2. März 2012

Qualitätsmängel am Cervelo S5?

Update Januar 2013 - Also, in Anbetracht dessen, dass das hier anscheinend in Google.de mein wichtigster Blogpost zum Thema Cervelo S5 ist, möchte ich noch gern darauf hinweisen, dass ich mittlerweile selbst ein S5 besitze: Hier der Post dazu.

Zudem durfte ich beim 24-Stunden-Rennen "Rad am Ring" 2012 das S5 Team ausgiebig testen und ... war begeistert!

"Nein, das kann doch nicht sein, oder?!?", entfährt es mir spontan, als mich ein Leser hier im Blog in einem Comment auf ein Video vom Dezember 2011 aufmerksam macht. Darin beschwert sich ein US-Amerikaner über die Qualität seines neuen Rahmens.

Stein des Anstoßes: Das YouTube-Video vom "Idahopainter"

In den Händen hält er ein S5 Basis-Frame (2.900 Euro) und erzählt 8 Minuten lang über angebliche Fertigungsmängel. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, zitiert er den Kundenservice von Cervelo, der auf ganzer Linie versagt haben muss.

Phuh. Starker Tobak.

Das finden auch viele andere, denn innerhalb von wenigen Stunden bricht ein Shitstorm los, wie wir ihn nur von KitKat, Schwalbe und den anderen Social-Media Best Cases kennen. Selbst im hauseigenen Forum diskutieren sie heftig über das Skandalvideo. In Kanada müssen sie toben.

Ich will dem nachgehen.

Wellen im Carbon?

Er moniert "heftige Wellen" an seinem Rahmen. Er zeigt diese Wellen, die man auch tatsächlich erkennt, in Supernahaufnahme und aus spitzem Winkel fotografiert. Es sieht sehr, sehr unschön aus. "Haben wir nicht superglatte Oberflächen, ja - Flugzeugqualität - verdient, bei Preisen wie diesen?!", scheibt einer im Forum. Jo, haben wir, bin auch ich geneigt zuzustimmen.

Ich frage bei meinem Cervelo-Händler Robert von Pirate Bikes an, ob er das Video kennt. Er winkt ab. Alter Hut, wie es scheint. "Ja, sicher - man sieht an weißen Rahmen immer die fertigungsbedingten Unebenheiten. Und man sieht sie sher viel stärker, als bei dunklen Rahmen oder bei Rahmen, die eine wilde Lackierung haben."

Solche Wellen? Bei allen Rahmen?!?, bohre ich bei Cervelöo Deutschland nach.

"Uns gefällt das auch nicht," bestätigt man mir telefonisch: "Aber die Rahmen werden nachwievor handgefertigt. Jeder einzelne wird per Hand verklebt und verschliffen. Bei Colnago siehst du ja auch kleine Fehler in den Schweißnähten - und da ist es Kult."

Gerade die großen, ebenen Flächen am Sitzdom hinten, wo keine starke Rohrwölbung die feinen Unebenheiten kaschiert, fallen dann schon kleinste Abweichungen auf.

"Der weiße Lack spiegelt unheimlich: In der Basisversion sieht man das einfach nochmal viel stärker - der Effekt potenziert sich. Weiße Räder - ein Graus!" Erstaunlich. "Wir arbeiten natürlich daran, dass wir diese Toleranzen minimieren - aber ganz bekommt man sie halt nie weg."

Bei normalem Tageslicht: Alles fein. Bei Blitz und genauem
Hinsehen kann ich auch an meinem Cervélo R3 leichte Wellen erkennen

Ich fahre nach Hause und prüfe das an meinem Cervelo R3. Und siehe da: Im Tretlagerbereich, dort, wo Sitz- und Unterrohr in das Tretlager münden, kann ich, wenn ich mich ganz nah an den Rahmen begebe und spitz drauf schaue, auch kleine Unebenheiten erkennen!

Noch mehr sehe ich sie an der 3T Funda Pro-Gabel: Auch hier, von ganz spitzem Winkel gesehen, sehe ich Wellen.

Selber Effekt an meiner Gabel: Bei Tageslicht alles i.O.
Bei extremer Nähe, Blitz und spitzem Winkel: Wellen.

Der Witz an der Sache ist: Mache ich das Licht aus und besehe mir alles bei Tageslicht, erkenne ich ... nichts! Fotografierte ich mit Blitz, drehe im Photoshop an den Reglern, kommen die Wellen klar heraus.

Eine neue Einstellung zur Handfertigung

Ich suche und finde ein tolles Video auf YouTube über den Carbonrahmenbau (Sorry für den Werbespot am Start, das Video lohnt sich aber):



Auch wenn Carbonfasern, HighTech-Harze, Titanverwebungen, Nanopartikel und was da sonst noch so alles in die Rahmen eingebaut wird, um für maximale Steifigkeit zu sorgen, Materialien aus der Raumfahrt sind: Es sind echte Menschen, die diese Rahmen bauen!

Es sind Menschen, deren Hände vielleicht mal ein bisschen Zittern, die atmen, sich bewegen, die gute und schlechte Tage haben, die lachen und weinen. Handarbeit wird nie "perfekt" sein. Handarbeit wird immer den Charakter dessen tragen, der für sie verantwortlich ist.

Und da, wo Carbonrahmen aneinander geklebt werden, überstehende Matten abgeschnitten und ausgehärtetes Harz glatt geschliffen werden muss wird es immer kleine Abweichungen vom Perfekten geben. Wie bei Colnago auch. Wie bei Trek, bei Specialized und all den anderen Marken.

Zurück zum Video

Also noch mal zurück zu dem Malermeister aus Idaho, dessen S5 Berühmtheit erlangt hat. Er kauft sich also im Internet einen Rahmen und findet, dieser sei schlecht verarbeitet, weil man in Makroafnahme Wellen sieht. So weit, so gut.

Warum Cervelo, denen das "Weißproblem" bekannt ist, gerade bei einem Frame wie dem S5 das Teil in dieser denkbar ungünstigsten Farboption anbieten, das ja ein sehr flächiges Sitzrohr hat, das geradezu prädestiniert für Wellen und den potenzierten visuellen Effekt ist, ist mir ein Rätsel.

Wir hoffen eh alle, dass die Farbskala Cervélos sich mal ändern wird.

Ein perfekt gearbeitetes Cervélo S5 Team: Erkennt Ihr Wellen?
Taken from BikeRadar.com

Ich beschließe, sobald er wieder eines auf Lager hat, mir bei Robert im Laden ein weißes S5 zu beschauen. Bei meiner Internetrecherche kann ich keine so schlimmen Wellen bei den Nahaufnahmen anderer S5´s erkennen, wie bei dem Typen im Video.

War es also ein Einzelfall? Keine Ahnung: Fakt ist, dass dieser Rahmen, da gebe ich ihm Recht, schon allein wegen der unsauberen Anschlüsse der Streifenlackierung/Aufkleber nicht die Qualitätskontrolle bei Cervélo hätte passieren dürfen.

Okay. Sowas geht gar nicht! Da haben Qualitätsmanager und
"Fachhändler" mal tüchtig versagt.

Auch hätte der Händler diesen Rahmen so nie in den Verkauf gehen lassen dürfen: Rennradfahrer sind detailbesessen und bei diesen Preisen muss einfach jedes Detail stimmen.

Was am Ende übrig bleibt

Es steht also die Erkenntnis, dass auch ein sauteures Carbonframe des schnellsten Rennrades der Welt kleine, individuelle Bearbeitungsspuren aufweisen kann. Dass Handfertigung niemals zu mathematisch perfekten Ergebnissen führen kann, dass Cervélo (in Amerika) vielleicht noch an seinem Qualitätsmanagement arbeiten kann und dass, wer schon eine Menge Geld für ein Rennrad in die Hand nimmt, das Objekt seiner Begierde unbedingt vor dem Kauf bei einem Fahrradhändler seines Vertrauens in gründlichen Augenschein nehmen sollte.

Danke, YouTube! Ich sehe nur noch Wellen!

"Ach, guck an!", denke ich und beschaue mir meinen 190 € teuren Catlike Whisper Plus-Helm. Da sehe ich auch Wellen. Überall sehe ich nun Wellen.Man muss wohl nur genau genug hinsehen: Imperfektion allenthalben.

Wie war das doch gleich mit der Traumfrau nach dem DeMake-Up?

Wir bauen Maschinen für maximalen Speed

Der Witz an der Sache ist, dass in dieser (meiner Meinung nach übertriebenen Diskussion) eines doch irgendwie ein bisschen untergeht: Das S5 ist für Speed gebaut. Für nichts mehr.

"Wir könnten den Rahmen mit kosmetischen Carbon-Layern oder Füllspachtel optisch perfekt hinbekommen, keine Frage.", sagt Detlef von Cervelo am Telefon. "Aber das macht den Rahmen unnötig schwer. Das ist nicht Cervelo. Wir bauen steife, leichte, schnelle Räder."

Perfekt.

Na siehste, denke ich mir, ich finde die schwarze Team-Version eh schicker. Und wenn dann bald mal die Lottofee auch mir einen Gefallen tun kann, vielleicht sogar das VWD. Oder dieses wunderhübsche, matt lackierte Cervélo S5.

Ein Nachtrag

Ich browse auf der Suche nach Sodnerangeboten die Bike24-Website und komme beim nagelneuen Cannondale SuperSix evo raus. Ein schickes Bike: C´dales Geheimwaffe auf dem Weg an die Spitze der Leichtbauräder.

Und siehe da, was entdecke ich?

Anscheinend ist das alles also wirklich kein Cervélo-eigenes Problem. Handarbeit bleibt Handarbeit. Auch bei Cannondale.

NACHTRAG

Na, siehste, so schnell kann das gehen und Papi ist wieder glücklich. Nachdem der "Idahopainter" nun so viel Aufsehen mit seinem S5 erregt hat, regierte auch Cervélo in den USA und hat dem Mann einen nagelneuen Rahmen - sogar als Upgrade auf die Team-Version - gegeben:

Und nun ist er zufrieden: Schön zu sehen, dass es anscheinend auch hochwertige S5-Frames gibt (das war Ironie) und dass ein Shitstorm auch was Gutes bewirken kann.

Bleibt nur zu hoffen, dass Cervélo seine Produktion und das Qualitätsmanagement in den Griff bekommt. Ich glaube, die schaffen das. Locker.


NACHTRAG 2

Ich bekomme im September 2012 bei meinem Einsatz beim 24-Stunden-Rennen "Rad am Ring" die Möglichkeit, das S5 Team auf der legendären Nordschleife ausgiebig zu testen: Hier geht es zum Testbericht nach knapp 290 Kilometern und 6.700 Höhenmetern auf dem Cervélo S5.



Könnt Ihr bei Euren Rädern auch Spuren der Handarbeit erkennen? Wie steht Ihr zu diesem Thema?

25. Februar 2012

Das neue ax-lightness "Vial" - Ein Interview mit Axel Schnura.

Auf der Suche nach "dem" perfekten Rennrad sind schon viele viele vor mir verzweifelt. Und sich werden das sicher auch noch viele nach mir. Ähnlich des Heiligen Grals wird es dieses Objekt der Begierde allerdings wohl nie geben - und wenn ja, dann doch eher nur für diejenigen, die glauben, ihn gefunden zu haben.

Axel Schnura, Geschäftsführer von ax-lightness

Ein Kandidat (neben dem genialen Cervélo R5ca und dem supersonischen Cervélo S5 VWD) könnte das neue Vial aus dem Hause ax-lightness sein. Vie E-Mail war es mir möglich, mit Axel Schnura, dem Vater der renommierten Carbon-Manufaktur aus Bayern, ein Interview zu führen.

Cervelover: Herr Schnura, das neue Vial begeistert seit seiner Vorstellung auf der Eurobike die Netzgemeinde, geistert durch Foren und entzündet die Phantasie der Rennrad-Begeisterten. Für wen haben Sie das Vial entwickelt?

Axel Schnura: Beim Vial hatten wir ganz klar diejenigen Rennradfahrerinnen und -fahrer im Sinn, die auf stark profilierten Strecken unterwegs sind. Sie wünschen sich ein leichtes, stabiles und vor allem spurtreues Rennrad - mit dem Vial haben wir die nach unserem Verständnis beste Antwort auf diese Forderungen gegeben.

Das Rennrad zum Film: Tron lässt grüßen.

Cervelover: Also ein Wunderrahmen? Das Vial katapultiert sich mit unter 800 Gramm Rahmengewicht auf die ganz forderen Plätze der Leichtbaurahmen und spielt in einer Liga mit Cervélo R5ca oder dem Cannondale Supersix Evo.

Axel Schnura: Das Vial ist sicherlich kein Wunderrahmen. Es gibt in allen Einzelbereichen Produkte anderer Anbieter, die unserem überlegen sind. Aber unsere Messungen haben ergeben, dass wir in der Summe ein Rennrad geschaffen haben, dessen Leistungen schwer zu toppen sein dürften.

Cervelover: Mit dem Vial bringen Sie - ähnlich Cannondales SuperSix Evo - ein Rennrad auf den Markt das bewusst nicht dem Aero-Trend folgt. Warum?

Axel Schnura: Bei diesem Rad standen andere Qualitäten im Vordergrund: Wir hatten wirklich den Bergfahrer im Hinterkopf, der in stark profilierten Gefilden unterwegs ist. Maximaler Vortrieb, Leichtbau und extreme Steifigkeit waren die Hauptmerkmale bei der Entwicklung. Bei Streckenprofilen dieser Art ist die Aerodynamik sekundär - und hat deshalb für das Vial keine Rolle gespielt.

Massives Tretlager. Eckig. Faltig. Bärenstark.

Cervelover: Also kein Aero-Rad made by ax-lightness?

Axel Schnura: Zunächst: Aero ist mehr als nur ein Trend. Bei wieder anderen Streckenprofilen macht eine gute Aerodynamik absolut Sinn. Auch wir werden uns diesem Thema nicht verschließen. Wir sehen die Herausforderung darin, diese Art von Rahmen wieder in klettertaugliche Gewichtsbereiche zu bekommen - und dabei auch die Komfortwerte zu verbessern. So etwas entwickelt man allerdings nicht von heute auf morgen - da wird wohl noch ein bisschen Zeit vertreichen ...

Cervelover: Das klingt absolut spannend! Zurück zum Vial: Sie haben das Label "Laminated in Germany" entwickelt. Wollen Sie damit bewusst ein Zeichen gegen das ausgehölte "Made in Germany" setzen? Focus wirbt zum Beispiel mit diesem Label, hat aber lediglich die Endmontage der Rahmen in Deutschland - produziert wird woanders.
Axel Schnura: Das trifft es sehr gut. "Made in Germany" ist inzwischen ja schon fast alles ...

Cervelover: Wie schafft es ax-lightness im Hochlohnland Deutschland mit handlaminierten Rahmen und relativ kleiner Stückzahl zu überleben, schließlich sind das absolute Premiumprodukte?

Axel Schnura: Das liegt vor allem an der Vertriebsstruktur. Wir haben keine großen Transportwege, keine Großhändler oder Zwischenstationen. ax-lightness bedient den Fachhandel direkt, was Kosten spart. Am Ende haben wir also auch preislich ein absolut konkurrenzfähiges Produkt.

Echtes Handwerk. Carbon-Manufaktur: ax-lightness hält, was es verspricht.

Cervelover: Herr Schnura - vielen Dank für das Interview und alles Gute für Sie, Ihr Unternehmen, und das Vial.

Toll, oder? Mich beeindruckt nicht nur das Rad, sondern auch die ganze Geschichte dieses, ursprünglich als Autosport-Tuningschmiede gegründeten Unternehmens. Und wie genial? Ich darf mich also auf ein in Deutschland handlaminiertes Super-Aero-Rad freuen ...

Vielleicht können die Jungs das Projekt ja wieder Lynx nennen, nachdem dieser Name, der ursprünglich für das Vial vorgesehen war, nun wieder frei ist.

Das Alpha - der leichteste Rennradrahmen der Welt - konnte ich mir beim letztjährigen Velothon schon besehen. Wann ich mal das Vial, welches ab März im Handel ist, in die Finger bekomme, weiß ich noch nicht. Es bleibt also spannend, sich diese Schönheit man in natura anzuschauen.

Filigranes Kunstwerk: Handlaminiertes Monococque.

Ein echter, schicker Hingucker ist das stylische Rennrad allemal. Es wird als Monocoque gebaut und daher nur in 3 Größen erhältlich sein. Überraschend der Preis - für ein in Deutschland handlaminiertes Schmuckstück - bewegt sich meiner Meinung nach in für diese Klasse akzeptablen (für aber vorerst leider unerreichbaren) Sphären: 4.900 € für das Rahmenset.


Und welch´ Überraschung: Die aktuelle Ausgabe der Procycling bringt auch gleich einen Zweiseiter über das neue Leichtgewicht. Ich bin gespannt auf die ersten Fahrberichte und Reviews zum Vial.

Genauso, wie ich gleich anschließend, nachdem ich mich am wunderschönen Vial sattgesehen habe, auf Marcel Wüsts Review des Cervélo S5 VWD freue - denn die ist nur wenige Seiten vom ax-lightness entfernt. Dazu aber später ...



Wie denkt Ihr über "Made in Germany"? Ich freue mich auf Eure Comments.

26. Januar 2012

Das Aero-Bike im TOUR-Test: Die Skala macht den Sieger.

Nun geht es ja Schlag auf Schlag: Konnte ich vor 3 Wochen noch den großen Test der "besten Rennräder 2012" in der Roadbike kritisch beleuchten, flattert am Wochenende die neueste Ausgabe der Tour in meinen Briefkasten.

Lang ersehnt, denn in dieser Edition lassen sie das McLaren S-Works Venge gegen Scott Foil, Litespeed Archon C1R, Centurion Megadrive und Felt A1 antreten. Und das Cervélo S5 mischt natürlich auch mit. Spannend!

Um das Tour-Ergebnis vorweg zu nehmen: Das Foil hätte nach Tour-Meinung gewonnen, wenn der Rahmen etwas stabiler gewesen wäre.

Den Aerotest allein gewinnen das Cervélo S5 und das McLaren S-Works Venge.

Soweit, so gut.

Zu den Laborergebnissen und denen des Windtunnelstests kann ich nichts sagen: Das wird dann wohl alles so stimmen. Interessant ist hier allerdings schon mal, dass beim Aero-Test das Scott Foil nur auf dem vierten Rang landet. Und trotzdem gewinnt.

Das wäre wie bei einer Mathematik-Klausur keine einzige Lösung richtig zu haben, aber trotzdem eine Eins zu bekommen, weil man ein so schönes Schriftbild hat.


Als ich mir dann die Skala genauer ansehe, um zu gucken, zu welchen Anteilen die Einzelnoten in die Gesamtbenotung einfließen, kommt dann doch der kleine Statistiker in mir hoch.

Tour vergibt für die einzelnen Tests Noten, die dann zu einem bestimmten Prozentsatz in die Gesamtnote laufen. Das wären zum dann 20 % für das Rahmengewicht, je 12 % Seitensteifigkeit und Fahrtstabilität, Kraftübertragung und Komfort zu je 8 % und dann bekommen Lack und Finish jeweils 4 %, Bedienungsanleitung und Garantie je 2 %.

Und irgendwie kommt mir diese prozentuale Verteilung reichlich spanisch vor - warum? Nun, weil sie, meiner Meinung nach, nicht aus dem Blickwinkel des Kunden geschrieben ist.

Was interessiert den Radkäufer?

Erinnere ich mich daran, wie ich damals in den Laden gegangen und mir mein Cervélo R3 ausgesucht habe - und versuche, das mal empirisch nachzuempfinden.

Ein Kunde, der sich ein Aero-Bike kaufen will, interessiert vor allem ... Aero. Finde ich irgendwie logisch. Sollte diesem Kriterium dann nicht auch der größte Platz eingeräumt werden?

Dass Aero-Bikes etwas schwerer und etwas weniger steif sind als Rundprofil- oder klassische Rennräder, wird dem geneigten Interessenten klar sein (auf diese Fakten wird man ja allenthalten hingewiesen) und deshalb sollten die klassischen Werte nicht höher bewertet werden, als der Aero-Faktor.


Ich beschließe, mir meine eigene Test-Torte zu backen, diese mit den Tour-Ergebnissen zu befüllen und zu sehen, was dann heraus kommt.

Komische Werte

Die Aero-Performance wird bei der Tour mit 20 % in die Gesamtnote eingerechnet. Tour sagt, das sei ein "realistischer Wert". Auf ganze 80 % der Gesamtnote summieren sich die technischen Eigenschaften wie Fahrstabilität, Komfort usw.. das Verhältnis von Technik zu Aero ist bei der Tour also 1:4 - und das ist realistisch?

In meiner Torte, und immerhin wollen wir Aero-Rennräder testen, soll Aero nun dem ihm gebührenden Platz bekommen. Ich werde das Verhältnis auf ein, wie ich finde, angemessenes Verhältnis von 1:1 bringen.

Hey - die Kunden investieren Kleinwagenbudgets in diese Rennmaschinen und Ihr sagt ihnen, dass der Top-Kaufgrund nur zu 20 % wichtig sei? Oder anders herum: Dass die klassischen Werte des Rennrades 4 mal wichtiger seien, als die aerodynamischen?

Technisch gesehen mag das ja stimmen (oder auch nicht), aber aus Käufersicht sehe ich das anders.

























Ein weiterer Punkt: Moment mal, denke ich, und schaue genauer hin - "Lack" und "Finish" insgesamt 8 %? Kann man bei Rennrädern in dieser Preisklasse nicht davon ausgehen, dass hier Lack und Finish 100%ig sauber sind?
Wenn ein 15.000 € teures Bike hier Fehler aufweist, ist das keine 4% wert - das ist ein Ausschlusskriterium! Kein Radkäufer wird sagen "Oh, ja, Mist, der Lack ist echt Scheiße, so mit Blasen und Nasen, aber hey, egal ... Hauptsache steif und schnell.".

Nope. Der 15.000-€-Kunde würde sagen: "Was? Bläschen im Lack? Nasen? Tschüs!"

Traue keiner Statistik, bei der du nicht selbst ...


Schauen wir mal weiter. Einen Punkt, den man aufgrund seiner kleinen 2 leicht übersieht, wäre die Garantie.

Sicher, auch eine Garantie hat nichts mit der Performance eines Rades zu tun, schon gar nicht mit der Aero-Performance, aber sie in meinen Augen ist eines der wichtigsten Argumente für oder gegen den Kauf eines bestimmten Produktes.

Wenn ein Hersteller weniger als 3 Jahre auf ein Rahmenset gibt, dessen Preis sich nahe an der 9.000 €-Marke bewegt, dann finde ich das gelinde gesagt skandalös! Zurecht bekommt das Specialized hier eine glatte 5. Aber die geht eben nur zu 2% in die Gesamtnote ein.

Habt Ihr mal die Stürze bei einem Jedermann-Rennen gezählt? Ich habe 2011 nicht ein einziges beendet, ohne dabei an Verunfallten vorbeigekommen zu sein. Stürze gehören nunmal leider zum Radrennsport dazu. Und dann kein Crash-Replacement? Das wird teuer. Ein solches Rad kann dann aerodynamisch sein, wie es will, es kann mit Steifigkeiten glänzen, wie es möchte: Ich würde es mir nie kaufen.

Wenn mir ein Hersteller in dieser Leistungs- und vor allem Preisklasse nicht mindestens eine Limited Lifetime Warranty und einen vernünftigen Crash-Rabatt bietet, spricht das meines Erachtens sehr viel stärker gegen einen Kauf, als eine 2,2 gegenüber einer 2,4 beim Rahmenkomfort im Tour-Test.

Wir sind keine Profifahrer, die nach einem Sturz einfach ein neues Rad bekommen. Einem Alberto Contador dürfte die Garantieleistung von Specialized vielleicht auch nur 2 % wert sein. Uns Normalofahrern, uns Kunden, aber nicht.

Ich möchte die Sicherheit haben, dass wenn etwas passiert, ich vom Hersteller nicht im Stich gelassen werde. And guess what? Die Einzigen, die die Bestnote 1 für Garantieleistungen bekommen, sind die Kanadier von Cervélo.

Komisch, dass so ein - für den Radkäufer essenzieller Wert - ganz klein und ganz hinten in der Tabelle auftaucht und nicht mit einem Wort in den Tour-Tests erwähnt wird ...

Meine eigene Torte

Ich mache mich daran und ordne die Tour-Werte mal ganz neu. Ich bin kein Profi-Tester und auch kein Statistiker, aber ich denke, ich habe ein wenig Erfahrung auf dem Gebiet des Marketings und der Bewertung von Kaufanreizen und Kunden-Bedürfnissen (gerade durch meinen Job in der Werbung) - und wenn man davon ausgeht, dass die Tour mit diesem Test den aerointeressierten Kunden Kauftipps geben möchte, finde ich, müsste die prozentuale Verteilung der Testnoten meiner Meinung nach so aussehen - so jedenfalls, würde ich entscheiden, wenn ein Radkauf anstünde:

Aero ist das wichtigste Argument. Ebenso wichtig - aber keinessfalls 4 mal so hoch bewertet - sind die klassischen Werte. Die Kaufentscheidung wird dann abgesichert durch eine gute Garantie, die zu einem sehr viel höheren Prozentsatz einfließt - in meinem Rennradladen, wäre das die Beratung.

Last but not ...

Aha. Oho. Sie an. Das Testergebnis sieht dann schon leicht verändert aus ... interessant ist auch, welche Räder im Tour-Aerotest super abgeschnitten haben und welche nicht - und wie diese durch die Testgewichtung im Gesamttest gewonnen oder verloren haben.

Natürlich anders herum genauso: Welche Räder beim Zugrundelegen meiner Bewertungskriterien gewonnen und verloren haben. Für mich spiegelt dieses Ergebnis besser die Priorisierung und Bewertung der Testergebnisse wider, denn sie ist aus der Sicht des kaufinteressierten Kunden geschaffen, der eine Kaufberatung braucht.


Wie auch immer, am Ende bleibt die verwirrende Einsicht, dass ein noch so toller Windkanaltest, auch wenn man mit allen Nachkommastellen rechnet, noch lange nicht bedeutet, dass die Ergebnisse interpretationsfrei dastehen.

Was man nun von meiner Bewertung oder der Tour-Torte hält - die Ergebnisse dokumentieren, dass schon eine kleine Veränderung des Blickwinkels ein solches Testergebnis komplett umstellen kann.

Und da ist noch Luft nach oben - so etwas wie "Preis-Leistung" könnte man ja auch mit einfließen lassen. Nur dann sähe die Rangliste wieder komplett anders aus. Wetten?

*seufz - Glück gehabt ...

Am Ende jedenfalls bin ich froh, dass das Cervélo meinen eigenen Test mit den Tour-Werten gewonnen hat. Wie peinlich wäre das denn gewesen wenn ...

Undenkbar. Mmh. Aber ... denke ich mir so ... Dann hätte ich ja noch ... einen Wert wie "cooles Marken-Image" einarbeiten können. Dann hätte es schon wieder gepasst. :o)




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