel hab ich noch nicht finden können, aber lese mich gerade durch alle tweeds durch, sind ja alle spannend und interessant.

    Liebe Grüße,
    stephania

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    1. hi stephania,

      nee, 49 kilo sind wirklich nicht das problem :-)
      ich bin mit 63 kilo zwar auch kein schwergewicht, aber ich habe bisher noch niemals ein rennrad irgendwie an seine belastungsgrenze bekommen: nicht bei 25% steilen anstiegen, nicht bei 90 km/h abfahrten. keine sorge.

      den artikel JUST SAYIN findest du im april 2012.

      LG L

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  6. hi lars,
    ich möchte mir nächstes jahr ein neues rad zulegen, fahre bis jz ein r3 und möchte mir nächstes jahr ein aero rennrad zulegen. Was wäre deines erachtens besser, ein cervelo S5 oder ein specialized venge.

    ich habe angst, das der s5 nicht so steif ist, weil viele tests die Steifheit bemängeln "Trotzdem fiel mir auf, dass es beim Steuerrohr ha- pert – es ist einfach zu dünn, und etwas mehr Steifigkeit würde ihm guttun"

    Oder sollte ich mir doch lieber ein steiferen rahmen holen, wie zum Beispiel den BMC Teammachine SLR01 und auf die Aerodynamik verzichten?

    MFG
    Franz Köhler

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    1. hi franz,

      erst mal danke für deinen comment.

      zunächst: ich bin noch nie ein venge oder eine BMC gefahren, habe also keine vergleichswerte. momentan aber habe ich die ersten 1.500 km auf meinem eigenen S5 zurück gelegt, darunter sind knappe 500 km am berg bei 15%.

      was ich sagen kann: das S5 IST extrem steif. ich wiege zwar nur 63 kilo, also bin kein ausgsprochenes schwergewicht, aber ich zumindest kann subjektiv keinerlei unterschiede zum extrem steifen R3 erkennen.

      im gegenteil: das S5 fährt sich einfach nur geil! das einzige, was wirklich neu ist, ist bei highspeed (ab 70, 80 km/h) die seitenwindanfälligkeit, die aber eher von den hochprofilfelgen kommt. daran muss man sich gewöhnen.

      ansonsten - und als CERVELOVER ist das ja klar - möchte ich dir sehr zum S5 raten.

      von dem, was ich über das venge gelesen habe, soll es sehr hart sein. das wiederum ist das S5 nicht: mit dem richtigen sattel (ich fahre arione von fizik) ist das einfach nur hammer.

      demnächst schreibe ich einen post zu meinen ersten 2.000 km auf dem S5, da habe ich dann etwas mehr infos hierzu.

      ansonsten habe: S5 kaufen, na klar!

      :)

      das venge ist sicher auch eine geniale maschine. mich persönlich stört bei specializes aber das sloping und das fette steuerrohr. die BMC ist sehr geil vom aussehen her, da habe ich aber keine kenntnis über steifigkeit etc..

      wenn du die möglichkeit hast: probiere doch alle drei und lass sein bauchgefühl entscheiden (wenns schon nicht der geldbeutel tut)

      kannst ja mal schreiben, für was du dich entscheiden hast ...

      grüße & ride safe
      L


      p.s. - hier gibts noch ein paar infos zu meinem S5: http://cervelover.blogspot.de/p/cervelo-s5-speedweapon.html

      Löschen
  7. hi Lars,

    danke für die Informationen und Ratschläge. ich glaube ich bleibe bei dem s5, da ich selbst auch ein riesiger Cervelo-Fan bin :P und man muss ja seiner marke treu bleiben ;)

    wie viel max. Watt erreichst du eig ? und wie fährt sich das S5 auf Kopfsteinpflaster?

    und welche Komponente würdest du mir empfehlen Ultegra DI26770 oder Sram red?
    Und lieber die Easton EC90 TT 90mm oder Easton EC90 Aero 56MM?

    Ps: ich fahre damit Größtenteils Triathlon und flache Rennen und vllt 4 mal im Jahr solche Rennen wie am Sachen Ring ;)

    MfG
    Franz

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    1. moin franz,

      sehr gut! :)

      wattmessung ist immer sone sache. auf einer festen rolle mit integriertem digitalen wattmesser habe ich mal 900irgendwas watt erreicht. war aber nach 10 sek tot. underway? keine ahnung, ehrlich gesagt ... du kannst mal meinen blog nach dem artikel "leistungsdiagnostik" durchsuchen, da sind ein paar werte von mir, die aber recht widersprüchlich sind.

      komponenten ... schwierig. kommt ja meist auch auf das budget an.

      wenn du triathlon machst, also wenig berge, gerade strecken, kurze strecken, dann würde ich über eine scheibe hinten und ein schönes hochprofilrad vorn nachdenken. LRS-mäßig bin ich großer fan von mavic (auch, weil ich nie was anderes gefahren bin)

      S5 auf kopfsteinpflaster (würde aber annehmen, dass wenige triathlons die teilnehmer aufs pave schicken) ist alles OK. die meiste "angst" habe ich eh nur um die speichen, weswegen ich ein kopfsteinschleicher bin.

      schick mal gern fotos vom neuen boliden & viel spaß beim kaufen :)

      LG L

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