19. Oktober 2014

Rennradfahren bei Regen, durch Kuhmist, im Wind und bei Dunkelheit: Hamburg-Berlin, eine Woche später. Oder: Warum ich Rennrad fahre.

Für viele Rennradler die aus Hamburg und Umgebung, aber auch aus Berlin kommen, ist der traditionelle Saisonabschluss ein ganz bestimmtes Event. Ein heiliges Datum, sozusagen. Auch für mich gehört es, seit ich im Jahre 2010 mein erstes Rennrad erworben, habe einfach dazu. Ich meine das Zeitfahren Hamburg-Berlin (hier der Rennbericht von 2013). Ein Event auf einer 260 bis 280 Kilometer lange Strecke, diewelches vom Audax Club Schleswig-Holstein alljährlich organisiert wird und ab Hamburg-Altengamme bis Berlin-Spandau, neuerdings zum Olympiastadion führt. Leider kann ich in diesem Jahr diesen Klassiker nicht mitfahren, hole ihn aber eine Woche später nach.


Warum ich Rennrad fahre: Hamburg-Berlin als Blaupause meiner Leidenschaft.


Ich liebe diese Strecke nicht nur, weil ich Quasi-Berliner bin und mich immer freue, in meine brandenburgische Heimat und speziell in die Stadt mit dem Telespargel zu kommen, sondern, weil dieser Trip all das, was ich am Radsport so liebe, zum Vorschein bringt.


3:15 Uhr aufstehen,4:20 Uhr aufbrechen: Radsport ist nichts
für Langschläfer.

Seit dem ich Rad fahre, bin ich "anders". Familie, Freunde schütteln oft ihren Kopf. Verstehen nicht, was ich da treibe. Können es nicht fassen, wie viel Zeit und Geld ich investiere. Eine Mischung aus Anerkennung und mich für einen Verrückten halten. Ihr kennt das sicher.

Es ist aber mehr. Es ist die Veränderung meines Lebenswandels, der sie verwundert. Wochenende. Partyzeit. Für alle anderen. Für mich oftmals der Startschuss zum intensiven Erleben von Körper, Seele und meiner Umgebung. Und das beginnt früh.


Früh aufstehen - ich bin der Erste in der Stadt.


Sicher, es gibt viele wie mich, die auch um 4:30 Uhr durch die noch dunklen Straßen der Stadt wuseln. Die Stadtreinigung zum Beispiel. Oder andere Menschen, von denen wir sonst nur selten etwas mitbekommen. Mitbekommen wollen? Oder der Bäcker. All die Servicekräfte, die dann später tagsüber in Gosch Sylt-, McDonald´s- oder Nordsee-Uniformen beispielsweise unsere Snacks servieren: Hier sehe ich sie. In zivil. Haben Plastiktüten dabei, ein Ärmel der Fimenkleidung schaut heraus. So sehen die Service-Roboter also in echt aus. Einblicke, die auch immer etwas nachdenklich stimmen. 

Die erste S-Bahn ab Altona. Es ist fast leer am Bahnsteig.

Um 4:44 Uhr fährt meine S-Bahn ab Altona. Sie wird mich nach Hamburg-Bergedorf bringen. Dort starte ich meine Zeitfahren, wenn ich nicht offiziell in Altengamme starten kann. Von hier aus sind es 26 Kilometer, ehe ich den Kreisverkehr nach Geesthacht, und damit die Originalstrecke erreiche.

Vorher fahre ich 30 Minuten S-Bahn. Mit mir wenige, aber umso illustrere (schreibt man das so?) Menschen im Zug. Die prekär Beschäftigten sitzen mit leeren Gesichtern, schauen einem weiteren Tag im Bratfett entgegen. Einen Vierer weiter zwei bis an den Rand des Erträglichen geschminkte junge Frauen. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Sie gackern unaufhörlich, kokettieren. Ein nur mit einem Muskelshirt und Jeans bekleideter, etwa zwei Meter großer, kahlrasierter Türke aus dem Boddybuilding-Security-Milleu setzt sich zu den Beiden. Sie flirten. Telefonnummern werden ausgetauscht.

Weiter vorn pennen zwei Jugendliche im Rausch. Sie waren Reeperbahn in den Zug gefallen, schaffen es gerade so auf die Sitze. Kippen ineinander und schlafen sofort weg. Irgendwann springt der Eine auf, sie verabschieden sich. Franzosen. Wie schön das immer klingt ...

Zwei Russisch sprechende Frauen, vielleicht 45 Jahre alt. Wahrscheinlich Reinigungskräfte. Sie steigen nacheinander aus. Verschwinden in der Dunkelheit. Die Büros werden sauber sein, wenn es hell wird. Sie wird man dann wohl nicht mehr sehen.

Da sitze ich nun. Inmitten der namen- und gesichtslosen Masse der Servicegesellschaft. Selbst uniformiert. Die starren mich manchmal an, als käme ich von einem anderen Stern.

Interessant, diese Studie in der ersten S-Bahn Hamburgs. Holt einen runter, in die Wirklichkeit. Viel mehr wert erscheint mir nun mein eigener Luxus. Ich sitze freiwillig hier. Uniformiere mich freiwillig. Und freue mich auf die Nacht, in die ich gleich entschwinden kann. Weg von all dem hier. Weg vom Alltag. Der Routine. All den Problemen. Weg von meiner eigenen Rolle. Nur treten. Nur kurbeln. Sport - auch eine Art von Beam in ein einfacheres, in ein besseres Leben.


Leiden. Sich abmühen. Dreckig werden - Radsport ist archaisch.


Wie sagt man immer so schön? Beim Grillen können die Männer wieder ihren Urtrieb ausleben: Am Feuer das Fleisch bereiten. So ähnlich ergeht es mir auch auf dem Rennrad. Auch - und gerade - wenn die äußeren Bedingungen nicht ganz so perfekt sind. 
Sicher, auch ich fahre am liebsten in kurz-kurz bei 20 Grad und Sonnenschein. Ich habe es gern noch heißer. Liebe es, wenn es trocken ist und am liebsten ein mäßger Rückenwind mich anschiebt. Aber: So richtig Rennrad gefahren bin ich doch erst dann, wenn es mal nicht perfekt ist. Oder?


Rennradfahren im Oktober: Fast sichere Garantie für Nässe & Kälte.

Ich habe bei meinem HHB noch Glück: Der Himmel schickt dieses mal, anders als 2013, keinen stundenlangen Regen vom Himmel. Dennoch sind die Straßen sehr nass. Zudem legt sich durch den fetten Nebel stetig Feuchtigkeit auf meine Klamotten, sodass ich nach wenigen Kilometern schon an den Füßen durch die Überschuhe, an den Beinen durch die Beinlinge und auch am Hintern und Rücken durch Bib und Jacken durchnässt bin.

Vom Vorderrad spritzt es stetig Wasser an den Rahmen, das dann, fein zerstäubt, meine Schienbeine nass hält. Hinten (ich verzichte aus Stylegründen auf Schutzbleche und dergleichen) schießt es mir direkt in die Kimme.

Mit der Feuchtigkeit kommt die Kälte. Zwar habe ich wieder etwas Glück - 9 bis 11 Grad hat es in den Morgenstunden - denn bei Hamburg-Berlin bin ich auch schon bei -1 Grad gestartet, hatte Eisplatten am Kopf. Dennoch, ich zittere. Nur eine Temposteigerung kann mehr Wärme produzieren, alles etwas angenehmer machen. Das kostet aber mehr Energie. Paradoxon.

So fliege ich durch die Nacht. Hinten unter mir blinkt das rote Warnlicht. Ab und zu überholen Autos (gesteuert von Zeitungs-, Brötchen- und allerlei Teile bringenden Servicerobotern - ganz entfliehen kann ich dem also nicht), die meiste Zeit aber trete ich allein. Ich schwitze, ich keuche fast. Schnell bin ich nicht - 27 bis 30 km/h, je nach Wind. Dennoch: Ein Spaziergang ist das nicht.

Ich werde am Ende knapp 280 Kilometer gefahren sein. 26er-Schnitt. Das ist nicht wahnsinnig schnell - aber das war heute auch nicht mein Ziel.


Herbstliche Ausfahrten sind fast immer auch Garanten für
ausgedehnte, lange Reinigungs-Sessions am Tag danach.

Das Rennrad wird leiden. Feuchtigkeit an sich ist ja nichts Schlimmes. Doch Hamburg-Berlin wird meist abseits der großen Bundesstraßen gefahren. Viele Wirtschafts- und vor allem Landwirtschaftswege. Zwar alles asphaltiert (und stellenweise von sehr viel besserer Straßenqualität, als manche Landes- oder Bundesstraße, die ich passiere), aber eben auch dreckig.

Herbst, das ist Erntezeit. Und die Zeit, um die Gülle, die die unzähligen Viehzuchtbetriebe hier in Niedersachsen und Brandenburg produzieren, auf die abgeernteten Felder auszubringen, auf dass sie für die nächste Anbausaison umso fruchtbarer werden. Traktoren, LKW. Sie biegen von den Feldern auf die Wirtschaftswege ein. Fahren anhängerweise Mist über diese Straßen. Allenthalben fällt etwas herunter. Mit der Zeit breit gefahren. Von Regenschauern in Schlamm verwandelt. Eine unansehnliche, ohrenbetäubend in Kette und auf Blättern schleifende braune Suppe. Sie spritzt unaufhörlich ins Rennrad. Und landet natürlich auch auf mir.

Güllefahrzeuge sind selten dicht. Sie lecken unaufhörlich die fruchtbare, aber bisweilen bestialisch stinkende Brühe auf den Asphalt. Ich passiere Dörfer, lang gezogene Hofanlagen, da steht die Kacke einen Zentmeter hoch auf der Straße - jegliches Ausweichen zwecklos. Will ich nun einen Schluck aus meiner Trinkflasche nehmen, ich muss sie erst sorgsam vom Kot, der natürlich genau auf dem Trinknippel landet, befreien.

Doch all das heiße ich willkommen. Die Kälte, das Zittern. Die langsam nach innen kriechenden Schmerzen, Ansätze von Krämpfen, wenn ich kurz in den Wiegetritt gehe. Mein hintern, der nach diesem Tag kaum noch sitzen kann. Meine brennenden Lungen und selbst die Kackespritzer im Gesicht, das Braune auf mir und der Gestank, eine üble Mischung aus dem Schweiß von 12 Stunden Beinarbeit gepaart mit den landwirtschaftlichen Spitzprodukten, ein Geruch, der mir später in der Berliner S-Bahn auf dem Weg zur Übernachtungsmöglichkeit einen freien Vierersitz und angewiderte Blicke bescheren wird: Das Leid ist es, das mich für diesen Tag zu einem einfacherern, aber irgendwie wieder kompletteren Menschen macht. Essenzielle Grundemotionen erfahren - wann habe ich die sonst, bei 8, 9 oder 10 Stunden Bildschirmarbeit? Durch das Rennrad kann ich - wie der Mann am Grill - wieder irgendwie Mensch sein.


Natur erleben. Landschaft erfahren - mit dem Rennrad die Umgebung erobern.


Warum reisen wir? Doch auch, um fremde Plätze zu entdecken. Ich mag das Fliegen. Ich liebe es sogar. Ich liebe das Bahnfahren aber ein bisschen mehr - weil ich sehe, was ich durchquere. Am meisten aber habe ich Spaß am Radfahren. Weil ich die Natur nicht durchfahre, schnöde überbrücke, sondern weil ich sie erfahre.

Nicht mit 800 km/h über dem Wetter dahinrasen. Eher mit 28 km/h durch das Wetter und durch die Natur fahren. Ich durchmesse die Räume. Rieche meine Umgebung (obschon es Abschnitte bei HHB gibt, die geruchsmäßig sicher nicht ganz weit vorn sind ...). Ich muss mir jeden einzelnen Kilometer erarbeiten - selbst erarbeiten. Mal schufte ich dafür etwas härter, mal helfen Gefälle oder Wind. Doch immer bin ich es allein, der sich die Distanz erobert.



Wenn es endlich hell ist, lohnt es sich, auch mal auf den Deich zu fahren:
Dampfende Elbe, weite Auen, saftige Wiesen.

Bei Hamburg-Berlin genieße ich jeden einzelnen Kilometer. Obwohl ich die Alpen, große Pässe, Tirol und Italien noch viel lieber mag: Die Landschaft entlang von Elbe, Havel und selbst durch das "Death Valley" Brandenburgs bis Rhinow bietet interessante Einblicke.

Zunächst das Losfahren in absoluter Dunkelheit. Hamburg, später Geesthacht, dort über die Elbe. Dann wird es dunkel. Richtig dunkel. Wenn ich Glück habe (hatte ich 2012 bei einem "privaten" HHB-Trip), leuchten dann über mir fantastische Sterne. Stille in der Weite: Nur das Surren des Freilaufs, weitab vielleicht das Kreischen eines Vogels.
Dann den Sonnenaufgang erleben: Wann machen wir sowas noch? Wann haben wir Zeit und Muße, dem Zentralgestirn stundenlang beim Aufgehen zuzuschauen? Niemals. Bei HHB geht das umso besser: Generalkurs Süd-Ost, ich muss den Kopf nur leicht drehen, dann kann ich alle Stadien des neuen Tages beobachten.

In mir aufsaugen: Das zarte Rosa als erstes. Dann mehr Rot-Töne, die später ins Goldene übergehen. Wolkenfetzen in der Umgebung, die sich in allen warmen Tönen des Spektrums verfärben. Und dann der Moment, wenn Teile der Scheibe erstmals über den Horizont kommen. Geblendet sein. Wärme. Es ist so herrlich, so unbeschreiblich schön.

Die Elbauen, auf denen morgens noch der Nebel steht. Das Geschnatter tausender Zugvögel. Wiesen, so saftig, dass sie es mühelos mit den satt-grünen Almen der Alpen aufnehmen. Ein Binnenschiff, das sich mühevoll stomaufwärts mit mir kämpft.

Bis gestern wusste ich nicht, dass Raps auch noch im Oktober geerntet werden kann: So stelle ich mein Cervélo an einem dieser herrlich gelb leuchtenden, so eindringlich duftenden Felder ab und genieße die eindrucksvollen Kontraste. Schön, noch frisches Grün und Blüten sehen zu können - 2 Wochen vor November.



Raps blüht auch im Oktober - Frühlingsgefühle bei Hamburg-Berlin.

Wenig später die einzigen Berge der Strecke. Naja, nennen wir es: Hügelchen, im Vergleich zu dem, was ich sonst so fahre. Kurze Rampen, einige sogar zweistellig. Vor Bleckede dann die wohl nördlichste Serpentine Deutschlands.

Bis Wittenberge und weiter vor allem hinter Havelberg dann die Ebene. Viele Teilnehmer fluchen hier: Nur flach. Nur Felder und Weiden. Kaum Wald oder Bäume, die vor dem Wind Schutz bieten. Hier kann es langweilig, sogar schwer werden, wenn die Windrichtung falsch ist. Ich mag es hier trotzdem: Kaum Autos. Verschlafene Dörfchen. Landleben. Für Städteraugen ungewohnt und daher spannend. Autonummernschilder haben hier drei Buchstaben. Wir sind richtig tief in JWD.

Bis Rhinow muss man es aushalten. Dann, ziemlich genau an dem Berg, an dem Otto Lilienthal seine Gleitflüge unternommen hat, fangen die Wälder Brandenburgs an. Bis Nauen geht es dann immer mal wieder durch Kiefernwälder - vor allem an heißen, trockenen Tagen ein würziger Duft-Genuss.

Tja. Und dann schon Falkensee. Verkehr wird dichter. Nummernschilder haben jetzt nur noch einen Buchstaben: B. Es ist nicht mehr weit, und ich fahre in Spandau ein. 280 Kilometer - Zweihundertundachtzig Kilometer! Na klar, es gibt viele, die viel mehr fahren können. Aber noch massig mehr, die niemals in ihrem Leben diese Distanzen aus eigener Kraft schaffen. Schlimmer noch: Schaffen wollen. Nicht mal daran denken. Mich belächeln. Scherze machen.

Sie wissen gar nicht, was ihnen entgeht.


Leute treffen. Freunde finden - das Rennrad als Kommunikator.


Jede Sportart hat ihre Afficionados. Rennradler sind da nicht anders. Und so, wie man sich als Mensch ganz selbstverständlich zu Gruppen zusammenrottet, machen wir Radsportler das natürlich auch. Hamburg-Berlin allein hat mir so viele gute Bekannte, Freunde oder nennen wir es so - hat mir so viele Menschen in mein Leben gespült, die die gleiche Leidenschaft wie ich teilen, dass ich diese als absolute Bereicherung empfinde. Menschen, die ich sonst niemals hätte kennen lernen dürfen.


Eine Attraktion und Mittel, um Leute kennen zu lernen. Das Rennrad.
Kühe fliegen anscheinend auch auf das schnelle Gefährt aus Carbon.

Aus Bekanntschaften werden manchmal Freundschaften. Aus einmaligen Teilnahmen werden Rituale. Schlafplätze werden angeboten. Man verabredet sich, freut sich auf einander. Und auch, wenn man sich vielleicht nur dieses eine Mal im Jahr treffen mag: Die 280 Kilometer von Hamburg-Berlin schweißen zusammen. Und der Tag auf dem Rad bietet genug Stoff, genug Stunden voller Erlebnisse, die dann für die kommenden 12 Monate bis zur nächsten Teilnahme reichen.

Ich selbst habe noch den Bonus dieses Blogs: Es vergeht kaum ein Rennen, kaum ein Event, bei dem ich nicht von einem Leser angesprochen werde - Danke an Euch hierfür! Dieser schönste Sport der Welt hält mich also nicht nur gesund und fit. Er bringt mich auch nicht nur an spannende, wunderschöne Orte, er bringt mich vor allem zu anderen Menschen, zu Leuten, die auch Gesichten mitbringen. Das finde ich spannend.

Und natürlich: Das Rennrad bringt mich zu mir selbst. Auch wenn mal keine Menschen dabei sind, wie jetzt bei meinem privaten HHB, dann habe ich Zeit, nachzudenken, zu reflektieren. Nicht nur die Natur, sondern auch mich selbst zu erkunden.


Markanter Punkt: Das Fliegerdenkmal bei Stölln. Nun ist es wirklich
nicht mehr weit bis Berlin.

Das alles mag jetzt sehr philosophisch, ja ein bisschen übertrieben esoterisch klingen. Ist es vielleicht sogar auch. Aber es ist wahr - ich finde, dass kein anderer Sport so sehr (zumindest meine) Sehnsüchte nach Fitness, nach Technik, nach Spannung, nach Risiko, nach Erlebnissen und nach Naturgenuss befriedigt, wie diese 7 Kilogramm Carbon.

Leute, die darüber lächeln, die kann ich nur belächeln.


Rennrad und Essen - so viel man will. Ohne Reue.


Okay, sicher: Ich wiege keine 65 Kilogramm und brauche daher jede Kalorie, die ich bekommen kann. Aber unabhängig davon - jeder, der halbwegs intensiv das Rennrad bewegt, braucht massig Energie. Und die holen wir uns auch. Ohne jemals Reue zeigen zu müssen. 

Beim offiziellen Hamburg-Berlin stoppt man traditionell eigentlich nur zwei mal: Erstens in Dömitz bei Kilometer 100. Auf der Friedensbrücke, genauer gesagt etwas abseits davon an einem Parkplatz, hat der Veranstalter dann einen kleinen Checkpoint mit Verpflegung und (meist ganz ganz wichtig!) heißem Tee oder Kaffee aufgebaut. Das zweite mal steigt man dann in Rhinow vom Rad. Das ist dann nach rund 200 Kilometern. Hier gibt es einen Supermarkt, der sich alljährlich über 400 hungrige Rennradler freut.

Ich stoppe bei meinem kleinen Nachhol-HHB öfter. Um zu telefonieren. Um Fotos zu machen. Und auch um etwas zu essen. Mich hetzt heute keiner. Kein Windschatten, den ich mitnehmen muss. Ich stoppe nicht in Rhinow, dafür in Friesack. Vor einem Fleischer. Der hat kindskopfgroße Bouletten und einen richtig geilen handgebauten Kartoffelsalat.


Bei 280 Kilometern braucht der Körper Energie zum Verbrennen. Ich gebe sie ihm. Sehr gern.

Das schönste an der Sache aber ist, dass ich weiß, dass ich diese Portion schon in wenigen Stunden wieder verbrannt haben werde - und tatsächlich. In Berlin wird es zum Abend ein leckeres Lahmacun bei einem herzlichen Araber geben. 

Süßes (ich kenne nicht wenige Rennradler, die sich eine Packung Gummibären während der Rennen reinhelfen), Salziges (ich selbst freue mich bei Rennen immer über dicke Wurstscheiben oder, wie ganz oft bei italienischen Gran Fondos, über Schinken und andere Schweinereien) und natürlich die Klassiker Banane, Apfel & Co. Wir können tonnenweise davon futtern - und behalten trotzdem unsere Hammerfiguren.

Ein stets unerwähntes Thema, gegen dessen Tabuisierung ich hier gern eine Lanze breche: Der Sportlerfurz. Es sind die Isodrinks und vor allem die Gels, die unserem Verdauungssystem so zusetzen, dass wir meist schon nach wenigen Stunden Rennen, wohl aber noch einige quälende Stunden nach dem glücklichen Finish mit Blähungen gestraft werden, die jedes wiederkäuende Rind neidlos die Flecken erblassen ließen. Furchtbar! Wahrlich die Kehrseite des Radsports. Aber eine, die wir wohl ertragen müssen. Und vor allem die um uns herum.


Last  but not least, Orange ist mein Rosa. Oder: Rennräder machen einfach glücklich.


Zunächst einmal Danke an @Bemme51, bei dem ich mir den Orange-Rosa-Spruch ausgeborgt habe. Aber er trifft es ganz gut: Ich brauche keinen Alkohol, keinen fancy Industrie-Kribbel und auch keine anderen präfabrizierten Dinge (abgesehen natürlich von toll organisierten Rennen, wie diesem hier beispielsweise) - ich brauche nur das Rennrad, eine Straße. Das war es. Das reicht mir, um Glück zu erleben.


Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang: Die Welt durch orange gefärbte Gläser sehen.
Ein Traum!

Ich habe die sportliche Herausforderung. Ich habe den Naturgenuss. Ich erfahre Zeit und Raum. Ich entdecke Neues, auch dieses mal, da ich HHB zum mittlerweile fünften Mal gefahren bin. Das Gespräch mit der Bäckersfrau in Dömitz beim Pott Kaffee. Der Bauer auf dem Traktor, der mir irgendwas von "... Scheiß Gülle, oder?" zugerufen hat. Zwei Polizisten am Blitzgerät, die mir zunicken. Oder die beiden Tourenradler, denen ich mit dem GPS aus einer Navigations-Patsche helfen kann, die, als ich ihnen auf ihre Frage, woher ich käme und wohin ich denn fahren würde, einige Sekunden lang mit offenem Mund dastehen, später nur sagen: "Hamburg bis Berlin? Das ist unsere gesamte Urlaubswoche!"
Unbezahlbar.

Genauso unbezahlbar, wie der fantastische Sonnenuntergang, den ich - zurück in Hamburg am nächsten Tag - erleben darf. Meine Stadt, die mich begrüßt. In den tollsten Farben, die man als Sonne und Wolke gemeinsam in den Himmel tünchen kann.

Ich dusche lange. Und heiß. Dusche mir den Schweiß und den Dreck der 280 Kilometer ab. Denke die Strecke zurück: Das Ortseingangsschild, auf dem endlich "Berlin" steht, die endlosen flachen Kilometer bei diesem fiesen Seitenwind bis Nauen davor, das "Death Valley" Brandenburgs auf den 90-Grad-verwinkelten Landwirtschaftsstraßen, das blökende und muhende Vieh, das mir wie Zuschauermassen Spalier steht auf dem Trip, die majestätische Elbe bei Morgengrauen, Brunsbüttel AKW, nachts noch spookyier illuminiert und schließlich der Lichtdom, der Hamburg ist, wie er in der stockfinsteren Nacht hinter mir zurück bleibt. 
Zurück bis 3:15 Uhr. Als mein Wecker klingelt, ich vollkommen von Schlaf durchsetzt stöhne: 
Scheiße! 
Aufstehen! 
Aber dann: Yeah - Radfahren!


Rennradfahren - Natur erleben. Draußen sein. Herrlich!

Die Essenz. Alles, was mich am Rennrad fasziniert. Auf einer Strecke. Ich liebe Hamburg-Berlin über alles. Und deshalb muss es 2015 auch wieder sein. Dann hoffentlich als regulärer Starter im regulären Feld.

Ja, dieses Plädoyer für das Rennrad mag vielleicht etwas überengagiert, etwas kitschig und romantisch verklärt sein. Aber so ist es nun mal.


Was treibt Euch auf Eure Rennräder? Was hält Euch stundenlang am Treten und Malochen? Ich freue mich wie immer über Eure Kommentare.

Hamburg-Berlin 2014, als private Tour. Hier die Garmin-Daten.








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Kommentare:

  1. hihi. fein zusammengefasst. ich hab mir diese woche die bleche rangeschraubt .. und drangelassen. style hin oder her, bei über 600km die woche hab ich keine zeit jeden tag die möhre zu schrubben. den vollblut-rennradlern ist mein bock wegen der scheibenbremsen eh schon nix vernünftiges. dann mach ich einen auf randoneusenverkleidung und spätestens seit ich diese woche wieder den NaDy-LRSim bock habe isses eh zu spät für style... aber kilometerfressen geht aber so auch wunderbar. sogar im dunkeln. hätte die wildschweine heute abend mit nem akkulicht wohl zu spät gesehn.

    und das mit dem orange - hab ich mich erst dran gewöhnen müssen dieser tage. aber funzt gut bei der trüben suppe.

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  2. Hallo Lars, schöner Bericht, der auch meine Gefühle beim Radfahren in aller Frühe gut in Worte fasst. war vor einigen Wochen (angeregt durch deinen Bericht hier) mal wieder am Broken... in aller Frühe dort die ersten Male hoch... alleine oben auf dem Gipfel... war geil. Ne Stunde später dann die Massen, die mit der Bahn hochgekommen sind... welch ein Unterschied.
    Ja, es gubt nichts schöneres als Radfahren am frühen Morgen.
    Andreas

    p.s. wenn du einen kleinen Style faux pas akzeptieren kannst, solltest du dir mal die "ass savers" angucken. Die halten bei Nässe den Hintern wenigsten ein wenig aus der Schusslinie...

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  3. Nachrag zu meinem Kommentar... Montagmorgen, es regnet... aber ich will jetzt Radfahren! ��

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  4. Das macht wirklich Lust auf die Strecke.
    Leider liegt der offizielle Termin immer so ungünstig für mich, das ich erst kurzfristig weiß ob ich dann Zeit habe.
    Dann sind die 300 Startplätze aber immer schon weg.
    Werd es also auch mal alleine versuchen.
    Was den nassen Hintern angeht, brauchst du ne (Regen)jacke mit verlängertem Hinterteil, die fängt alles Wasser ab, auch ohne Schutzbleche.
    Mit meiner Castelli hab ich da noch nie Probleme in der Art gehabt.
    Warst dieses Mal ja wieder mit dem Garmin unterwegs, dachte das wäre inzwischen eingemottet. Oder is das Dura Case nur für die offiziellen Events?
    Was benutzt du denn jetzt für Lichter? Die sehen sehr klein aus, passen die von Leuchtkraft und Leuchtdauer her?

    LG
    Matty

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    1. moin matty. danke für deinen comment.
      der dura case-prototyp, den ich habe, hat seit dem alpenbrevet nen kleinen hänger. deswegen garmin.
      ich warte auf ein duracase der neuesten generation aus der echten oroduktion. dann gehts damit natürlich weiter ;)

      grüße, L

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  5. Hi Larsi,

    ganz großes Kino, der Artikel hier! Und überhaupt nicht kitschig oder romantisch verklärt, finde ich zumindest. Ich sollte den Text ausdrucken und jedem zu lesen geben, der mich mal wieder blöd anguckt, wenn ich erzähle, dass ich am Wochenende lieber morgens radfahre und schon zurück bin, wenn der Rest der Familie aufsteht, als mich bis in den Vormittag hinein im Bett umzudrehen.

    Nächstes Jahr fahren wir dann mal wieder zusammen, ja?

    LG Lars

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    1. hi larsi.

      uiui, danke für das dicke lob :)

      und JA, nächstes jajr fahren wir MINDESTENS zusammen nach berlin.

      liebste grüße,
      L

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  6. fährst du ohne rücklicht oder ist da ne led in deiner sattelstütze.
    ......ansonsten: ich würde an deiner stelle mal auf discs umsteigen. ein wahrer segen, für regen, berg und langstreckenfahrer.

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  7. Hey,
    sehr schöner Artikel, macht echt Freude zu lesen.
    Anm. am Rande: Das gelbe was da blüht ist wahrscheinlich Senf, kein Raps.
    Ist ja aber genauso schön ;)
    LG

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