30. März 2014

"Vorfreude auf die Hölle" - Interview mit Jens Vögele zum Endura Alpentraum 2014.

Wir Ihr wisst, breche ich leidenschaftlich eine Lanze für den Endura Alpentraum. Warum? Weil ich dieses Rennen einfach genial finde: Einmal nicht von A nach A fahren (ja, ich weiß, das ist logistisch aufwändiger), sich mal nicht auf das "Losglück" einer Tombola zu verlassen (garantierte Startplätze ohne Vorab-Los) und eine Strecke zu absolvieren, die - wenn ich meine bisherigen Rennen zusammen zähle - nur vom Race Across the Alps getoppt wird, ist für mich der ultimative Alpen-Hammer der Rennrad-Saison.

Jens Vögele, Organisator, Chef-Redakteur und irgendwie auch ein bisschen Versuchs-Kanninchen.


Ich nehme 2013 an der Erst-Ausgabe des Alpentraum teil. Schon im ersten Berg, dem Oberjoch, überhole ich Jens Vögele, den Chefredakteur der ROADBIKE, dem Rennrad-Magazin, das den Alpentraum maßgeblich organisiert. Noch tue ich das mit Stolz geschwellter Brust, nicht wissend, dass es Jens sein wird, der finished - und ich abkürzen muss und nicht nach 252 Kilometern mit 6.100 Höhenmetern sondern "nur" nach 225 Kilometern mit 4.600 Höhenmetern ins Ziel kommen werde.


Jens Vögele beim Endura-Alpen-Traum 2013.

Die Labe in Nauders - 20 km bevor es auf den Umbrail und weiter zum Stelvio geht - hier treffe ich Jens dann wieder. Ich kaue gerade mit einem Bärenhunger die dritte Salami-Semmel herunter, als er eintrifft. Roter Kopf. Schweiß triefend. Irgendwie kommt er mir so vor, als habe er - als Mit-Organisator - diese ganze Show auch etwas unterschätzt. So blicken immer Versuchkanninchen von den Tierschutz-Plakaten, denke ich mir, als ich ihn sehe. Und bin mir sicher, ich sehe ähnlich aus.

Ich quatsche ihn an. Fahre weiter. Der Rest steht hier.

Ich freue mich so auf den Alpen-Traum 2014, dass ich Jens anmaile und ihn frage, ob er Lust auf ein Interview hat. Er hat. Und deshalb zunächst vielen Dank an Dich Jens!

"Grunsätzlich reizen mich die Herausforderungen der Langstrecke."


Meine erste Frage an Jens ist, ob er den Alpentraum 2014 aus Firmen-Räson fährt (schon 2013 war ein Großteil der ROADBIKE-Redaktion am Start) oder ob er dies aus Lust am Leiden tue: "Mich reizen die Herausforderungen der Langstrecke", schreibt er, "deshalb gehört der Alpentraum für mich persönlich auch zu den härtesten und schönsten Rennen, die ich jemals gefahren bin. Ich sage das jetzt nicht, weil es eine ROADBIKE-Veranstaltung ist, sondern weil ich mich wirklich mit diesem Rennen identifiziere."


Mal was anderes: Von A nach B beim Alpten-Traum.

Für mich selbst steht schon einige Stunden, nachdem ich vollkommen fertig in Sulden ankomme, fest, dass ich auch bei der zweiten Ausgabe dabei bin. Dabei sein muss, denn ich will dieses Ding komplett finishen. Wie sieht es mit Dir aus, Jens? "Ich werde 2014 nur dann antreten, wenn ich auch wirklich perfekt vorbereitet bin. Alles andere macht keinen Sinn. Wenn ich starte, dann will ich ankommen. Sollte ich nicht starten, bin ich aber selbstverständlich mit dabei: Auch das ist mir ein persönliches Anliegen - nicht unbedingt, weil ich Chef-Redakteur bin, sondern weil ich die Starter in Sonthofen und die Finisher in Sulden sehen möchte. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre! Zudem ist ja unser Alpecin-ROADBIKE-Team am Start, das ich auch gern unterstützen möchte. Und nicht zuletzt unser eigenes Redaktions-Team, das durch die Herausforderungen dieses Rennens wie elektrisiert ist!"

"Das erste Mal das Gefühl zu haben, nicht zu frieren - das war ein Wahnsinnsmoment!"


Ich kann es nur bestätigen: Der Alpentraum ist (noch?) so klein, dass man eben nicht mit 6.000 anderen Startern 800 Meter hinter dem Startbogen stehen muss, sondern das Gefühl hat, in einer kleinen, intimen und ganz speziellen Gruppe zu sein. Auch ich freue mich ganz besonders!

In meiner zweiten Frage möchte ich von Jens wissen, was sein schönster und was der schwerste Moment des Alpentraum 2013 war. Und wie (anders) er sich auf die 2014er-Ausgabe vorbereiten möchte: "Richtig schwer fand ich - weil es so überraschend kam - die Anstiege auf das Hahntennjoch und vor allem auf die Pillerhöhe. Beide sind unbarmherzig, extrem steil und haben mich viel mehr Körner gekostet, als ich das vermutet hatte."


Kalt. Nass. Kreuzgefährlich: Steile Abfahrten beim Alpentraum!

Dem kann ich nur zustimmen. Vor allem die Pillerhöhe hat nicht nur mich zum Schreien gebracht. So "pillerig" wie sich der Name auch anhört: Das Ding ist ein Monster!

"Wahnsinn waren auch die flacheren Passagen. Das Wort ´flach´ ist hierbei jedoch untertrieben - denn diese Abschnitte zwischen den Pässen hatten unzählige fiese Wellen, wobei es dann wichtig war, eine homogene Gruppe zu finden, um sich nicht allein kaputt zu fahren."


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Oh ja, die Zwischenstücke. Anders als beim Ötztaler Radmarathon zum Beispiel, der fast keine und wenn dann nur sehr kurze Passagen aufzuweisen hat, sind die bis zu 30 Kilometer langen Verbindungsabschnitte zwischen den Anstiegen durch die Täler sehr hart zu fahren. Wellen, Gegenwind und Wetterkapriolen. Ein Spaß.


Die drei fiesen Zwischenstücke beim Alpentraum.
Der Ötztaler kennt nur das Auf und Ab.

Und Deine schönsten Momente? Jens hat zwei: "Fangen wir mit dem Zweitschönsten an: Das war im Anstieg auf die Pillerhöhe. Hier konnte ich zum ersten Mal meine Handschuhe und die Regenjacke ausziehen. Das erste Mal das Gefühl zu haben, nicht mehr zu frieren, das war ein Wahnsinnsmoment!" Für mich kam dieser Moment nach der Abfahrt vom Gaichtpass im ersten Flachstück. Es war herrlich. Hielt aber nur kurz an, denn dann kamen die Schmerzen wieder durch ...

"Mein schönster Moment war natürlich das Finish in Sulden. Es war schon dunkel, aber eine super Stimmung. Ich hatte das Gefühl, nach einer gefühlten Ewigkeit, so wie Odysseus nach seiner Irrfahrt, endlich wieder unter Lebenden zu sein. Unvergleichlich!" Und er fügt noch hinzu: "Warte, der schwerste Moment, den habe ich vergessen: Das war natürlich am Fuße des Umbrail. Ich war einfach nur leer. Und da rechnete ich nach - noch 2.500 Höhenmeter! Das sind Kletterleistungen, die gibt es woanders in einem kompletten Rennen, hier war es nur das Endstück."

"Wir haben die Kritik sehr ernst genommen."


Obwohl ich, wenn ich alle Berichte und Blogbeiträge, Kommentare und Foren-Einträge, die ich von Teilnehmern gelesen habe, rekapituliere, eigentlich das Gefühl habe, dass der erste Alpentraum sehr gut angekommen ist, gab es natürlich auch Kritik. Ich frage Jens, was beim Alpentraum 2014 anders sein wird und welche Punkte sie zum Anlass genommen haben, Verbesserungen einzuführen.

"Wir sind zunächst froh darüber und auch ein bisschen stolz darauf, dass der erste Alpentraum ein durchweg positives Echo gefunden hat. Die Kritik, die an uns herangetragen worden ist, haben wir sehr ernst genommen und analysiert. Zunächst gab es zwei wesentliche Punkte, die häufig kritisiert worden sind: Das Timing und die Verpflegung - vor allem gegen Ende des Rennens."


Mein errechneter Kalorienbedarf für den Alpentraum: Unmöglich,
dass ich 23 Gels oder 52 Bananen esse! Realistisch: 8 Gels, 5 Bananen.
Allerdings fehlten mir dann 2.800 kCal. Woher nehmen?

"Gegen Ende des Rennens mussten wir aus Sicherheitsgründen einige Starter aus dem Rennen nehmen, denn dem Risiko, das steile Stilfser Joch bei Dunkelheit hinab zu fahren, wollten wir niemanden aussetzen. Deshalb werden wir den Starttermin in Sonthofen um eine halbe Stunde vorziehen und auch die Deadline in Laatsch. Dadurch bekommen wir mehr Luft für die Gesamtdistanz und andererseits ersparen wir den Teilnehmern das Gefühl, kurz vor Ende - und dann noch im größten aller Berge - zu scheitern." Eine sinnvolle Veränderung, finde ich.

"Wer bis 16 Uhr nicht in Laatsch durchkommt, wird über Prad - also die Runde, die Du gefahren bist - nach Sulden müssen. Das ist dann zwar ohne den Stelvio und Umbrail, aber, wie Du selbst weißt, noch immer eine hammerharte Strecke. Für diese Teilnehmer werden wir eine gesonderte Wertung einrichten, sodass sie dann auch offizielle Zeiten haben werden und das ist allemal besser, als komplett aus dem Rennen zu fliegen."


Der Alpentraum ist eine wahre Kletter-Tortur!

Dann die Verpflegung: Ich muss sagen, ich war mit dem Angebot 2013 sehr zufrieden. Tirol ist eines meiner liebsten Urlaubsgebiete, denn unter anderem gibt es dort, wie ich finde, super leckeren Schinken, Salami und Obst. All das hatten sie dann auch an den Stationen: Saftige Orangenviertel und süße Bananenstücke sind ja Standard, dick belegte Wurstsemmeln, ein heißes Süppchen oder heißer Tee willkommene Stärkung. Jens hierzu: "Wir haben festgestellt, dass wir ein Loch zwischen Nauders und der Passhöhe Stelvio hatten - das stopfen wir in diesem Jahr und bieten damit noch einmal die Möglichkeit, sich im harten Anstieg des Umbrail zu verpflegen."

"Im Ziel erst wird der Alp- zum Traum."


Meine letzte Frage soll denjenigen von Euch, die sich noch überlegen, ob sie zum Alpentraum fahren sollen oder nicht, vielleicht eine Entscheidungshilfe geben. Ich frage Jens, wie er in einem Satz das Rennen für einen Erst-Teilnehmer beschreiben würde: "Das ist ziemlich einfach: Vor dem Rennen ist es der pure Alptraum - Spannung, zum Zerreißen, Angst, bange Blicke auf die Wetterkarte - während des Rennens ist es ein Alpentrauma - Qualen, Schmerzen, harte Anstrengung - und im Ziel dann erst ein Alpen-Traum - wer es schafft, hat richtig etwas erreicht.



Will sich hart verdient werden: Trikot und Alpentraum Medaille.

Und dem habe ich nichts hinzuzufügen. Aus sportlicher Sicht ist der Alpentraum wirklich eine krasse Geschichte. Ja. Es ist umständlicher, wenn man nicht dort ankommt, wo man gestartet ist. Und ja, es ist finanziell aufwändiger. Aber der Apentraum will etwas besonderes sein - auch dadurch, dass man durch die Alpen fährt, und keinen Kreis beschreibt, schafft es dieses Rennen.

Ich hoffe, wir sehen uns am Start? Wenn Ihr mögt, hier könnt Ihr Euch für dieses Rennen anmelden. P.S. - auch die "kurze" Strecke ab Landeck mit 146 km und satten 4.300 hm hat es in sich!


Vielen Dank an Dich, Jens, für Deine Antworten und die Zeit, die Du Dir genommen hast.



Fotonachweis: Grafiken & Fotos Lars Reisberb/Sportograf, Fotos Jens Vögele by Sportograf

Kommentare:

  1. Der Hamburger Royal TS hat aber 505 kcal - habe gerade eine alte Packung zur Hand!
    Brauchst also pro Stunde nur einen essen - ist dann auch nicht sooo viel!

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    1. oh, dann sind die tabellen falsch. danke für den tipp.

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  2. Das Thema reizt mich schon sehr! Mal sehen wie die Saison läuft nach dem Sprunggelenksbruch. Vielleicht sehen wir uns diesmal noch vor HH-B! Toni-ESK

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  3. ui, gute besserung und bis dennsen, nech?

    rude safe,
    lars

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  4. Der Alpentraum wär schon ein Rennen, das ich gern mal bestreiten würde. Danke für den Artikel, der ja doch den Mund ganz schön wässrig macht...

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    1. dann sehen wir uns an der startlinie, gell?

      grüße, L

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