24. Januar 2013

Stahlrahmen-Rennräder vom Feinsten: Zu Besuch bei Jaegher in Flandern.

Es ist klirrekalt, noch kälter als im heimatlichen Hamburg, als mein Zugfenster hinter Brüssel den Blick auf die flache, leicht schneebedeckte Landschaft Flanderns freigibt. Mein Hauchen gefriert an der Scheibe. Gleich bin ich da. Brügge. Dann noch ins Taxi. Mein Ziel? Ruiselede. 



Ich sitze seit gestern 17 Uhr im Zug, kleiner Zwischenstopp mit Hotelaufenthalt in Köln, heute morgen geht es kurz vor acht Uhr wieder los. Nun, es ist 12 Uhr, schmeißt mich der schrullig-sympathische Taxifahrer in einem kleinen Dörfchen vor einem unscheinbaren Haus raus. 
Ich bin da.

Familientradition, Radrennsport und handgemachte Stahlrahmen

Mich begrüßt Diel Vaneenooghe, ein gerade mal 30 Jahre junger Mann. Kahl geschoren. Hartes Gesicht, fester Händedruck. Er ist die vierte Generation. Hinten in der Werkstatt, so zeigt er mir mit einem kurzen Finger-Wink, arbeitet sein Vater. 

Der lötet gerade einen Rennrad-Rahmen zusammen, hat keine Zeit.

Ich bin bei Jaegher. Airlight Steel Race Frames - tailor made in Belgium.


Unglaublich, was ich hier in den nächsten Stunden erleben werde, was ich sehen werde. Welche Geschichten Diel mir - anfangs etwas wortkarg, fast schüchtern, später, bierselig, umso sprudelnder - erzählen wird. Es wird ein Traumtag für alle, denen Rennräder und Radsport am Herzen liegen.

Die Familie Vaneenooghe, so erfahre ich als erstes, baut hier seit 1934 in Handarbeit Rennräder. Anfangs gelötete Muffen, heute edelster Columbus-Stahl und 5 Modelle.
Jahresproduktion: Knapp 200 Rahmen.

Handgefertigt, versteht sich. Nach den individuellen Maßen der Kunden, versteht sich auch.


Diel ist dabei, den Laden zu übernehmen. Schon zuhause begeistert mich die absolut professionelle Website, im Laden - auch wenn er von außen weder durch ein Schild zu erkennen ist, noch die Schaufensterauslage auf eine Rennradschmiede hindeutet - finde ich super geshootete Poster, ein tolles Kundenmagazin und einfach alles, was eine zeitgemäße Marke in diesem Preissegment an Werbung benötigt.

Die Rennräder von Eddy Merckx

Benötigt?

Vaneenooghe ist Radsportgeschichte. Nötig hätte dieser Name weder Broschüren noch Websites.


Oben in einer Ecke des Ladens steht es, ein original Rennrad des "Kannibalen". Eddy Merckx, mit über 500 Siegen bei allen großen und kleinen Radrennen dieser Erde der erfolgreichste, der größte Radsportler aller Zeiten.

Die Rennräder von Eddy Merckx wurden von Diels Großvater gebaut. Er schätzte den hohen Qualitätsanspruch der Vaneenooghes, die peinlich genau bis ins letzte Detail perfekte Arbeit abliefern wollten. Ein Anspruch, der Diel von dessen Vater von Kindesbeinen an vermittelt wurde: Noch heute übernimmt Diel die Endkontrolle aller Rennrad-Frames, bevor diese zum "besten Lackierer Belgiens" gehen, der nur ein paar Häuser weiter seine Werkstatt hat.

Diese Endkontrollen können Stunden dauern.


Über dem großen Fenster, durch das man aus dem Shop in die Werkstatt sehen kann, hängen sie, die drei Generationen großer Rahmenbauer: Der Gründer und "Godfather", Odiel, Diels Vater Luc und Etienne, der "Bulle".

Drei Generationen - Handfeste, echte Radsportgeschichte. Diel ist dabei, seinen Platz hierin zu definieren. Und ich finde, er macht das großartig.

Jaegher - Airlight Steel Race Frames

Die Auswahl an Stahlrahmen ist mit 5 Modellen recht groß für eine Manufaktur von nur 5 Mitarbeitern, staune ich. Für jeden Geschmack ist etwas dabei: Das Fixie für schnelle Runden auf der Bahn, der leichte Kletterer und ein etwas gestreckteres Modell für die langen Rennen.


Im Shop haben sie die Rahmen ausgestellt. Aufgebaut nur mit besten Komponenten: Unter Red, Dura-Ace oder Record wird nur ungern eine Gruppe an die Rahmen gebaut. 3T und beste Laufräder, handgefertigte Schlauchreifen. Diel ist stolz, auch wenn er versucht, tiefzustapeln.

Ich verliebe mich sofort in das filigrane Geröhr. Was für ein Unterschied zu den dicken Carbon-Frames!


Viel wird geschrieben und erzählt über die Vor- und Nachteile von Stahl gegenüber Carbon gegenüber Aluminium. Aber das interessiert mich hier jetzt gar nicht.

Diel zeigt mir einen roten Interceptor - das Top-end-of-the-Range. Es steht kurz vor der Auslieferung.
Gewicht mit voller Ausstattung: 6,1 Kilogramm.
Preis mit voller Ausstattung: "ein bisschen mehr" als 9.000 Euro.

Dass das ein Traumrad ist, brauche ich nicht erwähnen. Etwas preiswerter geht es natürlich auch. Aber billig wie Versender-Ramsch wird das hier sicher nicht.

An der Decke hängen fertige Rahmen. Aber das mögen sie hier eigentlich nicht so. Fahrräder in Einheitsgrößen. So von der Stange.


Hier haben sie, was den Verkauf eines Rennrades angeht - und den Käufer - ganz eigene Ansichten.

Maßanfertigung - lebenslange Garantie

Diel lädt seine Kunden lieber zu sich in den Shop ein. Die Anreise, das weiß ich nun aus eigener Erfahrung, sei schon oft etwas umständlich, das gibt er zu, aber die lohnt sich.

Denn wer mit Diel gesprochen hat, seinem Vater die Hand geschüttelt oder einen der weiteren 4 Metallbau-Spezialisten hier im Shop kennen gelernt hat, der versteht, warum er hier 9.000 € auf den Tisch legt: Man kauft kein Rad, man kauft hier Seele.


Diel wird einen vermessen. Er wird sich Zeit nehmen, alle Maße und Winkel zu ermitteln, er wird mit einem Sprechen, herausfinden, welcher Fahrertyp man ist und was man mit dem Rennrad machen will.

Diel wird sich mit einem auf eines der vielen Rennräder setzen und eine kleine Ausfahrt machen. Er wird alles geben, einem das selbe perfekte Rennrad zu bauen, wie es einst schon Eddy Merckx vom Großvater bekommen hat: Maßgeschneidert, leicht und haltbar.

Selbstverständlich sind Jaegher-Rahmen durch eine lebenslange Garantie für Erstkäufer abgesichert.


Ich habe so viel Spaß mit Diel, der mich in seiner etwas schrulligen, mürrischen Art - die doch immer wieder mit Augenzwinkern sein Gespür für Witz durchblitzen lässt - irgendwie an meinen Lieblingsrennradladen-Inhaber hier in Hamburg, Pirate Bikes, erinnert, dass ich die Zeit fast vergesse.

Unglaublich, dass er als kleiner Bube "ab und zu mal" den großen Merckx getroffen hat.
Und umso faszinierender, wie souverän dieser junge Mann mit der Last und Erwartung von drei Generationen Perfektion umgeht.


Vor ein paar Wochen noch sei er mit André Greipel herumgefahren: Auch heute noch holen sich die Profis Rennräder bei den Vaneenooghes. 

A special breed - Rennrad mit Evolution

Als er mir die Werkstatt zeigt, kann ich vor lauter Historie kaum atmen - einige der Werkzeuge könnten schon vom Großvater benutzt worden sein. Daneben eine hochmoderne Schweißanlage neben einem state-of-the-art Sandstrahlgerät.

Und dann wieder, verträumt in einer Ecke, ein selbst geschweißter Ofen, mit dem sie Werkstatt wahrscheinlich schon seit 1934 mollig warm kriegen. Und eine verstaubte Flasche Bier.


Und nun verstehe ich auch, was er wirklich meint, der Spruch "Steel is real". Klar, er sagt etwas über das einzigartige Federverhalten von Stahl, das (noch?) kein Carbon- oder Alurahmen nachahmen kann, oder die Ermüdungsfreiheit und und und. Nein. Ich glaube aber, er meint was anderes: Seele.

Wer ein Jaegher kauft, weiß, wer sein Rahmen geschweißt hat.
Und auch anders herum: Die Leute hier kennen die Gesichter ihrer Kunden. Wissen, was sie wollen. Carbonrahmen entstehen auch in Handarbeit. Aber Frau Wu und Herr Wo haben mich nie getroffen. Ihnen bin ich egal. Da kaufe ich die Ingeniuersleistung luftwiderstandsoptimierter High-Tech Bikes. Das, was ich an Cervélo so liebe.

Jaegher, das sind Diamantrahmen mit Evolution. Sie brauchen kein Ingenieursstudio, keine Windkanäle. Sie sind in 60 Jahren Handarbeit perfektioniert worden. "Den Rest machen eh Deine Beine", sagt Diel und zwinkert mir zu.


Diel braucht um die 10 Arbeitsstunden, um aus den Stahlrohren ein Kunstwerk zu fertigen, das meinen Körpermaßen entspricht. Allein das Justieren des Roh-Rahmens, für das sie hier ausnahmsweise ein hochpräzises, digitales Gerät haben, kann Stunden dauern. 

Ich bin begeistert.

Eddy Merckx. Familientradition. Handwerk. Wir haben das zweite Bier getrunken, als Diel vorschlägt, ins nahe gelegene Roeselade zu fahren.

Das Radsport- und Rennradmuseum Roeselade

Er ist Du und Du mit dem Direktor. Ein vielleicht 32-jähriger Fahrradenthusiast, der uns freudig in dem liebevoll restaurierten ehemaligen Feuerwehrgebäude empfängt.


Und es lohnt sich: Auf zwei Etagen finden sich hier Originale aus 200 Jahren Fahrradgeschichte. Dazu viel Lokalkolorit, die Helden viele Jahrzehnte Radsport, Geschichten, jede Menge Sepia-Fotos und verblichene Trikots, verrostete Medaillien und abgegriffene Bidons.

Und natürlich Rahmen, mit denen Eddy Merckx seine unzähligen Siege eingefahren hat. Diel geht kurz in die Hocke, verdreht den Kopf und nickt: Es ist ein Vaneenooghe!


Man könnte Stunden in diesem Tempel des Radsports zubringen, viel besser noch, eine Führung machen und sich die unzähligen Artefakte erklären lassen. Die Stories hinter den Trikots hören. Ich sehe den gebrochenen Rahmen eines Lokalhelden. "Er starb hier bei einem Rennen. Tragisch." Oder das original Zeitfahrrad von Phillipe Gilbert, daneben das Spezialiced von Stijn Devolder, dazu faszinierendes von Tom Boonen und so viel mehr.

Begeistert bin ich auch vom Klo.


Aber so viel Zeit haben wir nicht. Ursprünglich wollten wir noch auf die Bahn von Gent, da sei "zwischen 15 und 18 Uhr immer die Hölle los", sagt Diel und schüttelt den Kopf, als ich ihm sage, dass ich leider weder Rennradschuhe noch Klamotten mithabe. Rasiert bin ich auch nicht.

Eine Kampagne für Flandern

Warum wir keine Zeit haben? Weil ich hier bin auf Einladung der Agentur, die die Reiseregion Flandern bewirbt: Radsport darf neben Schokolade, Bier und weiteren Höhepunkten Flanderns  natürlich nicht fehlen. Diel steht mit seiner Geschichte und seinem Geschäft wie kein Zweiter für Flandern - aus Radsport-Sicht.

Ein Kamerateam begleitet uns den ganzen Tag.

Und so kommt noch Dries hinzu, Mitarbeiter des Tourismusministeriums und zuständig für den Radsport der Region Flandern. Ein Traumjob! Er stellt dann auch erstmal das gerade abgefüllte "Ronde van Vlaanderen"-Bier auf den Tisch: Mit Marschtabelle, versteht sich.

Welch eine Ehre, dass sie ihre Werbekampagne mit mir umsetzen möchten. Und wie ich mich freue, als nach einem fast 10-stündigen Drehtag die letzte Klappe fällt, wir bei einem fetten, saftigen Steak und viel Feierabend-Bier den Tag ausklingen lassen.


Was ich mitnehme? Unzählige Eindrücke und viel Emotion, den festen Vorsatz, mir diese Region mal im Sommer anzusehen (Brügge ist wunderschön. Leider viel zu kurz hier gewesen.) und auf jeden Fall hier das Rannrad zu bewegen: "You should come here on a sunny Saturday morning", sagt Diel: "More Racebikes than Cars!"

Vielleicht, um mir die Ronde anzusehen? Oder Gent-Wevelgem, den E3 Scheldeprijs oder einen anderen der unzähligen Klassiker?

Eines aber, das ist sicher: Da ich mir nun den Traum vom Cervélo S5 erfüllt habe. Vielleicht werde ich mich in ein, zwei Jahren ja auch mal die Maße von Diel nehmen lassen. Und mir einen Interceptor, Raptor oder Ascender schweißen lassen.

Ein Stückchen Eddy Merckx ist in jedem echten Jaegher.
Und ein bisschen Kannibale kann ja nicht schaden ...

Kommentare:

  1. Du hast so eine verdammt gute Schreibe! Und ich freu mich schon auf den Tag, wo Du dem Carbon Good Bye sagst. Diese Saison werde ich nach fast 10 Jahren zurück in den Rennsattel kehren und Du bist mitschuldig... ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. hi mondfischer,
      danke für dein tollen comment, ich fühle mich geehrt.
      na, "den rücken kehren" werde ich carbon wohl nie, aber so ein stahlbike ist sicher was sehr sehr feines...
      ride safe,
      L

      Löschen
  2. "Unter Red, Dura-Ace oder Record wird nur ungern eine Gruppe an die Rahmen gebaut"

    Bis auf den Eddy Merckx-Rahmen, von dem anscheinend eine Athena als so ziemlich einzige verfügbare polierte Gruppe herabglänzt. Bleibt nur noch offen, wie gut die 11s-Ergos mit den geschätzten 5 oder 6 Ritzeln harmonieren ;)

    Schnöner Bericht!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. hi usr, danke fürs lob.
      der eddy-rahmen ist ein ganz alter, unverkäuflicher. sicher nur showzweck.
      ich denke, was da dran geschraubt wurde steht nicht stellvertretend für die aktuelle produktrange.
      grüße,
      L

      Löschen
    2. Ach, auch zu einem modernen Stahlschmuckstück würde sich so eine polierte Athena nicht unbedingt schlechter machen als Carbon und Schaltakkus. Zeitgemäße Technik mit zeitloser Materialanmutung eben. Und wer so einen Rahmen fährt braucht eigentlich auch gar keine Superrecord mehr, um zu zeigen was ihm der Sport wert ist.

      Am historischen Ausstellungsstück kann sie sogar noch eine zweite Funktion erfüllen: nach der ersten kurzen Irritation gleitet das Auge an den Allerweltskomponenten ab und kann sich voll auf die ästhetischen Qualitäten des Rahmens konzentrieren. Bei einer historischen Rekonstruktion würde der Laie sich mehr für die Komponenten interessieren und der Fachmann würde nur noch darauf achten können, an welchen Stellen es doch noch Detailabweichungen von seiner Vorstellung von "historisch korrekt" gibt. Vielleicht ist diese Bestückung einfach nur ausgefuchst clever!

      In diesem Sinne, Gruß von der Generation Canyon ;-)

      Löschen