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19. Oktober 2014

Rennradfahren bei Regen, durch Kuhmist, im Wind und bei Dunkelheit: Hamburg-Berlin, eine Woche später. Oder: Warum ich Rennrad fahre.

Für viele Rennradler die aus Hamburg und Umgebung, aber auch aus Berlin kommen, ist der traditionelle Saisonabschluss ein ganz bestimmtes Event. Ein heiliges Datum, sozusagen. Auch für mich gehört es, seit ich im Jahre 2010 mein erstes Rennrad erworben, habe einfach dazu. Ich meine das Zeitfahren Hamburg-Berlin (hier der Rennbericht von 2013). Ein Event auf einer 260 bis 280 Kilometer lange Strecke, diewelches vom Audax Club Schleswig-Holstein alljährlich organisiert wird und ab Hamburg-Altengamme bis Berlin-Spandau, neuerdings zum Olympiastadion führt. Leider kann ich in diesem Jahr diesen Klassiker nicht mitfahren, hole ihn aber eine Woche später nach.


Warum ich Rennrad fahre: Hamburg-Berlin als Blaupause meiner Leidenschaft.


Ich liebe diese Strecke nicht nur, weil ich Quasi-Berliner bin und mich immer freue, in meine brandenburgische Heimat und speziell in die Stadt mit dem Telespargel zu kommen, sondern, weil dieser Trip all das, was ich am Radsport so liebe, zum Vorschein bringt.


3:15 Uhr aufstehen,4:20 Uhr aufbrechen: Radsport ist nichts
für Langschläfer.

Seit dem ich Rad fahre, bin ich "anders". Familie, Freunde schütteln oft ihren Kopf. Verstehen nicht, was ich da treibe. Können es nicht fassen, wie viel Zeit und Geld ich investiere. Eine Mischung aus Anerkennung und mich für einen Verrückten halten. Ihr kennt das sicher.

Es ist aber mehr. Es ist die Veränderung meines Lebenswandels, der sie verwundert. Wochenende. Partyzeit. Für alle anderen. Für mich oftmals der Startschuss zum intensiven Erleben von Körper, Seele und meiner Umgebung. Und das beginnt früh.


Früh aufstehen - ich bin der Erste in der Stadt.


Sicher, es gibt viele wie mich, die auch um 4:30 Uhr durch die noch dunklen Straßen der Stadt wuseln. Die Stadtreinigung zum Beispiel. Oder andere Menschen, von denen wir sonst nur selten etwas mitbekommen. Mitbekommen wollen? Oder der Bäcker. All die Servicekräfte, die dann später tagsüber in Gosch Sylt-, McDonald´s- oder Nordsee-Uniformen beispielsweise unsere Snacks servieren: Hier sehe ich sie. In zivil. Haben Plastiktüten dabei, ein Ärmel der Fimenkleidung schaut heraus. So sehen die Service-Roboter also in echt aus. Einblicke, die auch immer etwas nachdenklich stimmen. 

Die erste S-Bahn ab Altona. Es ist fast leer am Bahnsteig.

Um 4:44 Uhr fährt meine S-Bahn ab Altona. Sie wird mich nach Hamburg-Bergedorf bringen. Dort starte ich meine Zeitfahren, wenn ich nicht offiziell in Altengamme starten kann. Von hier aus sind es 26 Kilometer, ehe ich den Kreisverkehr nach Geesthacht, und damit die Originalstrecke erreiche.

Vorher fahre ich 30 Minuten S-Bahn. Mit mir wenige, aber umso illustrere (schreibt man das so?) Menschen im Zug. Die prekär Beschäftigten sitzen mit leeren Gesichtern, schauen einem weiteren Tag im Bratfett entgegen. Einen Vierer weiter zwei bis an den Rand des Erträglichen geschminkte junge Frauen. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Sie gackern unaufhörlich, kokettieren. Ein nur mit einem Muskelshirt und Jeans bekleideter, etwa zwei Meter großer, kahlrasierter Türke aus dem Boddybuilding-Security-Milleu setzt sich zu den Beiden. Sie flirten. Telefonnummern werden ausgetauscht.

Weiter vorn pennen zwei Jugendliche im Rausch. Sie waren Reeperbahn in den Zug gefallen, schaffen es gerade so auf die Sitze. Kippen ineinander und schlafen sofort weg. Irgendwann springt der Eine auf, sie verabschieden sich. Franzosen. Wie schön das immer klingt ...

Zwei Russisch sprechende Frauen, vielleicht 45 Jahre alt. Wahrscheinlich Reinigungskräfte. Sie steigen nacheinander aus. Verschwinden in der Dunkelheit. Die Büros werden sauber sein, wenn es hell wird. Sie wird man dann wohl nicht mehr sehen.

Da sitze ich nun. Inmitten der namen- und gesichtslosen Masse der Servicegesellschaft. Selbst uniformiert. Die starren mich manchmal an, als käme ich von einem anderen Stern.

Interessant, diese Studie in der ersten S-Bahn Hamburgs. Holt einen runter, in die Wirklichkeit. Viel mehr wert erscheint mir nun mein eigener Luxus. Ich sitze freiwillig hier. Uniformiere mich freiwillig. Und freue mich auf die Nacht, in die ich gleich entschwinden kann. Weg von all dem hier. Weg vom Alltag. Der Routine. All den Problemen. Weg von meiner eigenen Rolle. Nur treten. Nur kurbeln. Sport - auch eine Art von Beam in ein einfacheres, in ein besseres Leben.


Leiden. Sich abmühen. Dreckig werden - Radsport ist archaisch.


Wie sagt man immer so schön? Beim Grillen können die Männer wieder ihren Urtrieb ausleben: Am Feuer das Fleisch bereiten. So ähnlich ergeht es mir auch auf dem Rennrad. Auch - und gerade - wenn die äußeren Bedingungen nicht ganz so perfekt sind. 
Sicher, auch ich fahre am liebsten in kurz-kurz bei 20 Grad und Sonnenschein. Ich habe es gern noch heißer. Liebe es, wenn es trocken ist und am liebsten ein mäßger Rückenwind mich anschiebt. Aber: So richtig Rennrad gefahren bin ich doch erst dann, wenn es mal nicht perfekt ist. Oder?


Rennradfahren im Oktober: Fast sichere Garantie für Nässe & Kälte.

Ich habe bei meinem HHB noch Glück: Der Himmel schickt dieses mal, anders als 2013, keinen stundenlangen Regen vom Himmel. Dennoch sind die Straßen sehr nass. Zudem legt sich durch den fetten Nebel stetig Feuchtigkeit auf meine Klamotten, sodass ich nach wenigen Kilometern schon an den Füßen durch die Überschuhe, an den Beinen durch die Beinlinge und auch am Hintern und Rücken durch Bib und Jacken durchnässt bin.

Vom Vorderrad spritzt es stetig Wasser an den Rahmen, das dann, fein zerstäubt, meine Schienbeine nass hält. Hinten (ich verzichte aus Stylegründen auf Schutzbleche und dergleichen) schießt es mir direkt in die Kimme.

Mit der Feuchtigkeit kommt die Kälte. Zwar habe ich wieder etwas Glück - 9 bis 11 Grad hat es in den Morgenstunden - denn bei Hamburg-Berlin bin ich auch schon bei -1 Grad gestartet, hatte Eisplatten am Kopf. Dennoch, ich zittere. Nur eine Temposteigerung kann mehr Wärme produzieren, alles etwas angenehmer machen. Das kostet aber mehr Energie. Paradoxon.

So fliege ich durch die Nacht. Hinten unter mir blinkt das rote Warnlicht. Ab und zu überholen Autos (gesteuert von Zeitungs-, Brötchen- und allerlei Teile bringenden Servicerobotern - ganz entfliehen kann ich dem also nicht), die meiste Zeit aber trete ich allein. Ich schwitze, ich keuche fast. Schnell bin ich nicht - 27 bis 30 km/h, je nach Wind. Dennoch: Ein Spaziergang ist das nicht.

Ich werde am Ende knapp 280 Kilometer gefahren sein. 26er-Schnitt. Das ist nicht wahnsinnig schnell - aber das war heute auch nicht mein Ziel.


Herbstliche Ausfahrten sind fast immer auch Garanten für
ausgedehnte, lange Reinigungs-Sessions am Tag danach.

Das Rennrad wird leiden. Feuchtigkeit an sich ist ja nichts Schlimmes. Doch Hamburg-Berlin wird meist abseits der großen Bundesstraßen gefahren. Viele Wirtschafts- und vor allem Landwirtschaftswege. Zwar alles asphaltiert (und stellenweise von sehr viel besserer Straßenqualität, als manche Landes- oder Bundesstraße, die ich passiere), aber eben auch dreckig.

Herbst, das ist Erntezeit. Und die Zeit, um die Gülle, die die unzähligen Viehzuchtbetriebe hier in Niedersachsen und Brandenburg produzieren, auf die abgeernteten Felder auszubringen, auf dass sie für die nächste Anbausaison umso fruchtbarer werden. Traktoren, LKW. Sie biegen von den Feldern auf die Wirtschaftswege ein. Fahren anhängerweise Mist über diese Straßen. Allenthalben fällt etwas herunter. Mit der Zeit breit gefahren. Von Regenschauern in Schlamm verwandelt. Eine unansehnliche, ohrenbetäubend in Kette und auf Blättern schleifende braune Suppe. Sie spritzt unaufhörlich ins Rennrad. Und landet natürlich auch auf mir.

Güllefahrzeuge sind selten dicht. Sie lecken unaufhörlich die fruchtbare, aber bisweilen bestialisch stinkende Brühe auf den Asphalt. Ich passiere Dörfer, lang gezogene Hofanlagen, da steht die Kacke einen Zentmeter hoch auf der Straße - jegliches Ausweichen zwecklos. Will ich nun einen Schluck aus meiner Trinkflasche nehmen, ich muss sie erst sorgsam vom Kot, der natürlich genau auf dem Trinknippel landet, befreien.

Doch all das heiße ich willkommen. Die Kälte, das Zittern. Die langsam nach innen kriechenden Schmerzen, Ansätze von Krämpfen, wenn ich kurz in den Wiegetritt gehe. Mein hintern, der nach diesem Tag kaum noch sitzen kann. Meine brennenden Lungen und selbst die Kackespritzer im Gesicht, das Braune auf mir und der Gestank, eine üble Mischung aus dem Schweiß von 12 Stunden Beinarbeit gepaart mit den landwirtschaftlichen Spitzprodukten, ein Geruch, der mir später in der Berliner S-Bahn auf dem Weg zur Übernachtungsmöglichkeit einen freien Vierersitz und angewiderte Blicke bescheren wird: Das Leid ist es, das mich für diesen Tag zu einem einfacherern, aber irgendwie wieder kompletteren Menschen macht. Essenzielle Grundemotionen erfahren - wann habe ich die sonst, bei 8, 9 oder 10 Stunden Bildschirmarbeit? Durch das Rennrad kann ich - wie der Mann am Grill - wieder irgendwie Mensch sein.


Natur erleben. Landschaft erfahren - mit dem Rennrad die Umgebung erobern.


Warum reisen wir? Doch auch, um fremde Plätze zu entdecken. Ich mag das Fliegen. Ich liebe es sogar. Ich liebe das Bahnfahren aber ein bisschen mehr - weil ich sehe, was ich durchquere. Am meisten aber habe ich Spaß am Radfahren. Weil ich die Natur nicht durchfahre, schnöde überbrücke, sondern weil ich sie erfahre.

Nicht mit 800 km/h über dem Wetter dahinrasen. Eher mit 28 km/h durch das Wetter und durch die Natur fahren. Ich durchmesse die Räume. Rieche meine Umgebung (obschon es Abschnitte bei HHB gibt, die geruchsmäßig sicher nicht ganz weit vorn sind ...). Ich muss mir jeden einzelnen Kilometer erarbeiten - selbst erarbeiten. Mal schufte ich dafür etwas härter, mal helfen Gefälle oder Wind. Doch immer bin ich es allein, der sich die Distanz erobert.



Wenn es endlich hell ist, lohnt es sich, auch mal auf den Deich zu fahren:
Dampfende Elbe, weite Auen, saftige Wiesen.

Bei Hamburg-Berlin genieße ich jeden einzelnen Kilometer. Obwohl ich die Alpen, große Pässe, Tirol und Italien noch viel lieber mag: Die Landschaft entlang von Elbe, Havel und selbst durch das "Death Valley" Brandenburgs bis Rhinow bietet interessante Einblicke.

Zunächst das Losfahren in absoluter Dunkelheit. Hamburg, später Geesthacht, dort über die Elbe. Dann wird es dunkel. Richtig dunkel. Wenn ich Glück habe (hatte ich 2012 bei einem "privaten" HHB-Trip), leuchten dann über mir fantastische Sterne. Stille in der Weite: Nur das Surren des Freilaufs, weitab vielleicht das Kreischen eines Vogels.
Dann den Sonnenaufgang erleben: Wann machen wir sowas noch? Wann haben wir Zeit und Muße, dem Zentralgestirn stundenlang beim Aufgehen zuzuschauen? Niemals. Bei HHB geht das umso besser: Generalkurs Süd-Ost, ich muss den Kopf nur leicht drehen, dann kann ich alle Stadien des neuen Tages beobachten.

In mir aufsaugen: Das zarte Rosa als erstes. Dann mehr Rot-Töne, die später ins Goldene übergehen. Wolkenfetzen in der Umgebung, die sich in allen warmen Tönen des Spektrums verfärben. Und dann der Moment, wenn Teile der Scheibe erstmals über den Horizont kommen. Geblendet sein. Wärme. Es ist so herrlich, so unbeschreiblich schön.

Die Elbauen, auf denen morgens noch der Nebel steht. Das Geschnatter tausender Zugvögel. Wiesen, so saftig, dass sie es mühelos mit den satt-grünen Almen der Alpen aufnehmen. Ein Binnenschiff, das sich mühevoll stomaufwärts mit mir kämpft.

Bis gestern wusste ich nicht, dass Raps auch noch im Oktober geerntet werden kann: So stelle ich mein Cervélo an einem dieser herrlich gelb leuchtenden, so eindringlich duftenden Felder ab und genieße die eindrucksvollen Kontraste. Schön, noch frisches Grün und Blüten sehen zu können - 2 Wochen vor November.



Raps blüht auch im Oktober - Frühlingsgefühle bei Hamburg-Berlin.

Wenig später die einzigen Berge der Strecke. Naja, nennen wir es: Hügelchen, im Vergleich zu dem, was ich sonst so fahre. Kurze Rampen, einige sogar zweistellig. Vor Bleckede dann die wohl nördlichste Serpentine Deutschlands.

Bis Wittenberge und weiter vor allem hinter Havelberg dann die Ebene. Viele Teilnehmer fluchen hier: Nur flach. Nur Felder und Weiden. Kaum Wald oder Bäume, die vor dem Wind Schutz bieten. Hier kann es langweilig, sogar schwer werden, wenn die Windrichtung falsch ist. Ich mag es hier trotzdem: Kaum Autos. Verschlafene Dörfchen. Landleben. Für Städteraugen ungewohnt und daher spannend. Autonummernschilder haben hier drei Buchstaben. Wir sind richtig tief in JWD.

Bis Rhinow muss man es aushalten. Dann, ziemlich genau an dem Berg, an dem Otto Lilienthal seine Gleitflüge unternommen hat, fangen die Wälder Brandenburgs an. Bis Nauen geht es dann immer mal wieder durch Kiefernwälder - vor allem an heißen, trockenen Tagen ein würziger Duft-Genuss.

Tja. Und dann schon Falkensee. Verkehr wird dichter. Nummernschilder haben jetzt nur noch einen Buchstaben: B. Es ist nicht mehr weit, und ich fahre in Spandau ein. 280 Kilometer - Zweihundertundachtzig Kilometer! Na klar, es gibt viele, die viel mehr fahren können. Aber noch massig mehr, die niemals in ihrem Leben diese Distanzen aus eigener Kraft schaffen. Schlimmer noch: Schaffen wollen. Nicht mal daran denken. Mich belächeln. Scherze machen.

Sie wissen gar nicht, was ihnen entgeht.


Leute treffen. Freunde finden - das Rennrad als Kommunikator.


Jede Sportart hat ihre Afficionados. Rennradler sind da nicht anders. Und so, wie man sich als Mensch ganz selbstverständlich zu Gruppen zusammenrottet, machen wir Radsportler das natürlich auch. Hamburg-Berlin allein hat mir so viele gute Bekannte, Freunde oder nennen wir es so - hat mir so viele Menschen in mein Leben gespült, die die gleiche Leidenschaft wie ich teilen, dass ich diese als absolute Bereicherung empfinde. Menschen, die ich sonst niemals hätte kennen lernen dürfen.


Eine Attraktion und Mittel, um Leute kennen zu lernen. Das Rennrad.
Kühe fliegen anscheinend auch auf das schnelle Gefährt aus Carbon.

Aus Bekanntschaften werden manchmal Freundschaften. Aus einmaligen Teilnahmen werden Rituale. Schlafplätze werden angeboten. Man verabredet sich, freut sich auf einander. Und auch, wenn man sich vielleicht nur dieses eine Mal im Jahr treffen mag: Die 280 Kilometer von Hamburg-Berlin schweißen zusammen. Und der Tag auf dem Rad bietet genug Stoff, genug Stunden voller Erlebnisse, die dann für die kommenden 12 Monate bis zur nächsten Teilnahme reichen.

Ich selbst habe noch den Bonus dieses Blogs: Es vergeht kaum ein Rennen, kaum ein Event, bei dem ich nicht von einem Leser angesprochen werde - Danke an Euch hierfür! Dieser schönste Sport der Welt hält mich also nicht nur gesund und fit. Er bringt mich auch nicht nur an spannende, wunderschöne Orte, er bringt mich vor allem zu anderen Menschen, zu Leuten, die auch Gesichten mitbringen. Das finde ich spannend.

Und natürlich: Das Rennrad bringt mich zu mir selbst. Auch wenn mal keine Menschen dabei sind, wie jetzt bei meinem privaten HHB, dann habe ich Zeit, nachzudenken, zu reflektieren. Nicht nur die Natur, sondern auch mich selbst zu erkunden.


Markanter Punkt: Das Fliegerdenkmal bei Stölln. Nun ist es wirklich
nicht mehr weit bis Berlin.

Das alles mag jetzt sehr philosophisch, ja ein bisschen übertrieben esoterisch klingen. Ist es vielleicht sogar auch. Aber es ist wahr - ich finde, dass kein anderer Sport so sehr (zumindest meine) Sehnsüchte nach Fitness, nach Technik, nach Spannung, nach Risiko, nach Erlebnissen und nach Naturgenuss befriedigt, wie diese 7 Kilogramm Carbon.

Leute, die darüber lächeln, die kann ich nur belächeln.


Rennrad und Essen - so viel man will. Ohne Reue.


Okay, sicher: Ich wiege keine 65 Kilogramm und brauche daher jede Kalorie, die ich bekommen kann. Aber unabhängig davon - jeder, der halbwegs intensiv das Rennrad bewegt, braucht massig Energie. Und die holen wir uns auch. Ohne jemals Reue zeigen zu müssen. 

Beim offiziellen Hamburg-Berlin stoppt man traditionell eigentlich nur zwei mal: Erstens in Dömitz bei Kilometer 100. Auf der Friedensbrücke, genauer gesagt etwas abseits davon an einem Parkplatz, hat der Veranstalter dann einen kleinen Checkpoint mit Verpflegung und (meist ganz ganz wichtig!) heißem Tee oder Kaffee aufgebaut. Das zweite mal steigt man dann in Rhinow vom Rad. Das ist dann nach rund 200 Kilometern. Hier gibt es einen Supermarkt, der sich alljährlich über 400 hungrige Rennradler freut.

Ich stoppe bei meinem kleinen Nachhol-HHB öfter. Um zu telefonieren. Um Fotos zu machen. Und auch um etwas zu essen. Mich hetzt heute keiner. Kein Windschatten, den ich mitnehmen muss. Ich stoppe nicht in Rhinow, dafür in Friesack. Vor einem Fleischer. Der hat kindskopfgroße Bouletten und einen richtig geilen handgebauten Kartoffelsalat.


Bei 280 Kilometern braucht der Körper Energie zum Verbrennen. Ich gebe sie ihm. Sehr gern.

Das schönste an der Sache aber ist, dass ich weiß, dass ich diese Portion schon in wenigen Stunden wieder verbrannt haben werde - und tatsächlich. In Berlin wird es zum Abend ein leckeres Lahmacun bei einem herzlichen Araber geben. 

Süßes (ich kenne nicht wenige Rennradler, die sich eine Packung Gummibären während der Rennen reinhelfen), Salziges (ich selbst freue mich bei Rennen immer über dicke Wurstscheiben oder, wie ganz oft bei italienischen Gran Fondos, über Schinken und andere Schweinereien) und natürlich die Klassiker Banane, Apfel & Co. Wir können tonnenweise davon futtern - und behalten trotzdem unsere Hammerfiguren.

Ein stets unerwähntes Thema, gegen dessen Tabuisierung ich hier gern eine Lanze breche: Der Sportlerfurz. Es sind die Isodrinks und vor allem die Gels, die unserem Verdauungssystem so zusetzen, dass wir meist schon nach wenigen Stunden Rennen, wohl aber noch einige quälende Stunden nach dem glücklichen Finish mit Blähungen gestraft werden, die jedes wiederkäuende Rind neidlos die Flecken erblassen ließen. Furchtbar! Wahrlich die Kehrseite des Radsports. Aber eine, die wir wohl ertragen müssen. Und vor allem die um uns herum.


Last  but not least, Orange ist mein Rosa. Oder: Rennräder machen einfach glücklich.


Zunächst einmal Danke an @Bemme51, bei dem ich mir den Orange-Rosa-Spruch ausgeborgt habe. Aber er trifft es ganz gut: Ich brauche keinen Alkohol, keinen fancy Industrie-Kribbel und auch keine anderen präfabrizierten Dinge (abgesehen natürlich von toll organisierten Rennen, wie diesem hier beispielsweise) - ich brauche nur das Rennrad, eine Straße. Das war es. Das reicht mir, um Glück zu erleben.


Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang: Die Welt durch orange gefärbte Gläser sehen.
Ein Traum!

Ich habe die sportliche Herausforderung. Ich habe den Naturgenuss. Ich erfahre Zeit und Raum. Ich entdecke Neues, auch dieses mal, da ich HHB zum mittlerweile fünften Mal gefahren bin. Das Gespräch mit der Bäckersfrau in Dömitz beim Pott Kaffee. Der Bauer auf dem Traktor, der mir irgendwas von "... Scheiß Gülle, oder?" zugerufen hat. Zwei Polizisten am Blitzgerät, die mir zunicken. Oder die beiden Tourenradler, denen ich mit dem GPS aus einer Navigations-Patsche helfen kann, die, als ich ihnen auf ihre Frage, woher ich käme und wohin ich denn fahren würde, einige Sekunden lang mit offenem Mund dastehen, später nur sagen: "Hamburg bis Berlin? Das ist unsere gesamte Urlaubswoche!"
Unbezahlbar.

Genauso unbezahlbar, wie der fantastische Sonnenuntergang, den ich - zurück in Hamburg am nächsten Tag - erleben darf. Meine Stadt, die mich begrüßt. In den tollsten Farben, die man als Sonne und Wolke gemeinsam in den Himmel tünchen kann.

Ich dusche lange. Und heiß. Dusche mir den Schweiß und den Dreck der 280 Kilometer ab. Denke die Strecke zurück: Das Ortseingangsschild, auf dem endlich "Berlin" steht, die endlosen flachen Kilometer bei diesem fiesen Seitenwind bis Nauen davor, das "Death Valley" Brandenburgs auf den 90-Grad-verwinkelten Landwirtschaftsstraßen, das blökende und muhende Vieh, das mir wie Zuschauermassen Spalier steht auf dem Trip, die majestätische Elbe bei Morgengrauen, Brunsbüttel AKW, nachts noch spookyier illuminiert und schließlich der Lichtdom, der Hamburg ist, wie er in der stockfinsteren Nacht hinter mir zurück bleibt. 
Zurück bis 3:15 Uhr. Als mein Wecker klingelt, ich vollkommen von Schlaf durchsetzt stöhne: 
Scheiße! 
Aufstehen! 
Aber dann: Yeah - Radfahren!


Rennradfahren - Natur erleben. Draußen sein. Herrlich!

Die Essenz. Alles, was mich am Rennrad fasziniert. Auf einer Strecke. Ich liebe Hamburg-Berlin über alles. Und deshalb muss es 2015 auch wieder sein. Dann hoffentlich als regulärer Starter im regulären Feld.

Ja, dieses Plädoyer für das Rennrad mag vielleicht etwas überengagiert, etwas kitschig und romantisch verklärt sein. Aber so ist es nun mal.


Was treibt Euch auf Eure Rennräder? Was hält Euch stundenlang am Treten und Malochen? Ich freue mich wie immer über Eure Kommentare.

Hamburg-Berlin 2014, als private Tour. Hier die Garmin-Daten.








Du suchst Berichte von einer bestimmten RTF, einem Rennen oder Gran Fondo? Ich bin nunmehr fast 30 dieser Events im Rahmen des German Cycling Cup, der UCI-World Cycling Tour und des italienischen Prestigio-Gran Fondo Cup gefahren. Einfach hier klicken: Vielleicht findest Du in meinen Listen genau das Rennen, für das Du Dich interessierst?

23. April 2013

Pazzo Bici - Wie ich eine italienische Rennlizenz bekam und (fast, ganz knapp) gegen einen Giro d´Italia-Veteran gewonnen habe.

Auch wenn jede Nation ihre eigenen Helden und Heldengeschichten des Radsports hat, so ist mir doch Italien die liebste von allen. Warum? Weil ich dieses Land, die Art und Weise wie hier das Rennrad Teil der Kultur und auch des Selbstverständnisses ist, einfach liebe.

Das Rennrad ist Teil Italiens - und doch, es sind diese süßen, kleinen Geschichten, die irgendwie nur hier passieren können, die dieses tolle Land noch liebenswerter machen.

Wie ich zu einer italienischen Rennlizenz kam.

Zum Beispiel kurz vor dem Start zum Gran Fondo Selle Italia Via del Sale, den ich mit meinen Teamkollegen Ines und Flow am 7. April bestritten habe. (Hier gehts zum Rennbericht)


Radrennen in Italien - ein Gran Fondo ist Rennradfreude pur!

Am Tag der Anreise - ein immer gleiches Programm - fahren wir zunächst straight vom Flughafen, in diesem Fall war das Venedig, sofort zur Akkreditierung. Hier dann immer das normale Prozedere: In den Starterlisten die Startnummern suchen, anstellen, einschreiben, Transpondermiete hinterlegen, Startbeutel kassieren. Go.

Anders in Cervia.

Wir sind nicht auf den Starterlisten.

Also am "Trouble Desk" angestellt. Hier spricht (wie immer) niemand englisch. Irgendwann holen wir mit Händen und Füßen einen Übersetzer herbei. Die Dame erklärt uns, dass bei diesem Gran Fondo nur Lizenzhalter zugelassen seien. Wir könnten gerne "einfach so mitfahren", aber ohne Transponder, ohne Nummer. Es tut ihr sichtlich Leid, als ich frage, wofür ich Anmeldegebühren bezahlt hätte, dass wir extra aus Deutschland angereist kämen und das wir sowas bisher bei noch keinem Gran Fondo hatten.

Aber es ist nichts zu machen: Ohne Lizenz kein Rennen!

Da Ines Halterin einer C-Lizenz des BDR ist, wird sie "nachgemeldet" (also ab jetzt immer die Buchungsbestätigungen mitbringen!).

Irgendwann kommt ein ältere Herr dazu. Er gehört der ACSI an - dem Dachverband der Offiziellen. Auch er sagt: Ohne Lizenz, kein Start.

Aber ... er hat da so eine Idee ...


Wie war das bei Asterix? Formular A-38 ...

Nach einigem Hin und Her lotst er uns in eine Ecke des Einschreibesaales und packt aus einem kleinen Köfferchen allerlei Formulare und Stempel aus. Flow flippt fast aus, als er dieses Mini-Amt im Anglerkoffer sieht und freut sich ein Loch in seinen Ast: Tatsächlich, wir unterschreiben wenig später Mitgliedsanträge und Beitrittserklärungen.

"Herzlichen Glückwunsch und willkommen im Club!", scheint er nach 15 Minuten Schreibarbeit, zig Stempeln, einigen Unterschriften, dem Buchstabieren unserer unaussprechlichen deutschen Namen und einer Jahresgebühr von 39 € pro Person zu sagen.


Italien hat zwei neue Lizenzfahrer ...

Na siehste: Nun bekommen auch wir Transponder und Starternummern, fahren am nächsten Tag den Gran Fondo mit und haben Spaß in der Emilia Romagna, der Heimat Marco Pantanis und einiger anderer unvergessener aktiver und alter Radsportstars und -legenden.

Und in meiner Brieftasche? Da trage ich nun eine waschechte italienische Rennlizenz mit mir herum. Kein Hazzle mehr bei Dieci Colli, Nove Colli oder Milano-San Remo. (Nicht zu verwechseln allerdings mit der deutschen A/B/C-Lizenz).

Nur eines, das macht mich am Ende stutzig: Als ich mir die Ergebnislisten des Gran Fondo downloade lese ich, wie mein neuer Verein denn nun heißt.

Club 88.

Ein Scherzle, den sie sich mit uns Deutschen erlauben? Na, muss ja niemand wissen ...

Beim Bike-Blogger-Wochenende der Rimini Bike Hotels

Eine Woche nach diesem Gran Fondo fliege ich wieder runter an die Adria. Diesmal folge ich der Einladung der Tourismusbehörde der Emilia Romagna sowie der Initiative der Rimini Bike Hotels.

Es sind um die 20 Journalisten, einige Bike-Blogger, Mountainbiker und Lifestyle-Journalisten eingeladen. Ich bin einer von ihnen, zusammen mit Lukas von rennradblog.ch und Felix von hikeanbike (die ich schon aus dem Netz her kenne) und einigen anderen, die ich noch nicht kannte, die für die Blogger-Szene stehen.

Wir haben tolle Zimmer im nagelneu renovierten Hotel Oxygen und werden an zwei Tagen von einem lokalen Rennrad-Club ins Hinterland Riminis zu Touren eingeladen.


Die Blogger-Crew vor der Abfahrt: Bunter, toller Haufen!

Rimini hat Probleme. Mit dem Party-Image. Der Krise. Der ausufernden Bebauung aus den Siebzigerboomjahren. Mit Mallorca. Viele Probleme. Vor Ort haben sich deshalb einige Hotelchefs zusammen gesetzt und überlegt, was man tun könne dagegen.
"Was können wir gut?"
"Wofür stehen wir persönlich?"
"Was ist unsere Leidenschaft" Oder auch: "Was verbindet uns?"

Es war die Liebe zum Rennrad und den Radsport, die das Projekt Rimini Bike Hotels ins Leben gerufen hat. Es sind eine handvoll Hotels, die hochwertige Trainingslager, geführte Rennrad- und MTB-Touren, Promi-Ausfahrten oder ganze Race-Wochenenden oder Familien-Trips anbieten. Für jeden Zweirad-Enthusiasten soll etwas dabei sein.

Und wir sind die ersten, denen sie das zeigen wollen.

Was mich beeindruckt: Kein Zwang, keine vorgefertigten Moderationspläne oder Pressemappen. Kein Verkaufsgelaber oder PR-Scheiß. Wir bekommen die Chefs nur kurz zu sehen - um uns kümmern werden sich waschechte Rennradler. Mit Leib, viel Seele und einer Menge Leidenschaft.

Wie ich einmal (fast, aber wirklich ganz knapp nur! Nicht.) einen Giro-Veteranen abgezockt habe.

Am Morgen der ersten Tour sammeln wir uns vor dem Hotel, die Herren und Damen Blogger und Journalisten sowie ein paar lokale Rennradler. Unsere Scouts.

Und hier entdecke ich ihn ...


Anmutig schon im Stehen: Primos Cerin.

Er hat Waden wie aus Elfenbein, eine Haltung wie fürs Rennrad geklont. Ist auf einem geschniegelten Pinarello Dogma positioniert, bewegt sich auf dem Rad, als habe er nie etwas anderes getan. Strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, ist dabei selbstsicher und gleichzeitig so authentisch, so sympathisch und bescheiden.

Man tuschelt und mauschelt: "Das ist er ..." und "Wow, krasser Typ ..."

Es ist Primos Cerin. Er ist zusammen mit einer etwa 5 Mann starken Journalisten-Fraktion aus dem benachbarten Slowenien, Lubljana, angereist. Ein bekannter Mann, auch heute noch, unter denen, die wissen, wer er ist. Da ich ihn nicht kenne, lasse ich es mir erklären.


Primos fährt u.A. für das Carrera-Team (Pics: dewielersite.net)

Primos, der "andere Primos" in der lustigen Slowenengruppe, erklärt mir beim lockeren Einrollen aus Rimini heraus (wir wollen natürlich in die Berge), wen wir da in unserer Gruppe haben.

"Primos war im Team Carrera Stagiare und später Gregario von Legenden wie Claudia Chiapucchi (mit dem man bei den Rimini Bike Hotels übrigens eine dieser Promi-Ausfahrten buchen kann) oder Stephen Roche, dem späteren einzigen Tour de France-Gewinner Irlands.

Cerin hat für das damalige Yugoslawien an den Olympischen Spielen von LA teilgenommen und wurde im Straßenrennen 35ter, im Zeitfahren 9ter. Er nahm drei Mal am Giro d´Italia als Helfer Teil, musste zwei Mal nach Sturz ausscheiden, finishete aber ein mal auf dem 14ten Platz. "Zwei oder drei Teilnahmen bei der Tour", erzählt Primos, bestes Ergebnis irgendwas um Platz 30."

"An den hänge ich mich ran!", schwöre ich mir und arbeite mich im Feld vor.


Die Emilia Romagna - geiles Italien!

Ich kann diesmal, da das Wetter endlich mal dem Begriff "mediterran" gerecht wird, meine Blicke in die tolle Landschaft der Emilia Romagna streifen lassen, kann mich umsehen, den Frühling, die Blüten und ersten Düfte einer aufplatzenden Natur genießen - nachdem es beim GF Selle Italia nur nebelig und regnerisch war - aber eigentlich habe ich nur Augen für Primos.

Wie wird er in der Steigung fahren? Und: Kann ich seinem Antritt folgen?


Erster Berg - erster Antritt: Ich vorn. Aber Primos ist schon weg.

Bereits in den ersten Bergaufstücken bin ich ganz vorn dabei: Knapp versetzt hinter Primos, neben mir meist einer der anderen Slowenen, dahinter dann Robert vom niederländischen Rennradreise-Anbieter Tour de Vacance.

Manchmal, wenn wir an Ampeln halten müssen, beschaue ich mir die Waden von Primos: Reine Kraftpakete aus festen Muskelfasern, kein Gramm Fett, keine geplatzten Adern, perfekt rasiert, perfekt gestylt.

Wahnsinn, der Mann ist 51 Jahre alt!


Mit 50 noch sone Beine haben. Auch Männer können träumen.

Dann im Berg, sein Antritt: Nachdem ich mich kurz an die Spitze und absetzen kann, viel zu früh natürlich und viel zu schnell, zieht er einfach an mir vorbei. Er geht nicht einmal aus dem Sattel, er beschleunigt einfach so. Im Sitzen
Keine Bewegung im Oberkörper, kein Knarzen von unter der Last der Wattzahlen ächzender Pedale und leidender Cleats, kein Schnaufen, keine Luftstöße aus offenem Mund. Nur kräftige Tritte.

Großes Blatt. Er biegt um die Kurve und ist weg. Puff.


Die Normalos rackern sich ab ...

Wir fahren eine wunderbare Tour ins bergige Hinterland von Rimini, etwas nördlich an San Remo vorbei, in die Berge. Andrea, unser Scout, will uns San Leo zeigen. Ein schroffer, großer, schlanker Bergfelsen, auf dessen Gipfel ein kleines Bergdörfchen mitsamt Cappuccino-Bar zum Verweilen einlädt.

Die Fahrt dorthin ist freilich mit einem rund 8 Kilometer langen Anstieg - Teil der Dieci Colli-Strecke - gespickt. Den Felsen immer im Blick machen wir uns daran, den Aufstieg zu meistern.


Wildromantisch: San Leo

Wieder bringe ich mich in eine gute Ausgangsposition: Primos vor mir, sein Hinterrad genau im Blick. Ich weiß, dass ich keinerlei Chance habe, aber ich möchte diesmal wenigstens versuchen, seinen - ohne jeden Zweifel bald stattfindenden - Antritt mitzugehen. Und wenn das nur für ein paar Meter sein wird.

Wieder wird es ruhig im kleinen Feld. Wir reihen uns wie Perlenketten auf. Jeder zerrt und reißt am Lenker. 8, 7 km/h, dann 6 - es wird steil.

Wann geht er?


Antritt Primos. Großes Blatt. Zero Chance.

"Er hat aufgehört mit 25 Jahren", hatte mir einer der Slowenen über Primos erzählt: "Als er anfangen sollte, Substanzen zu nehmen. Er hätte ein Star werden können - hatte sich den Respekt der Italiener erarbeitet. Aber er machte Schluss, als die Nadeln ins Spiel kamen." Was für Stories muss er erzählen können?

Die Landschaft ist beeindruckend. Hier, im Herzen der Emilia Romagna, ist es so gar nicht mehr Rimini, Strand und tausend Sonnenschirmen - hier fahren wir unberührte kleine Sträßchen, kaum Verkehr - Rennradgebiet pur!


Hinter diesem Torbogen Endanstieg: 15% und Kopfsteinpflaster. Geil!

Irgendwann schießt einer der anderen Slowenen an mir vorbei. Er hat das große Blatt drauf, es ist eines der ewtas flacheren Stücke - ich werde aus meinem Tagtraum gerissen, der Rhythmus des Kletterns jäh unterbrochen. Primos, der sowieso auf dem Großen fährt, pariert sofort, geht aus dem Sattel und braucht nur wenige Tritte - beeindruckend! - um zu seinem Kollegen aufzuschließen.

Wie Ruderern gleich, ein paar kräftige Züge, und ich sehe die beiden um die Wette fahren. Schon zu weit entfernt. Lichtschnell. Nach wenigen Sekunden schon eine Serpentine über mir. Ah, so schnell geht das also bei Leuten, die es können.

Ich mache leise "wow" und schaue in die Landschaft. 36-27 liegt auf. Auch nett.


Langsam fängt es an zu blühen ... wundervoll.

Irgendwie packt uns Rest dann doch der Ehrgeiz: Lukas vom rennradblog.ch und Robert, der Holländer, dem man seine Leistung nun mal gar nicht ansieht, treten rein, gehen an mir vorbei. Sie haben eine der Sloweninnen im Schlepptau. Ich hänge mich ran.

Jäh steigt das Tempo. Vorne zieht Lukas einfach davon. Robert, die Dame und ich bleiben zusammen. Bis kurz vor dem Gipfel auch Rob anzieht. Auf und davon. Zwischendurch zischt noch Andrea an uns vorbei - ein Wahnsinnskerl! Er wird einige Augenblicke vor uns ankommen.

Als ich dann zusammen mit der Dame in San Leo die letzten - mittelalterliches Kopfsteinpflaster" - 15 %-Rampen emporächze, stehen Sie oben und feuern uns an. Wenig abseits: Primos. Gelangweilt. Immer dieses Warten ...


Heute 1.200 hm gemacht. Endlich wieder in der Sonne schwitzen!

Auch die zweite Tour - etwas kürzer leider, da wir am selben Tag noch abreisen und zum Flieger müssen - führt uns ins bergige Hinterland Riminis. Wir werden den Monteleone befahren, einen schönen Berg, die in die Abfahrt bei Sorrivoli mündet.

Andrea wird mir im Ziel - wieder ein unfassbar idyllisches Bergdörfchen mit Cappuccino-Bar und Burganlage - erzählen, dass hier auf der kommenden Abfahrt jene 3 Kilometer berühmte Steigung war, an der Ricardo Ricco 2008 eine denkwürdige Attacke im Giro setzen konnte.

3 Kilometer bei konstant 18 %.

Schon die Abfahrt alleine macht mir Angst: Kopfüber mit gezogener Handbremse. Bergauf hier - nach wieviel Kilometern Anfahrt? - ein Ding schierer Unmöglichkeit.


Schnacken mit einem waschechten Halb-Profi und Rennrad-Journalisten: Andrea.

Es ist so entspannt hier, so geradezu atypisch deutsch - und so traumhaft italienisch. Jetzt merke ich, was "Rennrad" und jenes überspannte Idiom vom "Dolce Vita" wirklich bedeuten.

Die Jungs und Mädels hier lieben das Rennradfahren, sie lieben es, weil es sie ihrer wunderschönen Heimat nahe bringt, weil es sie gesund hält, weil sie hier ihre Freunde treffen, sich in gesunder Konkurrenz aneinander messen können. Weil es ihre Väter und Großväter auch schon so taten.

Und weil es schlicht und einfach der tollste Sport der Welt ist.


Felix und Rob: Sonnetanken und verschnaufen.

Der Endspurt wird - dank der nicht ganz so ernst gemeinten Stichelei einiger Blogger (nicht wahr,  Felix? :) zu einem Wettkampf der Nationen. "Die Blogger gegen die Italiener!", heißt es zum Schluss, nachdem wir Deutschen einsehen, dass wir sowohl gegen Holland als auch die Schweiz keine Chance haben.

Den ersten Anstieg gewinne ich. Ein Pyrrhussieg, denn dieser erste Berg zählt nicht. Dann, hinauf zum Monteleone, legen wir uns ins Zeug. Felix stürmt vorneweg. Ich mache den Fehler eines zu schnellen Antritts nicht und bleibe bei den Italienern. Solange die schnattern, ist alles okay.

In einem etwas flacheren Stück kann ich mich endlich absetzen und mich langsam zu Felix vorarbeiten, der nun schon auf dem letzten Loch pfeift. Ich überhole ihn und führe. Allerdings nicht lange: Andrea und seine Kollegin zockem mich spielend leicht ab. Dann Robert.

Aber ich werde fünfter im Ziel und bin glücklich: Endlich mal vor dem Lukas, unserer Schweizer Bergsau!


Sub 10-Ötztaler- und Iron Man-Finisher: Starker Lukas!

Beim Ziel-Cappuccino oben auf dem Berg frage ich ihn - etwas Triumph liegt in meiner Stimme - was denn los sei."Gestern sone Superzeit, und heute ganz hinten im Feld?" Verausgabt etwa?

"Nein, nein", antwortet er mit einem Toblerone-Lächeln schwitzelnd: "Ich bin zur Übung das Ding auf dem großen Blatt gefahren ..."

Ah. So. Mmh. Na, das wollte ich zu erst auch. Aber Du weißt ja, die Pflicht. Und so ...


Ist eigentlich andere Pässe gewöhnt, fühlt sich hier aber auch wohl.

Es sind wundervolle Tage hier. Wir genießen es, uns einfach nur auf das Rennrad und die tolle Landschaft konzentrieren zu müssen. Wir werden nicht vollgelabert von PR-Profis, die sich die Blogger zunutze machen wollen. Gastfreundschaft, Authentizität und viel Spaß an der Sache.

So auch, als wir auf der Rückfahrt bei Cicli Matteoni - einem Rennrad-Laden - anhalten. Hier hat die Frau eines unserer deutschen Guides, Ole Rohwer, den Laden extra für uns geöffnet und zusammen mit einer Kollegin ein fantastisches, kleines Büfett mit Kuchen und Salzigem, Gebäck und Brötchen, allerlei kalten Getränken und - natürlich - einer Espressomaschine aufgebaut. genial.


Geiler Rennradladen vor Rimini - Cicli Matteoni

So können wir Blogger - natürlich etwas voreingenommen von diesem tollen Wochenende an der Adria, der ersten richtigen Sonne über 20 Grad in diesem Jahr - nur Gutes von den Rimini Bike Hotels berichten: Schief angeguckt wird man hier sicher nicht, will man das Rennrad im eigenen Zimmer beschützt wissen.

Tolle, spannende, anspruchsvolle Touren und Trainingseinheiten im Hinterland sind nach nur 15 Kilometern Anfahrt durch die küstennahe Ebene jederzeit möglich - steil wird es bei San Marino, was wir am ersten Tag zu spüren bekamen, bis hin zum "Mi Basta!"-Berg Pantanis oder der irren Steigung bei Sorrivoli.


Hier geht es zu den Garmin-Daten der ersten Tour.

Auch die zweite, leider etwas kurze Tour, bringt uns in die Berge der Emilia Romagna - sicher, das hier sind nicht die Alpen, aber gerade, um im Frühling auf Touren zu kommen, für ein Trainingslager und Ausritten bis 1.500 hm (und durchaus extremen Gradienten!) eignet sich die Gegend ganz hervorragend: Ruhige Straßen (von allerdings vor allem an der Küste teilweise fragwürdiger Belag-Qualität), aufmerksamer Verkehr und einer so dichten Besiedelung, dass man keine Angst vor leeren Trinkflaschen oder Pannen haben muss - ein perfektes Trainingsrevier!

Hier geht es zu den Garmin-Daten der zweiten Tour nach Monteleone.


Am Ende schießt unser Verband wieder zurück nach Rimini, und wir spüren es im Feld: Wer wird den Sprint gewinnen? Vorne zieht Felix auf einmal das Tempo an, Primos (der "andere" Primos) und sein slowenischer Kollege geben Gas. Ich hechte hinterher und das hohe Tempo auf den letzten 15 Kilometern gut im Windschatten verbringen: Gut gemacht, Felix, fahr mal schön alle kaputt.

Andrea und ein weiterer Scout setzen sich an die Spitze, sie drosseln das Tempo in der Innenstadt Riminis - wahrscheinlich (sicher sogar!) haben sie etwas Angst vor unserem Elan. So lungere ich an Position 5 herum, immer bereit, sofort loszusprinten, wenn einer angreift.

Und siehe da: In der letzten Kurve gehe ich raus, ergreife meine Chance und kann sie alle überraschend abzocken: Doch noch gewonnen ... :)


Tolle Crew: Am Ende gewinnen die Deutschen.

Ich sage ein dickes Grazie Mille an die Rimini Bike Hotels für ein fantastisches Wochenende, an Nicholas Montemaggi, an Andrea & das Team von Cicli Matteoni - Ihr habt uns mit Eurer unverfälschten Gastfreundschaft und Eurer ehrlichen Leidenschaft beeindruckt!

Danke auch an die Jungs und Mädels der bloggenden Szene - es war mir ein großer Spaß, Euch alle mal kennen zu lernen und mit und neben (und hinter) Euch Rennrad zu fahren. Sehr geil.

Tja, so ist das eben, in Bella Italia, dem Land, in dem Rennradfahren am meisten Spaß macht: Alles ein bisschen Pazzo eben ... und das im besten Sinne des Wortes.

Und so freue ich mich über meine echte italienische Rennlizenz, die ich spätestens am 1.5. zum Gran Fondo Dieci Colli - ganz in der Nähe - wieder vorzeigen werde und darüber, dass ich mal ganz knapp und wirklich ohne Übertreibung nur um Klitze-klatze-Haaresbreite einen waschechten Giro d´Italia-Profi abgezockt habe.

Schöner Sport!

14. März 2012

Tour de Jütland - 700 Kilometer an der Windkante

So. Nachdem Blogger den kompletten Text des ersten Tages der 8 Etappen meiner Dänemark-Rennrad-Tour gelöscht hat, ist meine Motivation, all diese wunderbar wohlgeformten Sätze wieder mühsam zu rekonstruieren, dann nach mehrmaligen Anläufen gen 0 gesunken.

Und so möchte ich Euch für den Tour-Bericht die "besten" der 100 Fotos zeigen - und noch einen Satz dazu. Fertsch.
Viel Spaß trotzdem beim Rohrschach-Dänemarkbericht.


Dänemark - ich komme. Haltet Eure Pölser fest, der Cervelover hat nur 4 Etappen, um zu seiner Süßen zu kommen! Ah, Wind, Danke Petrus - leider von der falschen Seite. Von hinten musser kommen, von hinten!

Was soll man über Dänemark sagen? Südjütland ab Flensburg? Flache Hügel, schnurgerade Straßen, die Eintönigkeit einer anspruchslosen Strecke - 30 Grad für den, der keinen Schatten hat. Mehr, als das Schattenspiel auf dem Asphalt habe ich von den ersten Stunden auch nicht in Erinnerung.

Dänische Hotels - eine Mischung aus Landadel-Pomp und Siebziger-Charme. Dazu skandinavische Einrichtungen und Lichtschalter wie aus "Raumpatroullie Orion". Wenigstens sind die Dänen Rindfleisch-Gurus, gut fürs Belobigungs-Steak am Abend.

Die "Olsenbande" darf natürlich nicht fehlen. Macht auch auf Dänisch Spaß. Nebenan feiern sie lauthals Hochzeit, weiß nicht, was nerviger ist.

Eintöniger gehts nicht? Gestern war nur ein Vorgeschmack. Ab Christiansfeld wirds landwirtschaftlich. Eben wie ein Spiegel, keimendes Grün und makelloses Himmelsblau. Sonnenstich und Rennrad-Wahn inklusive.

Ach, der Wind.

Nervt immer noch. Noch immer nicht von vorn.

Gute Miene zu bösem Spiel. Ach, ich scherze nur. Bin ja zum Spaß hier. 30er Schnitte sind eh nicht drin. Dafür sorgt Meister Gegenwind und - Nein, Dänemark ist nicht flach! - der ein oder andere Hügel im Weg.

Aarhus Hotel. Direkt am Yachthafen. Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte.

Aarhus Innenstadt. Beim Latte Macchiato durch die Gassen schlendern. Studentinnen haben wieder kurze Röcke - okay, jetzt ist´s Urlaub!

Erwähnte ich die Steaks? Besoners groß und saftig im Boefhuset am Hafen (und schweineteuer!). Hat ein bisschen länger gedauert, dafür ist ein "Big Beer" auch 0,75 Liter groß.

Abends ausruhen. Vorher Rad putzen. Cervélo muss ja nach was aussehen. Im TV läuft die Tour d´Romandie - und ich mache es mir bequem. So stelle ich mir einen Etappenausklang vor.

"Four of them?" hatte die Shelltankenfrau zweimal gefragt. Ja, mach mir vier von den Dingern. Ein Snack zwischendurch. Muss auch sein. Es wird zunehmend bergiger. Und der Wind ... kommt noch immer von vorn.


Das könnte schon fast das Harzer Vorland sein, bilde ich mir ein, dabei kämpfe ich mich nur gerade wieder eine der vielen Rampen hinauf. Heute gehts nach Westen an die andere Küste. Aber denkste? Der Wind hat natürlich gedreht.

Und ist natürlich auch immer noch Gegenwind. C´est la vie.

Gute Beine muss der Mensch haben. Ich habe sie. Rasiert sind sie sogar auch.

Nächste Station. Geheimtipp: Hjarbaek an einem See. Traumhaft. Das B&B von Hannah & Arne. Sehr nett, sehr freundlich. Es gibt nur ein Restaurant am Platze - aber das ist das beste in der Umgebung. Reservieren ist angesagt. Herrlich hier.

Beim Sonnen am See hole ich mir einen Brand. Komisch, dabei sieht es so kühl aus.

Nächster Tag, Etappe 4. Gegenwind bis zur Weißglut. Da hilfts auch nicht, wenn mich die dänische Tourismusbehörde mit einem Abstecher nach Frankreich belohnt.

Und auch nicht, dass Bella Italia gleich ein Ort weiter ist.

Ein letzter Berg - 2 Gels eingeworfen. Da hinten, da, gaaanz hinten, da wartet er: Ein Kuss meiner Süßen, der glühende Ofen einer Sauna und ein blubbernder Pool für meine geschundenen Glieder.

Na, wenn das mal nicht romantisch ist - In den Dünen ist gut munkeln.

Schick ists hier in Vrist - mit 15 Mann in einem Riesenhaus und allem Pipapo. Auch sonst spricht man hier Deutsch. An den Autos steht nur Pinneberg, Hamburg, Ratzeburg und Kiel.


Erbe - Beton, der langsam versinkt. Nazibunker als Wellenbrecher. 1944 haben die Teile noch hinter den Dünen gestanden. Das Meer holt sich halt alles wieder.

2 Tage Ausspannen vergehen wie im Fluge. Dann wieder los - Südkurs, gen Heimat. Rückenwind? Pustekuchen! Stetiger Gegenwind und das auf völlig offenem Gelände. Ich rege mich schon gar nicht mehr auf ...

Gottes Fingerzeig: Ein Schattenwurf vom Kondensstreifen. Da hinten, da irgendwo, da muss ich tatsächlich hin. Nörre Nebel heißt der Ort.

Angekommen ist Selbstverpflegung angesagt. Da das TV nur 2 dänische Sender hat, genieße ich die Hochzeit von Prince William und Kate Middleton zu Baked Beans und Mini-Pölser. Und kann dank schnell einsetzender Verdauung das makabre Geschehen zünftig kommentieren.

Der nächste Tag bringt mich nach Römö. Wollte da schon immer mal hin. Kampf gegen Windböen und fiese Anstiege. Esbjerg hinter mir. Bei kleinstem Gang und größtem Wind einen Katzenbuckel machen und sich über 13 km/h freuen. Deprimierend.

Der Damm hinüber nach Römö mit Rückenwind verschafft dann schon Durchschnittsgeschwindigkeiten, die ich für angemessen halte. Aber ich weiß: Morgen muss ich alles zurückzahlen!

Faszinierend, dieser Damm. 10 Kilometer nur geradeaus. Links Meer. Rechts Meer. Vorne eine zarte grüne Morgana. Fragiles Inselchen.

Das dann überraschend dicht bewaldet ist. Erinnert mich an den NVA-Flugplatz meines Vaters. Geheimnisvoll. Wohl nicht umsonst das Klassenfahrtmekka so vieler deutscher Lehrer?

Und das passiert, wenn man 21 Uhr nach einem Steak einen Kaffee zum Banana-Split bestellt.
Humor haben die Dänen ...

Heimat. Endlich. Auf dem Deich. Etappe 8 ich kämpfe mich seit Stunden an der Küste neben Sylt entlang. Irgendwann steht das letzte dänische Schild da. Dann ein deutsches Ortseingangs-Signal. Klanxbüll. Deutschland. Das Leiden an der Windkante hat ein Ende.

Ich freue mich. Komisch.
Die Schafe blöken aber deswegen auch nicht glech anders.

Dafür hupen hier wieder die Autofahrer. Home, sweet Home.

Frühlingstour zum Einrollen - 780 km in 8 Etappen. Die Tracks zum Nachfahren gibts gern auf Anfrage.


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