11. Juli 2011

Nachdenken.

Ein Anruf heute macht mich nachdenklich.

"Swantje hatte einen Unfall. Beim Rannrad-Training." sagt mein Teamkollege Steven. Ich bin sprachlos. Rauschen im Handy. "Irgendwas mit der Wirbelsäule. Sie liegt in St. Georg."

Gestern habe ich mir nach der RTF, noch vollkommen im Endorfinrausch, die Tour de France-Etappe angesehen. Schwere Stürze. Winokurov mit Beckenbruch, wird von seinen Teamkollegen aus der Böschung zurück auf die Straße gehievt. Viele stürzen. Müssen aufgeben. Johnny Hoogerland fliegt im Salto in einen Stacheldrahtzaun.

Abgeschossen von einem Auto.

Nachdem ich aufgelegt habe, beschließe ich, sie zu besuchen. Ich laufe nur wenige Minuten ins Krankenhaus. Die sterilen Gerüche empfinde ich als beklemmend. Swanjee - Punktesammlerin beim German Cycling Cup in unserem SunClass-Team, immer witzig drauf, immer am Grinsen und feixen - sie liegt im Unterhemd im Bett. Leere Augen starren mich an. Sie versucht zu grinsen.

Abgeschossen von einem Auto.

Es war eine Trainingsausfahrt. "Knacke die 200 Kilometer" war das Motto. Einhundert Kilometer hatten sie schon. Eine rote Ampel trennt das Hauptfeld von Swanjee. Als sie wieder auf die Straße fährt, sieht sie weit entfernt ein Auto. Wenig später wird sie überfahren.

Helm.
Rechtsfahren.
Aufpassen.

Hat alles nichts geholfen.

Und jetzt liegt sie da. Wirbel gebrochen.
Um 1 mm am Rollstuhl vorbei.
Mir wird schlecht, als sie erzählt. Es bricht mir das Herz, sie so zu sehen.

Gestern, als Eurosport die Übertragung beendet und die selbsternannten Radsportexperten anfangen, auf SPON ihren halbgaren Saft über "Sicherheit" und Radsport abzulassen, unterhalte ich mich noch mit meiner Freundin.

Sage ihr, dass das Risiko zum Rennradfahren dazu gehört.
Sage Dinge wie: "Sie bekommen Geld dafür. Sie leben ihren Traum."
Und rege mich auf über unqualifiziert aufpoppende Rufe nach mehr Sicherheit bei Radrennen. Wie soll das gehen? Langsamer fahren?

Winokurov wurde gestern das Becken genagelt.
Wahrscheinlich zur selben Zeit haben sie Swanje den Wirbelknochen zusammen geflickt.

Ich fahre nach Hause.
Auf meinem Rennrad.

Langsamer als sonst. Stiller. Denke nach. Über Swanjee. Über den Scheiß, den sie noch vor sich hat. Wunden, die suppen. Schmerzen. Operationen. Reha. Vom Psychokram ganz abgesehen.

Und denke an all die roten Ampeln, die ich selbst missachte. Ans Vorbeischlängeln wenn Autos stehen und warten. An zu schnelles Treten. Daran, wie oft ich gedankenversunken im eigenen Speed schwelge, wo ich mich doch konzentrieren sollte. Daran, wie gefährlich und risikoreich ich fahre. Wie scheißegal mir mein Körper ist - sorge ich mich doch nur um den teuren Carbonrahmen.

Stelle das Rad ab.
Grübelnd.
Hänge den Helm an den Lenker.

Und wie scheiße: Wenn nicht morgen, dann doch übermorgen, oder selbst erst in einer Woche. Ich werde weiterhin rote Ampeln missachten. Autos schneiden. Risikoreich fahren. Egal, wie viele Becken bei Eurosport noch genagelt werden. Und wie viele Schläuche aus Swantje hängen.

Wie bescheuert, oder?



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Kommentare:

  1. Hängt der Unfall mit dem Rotlichtverstoß zusammen? Dann wäre ich äußerst vorsichtig mit solchen »Berichten«, denn bei grober Fahrlässigkeit geht so mancher Versicherungsschutz den Bach hinunter.

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  2. keine ahnung, ich war nicht dabei.

    danke für deinen "kommentar" aber darum geht es hier gar nicht.

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  3. Auto's schneiden? An Autos vorbeischlängeln und rote Ampeln überfahren.
    Es gibt Hobby Radsportler mit >15TKM die das nicht nötig haben. Wie geschrieben wird - einfach bescheuert...

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  4. tag, herr anonym.

    danke erstmal für deinen kommentar, auch wenn ich es schade finde, dass du die selbstkritik - die durchaus auch als kritik an vielen meiner mitsportler zu verstehen ist - scheinbar nicht ganz verstanden hast. vielleicht hätte ich das auch mehr auf den punkt bringen sollen.

    ansonsten finde ich es gut, dass du mehr als 15.000 kilometer gefahren bist. und dich nach stvo bewegst.

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  5. Helm, Rechtsfahren, Aufpassen. Mehr kann man nicht machen. Ich meine auch immer wieder aufzupassen. Wenn ich abbiege wird mir schon schwindlig so oft schaue ich nach links, rechts und nochmal links und rechts. Aber ich missachte auch schonmal eine rote Ampel, wenn weit und breit kein Auto ist. StVO zu missachten, bescheuert, ist richtig! Aber manchmal kannst Du halt nichts für einen Unfall, kannst aufpassen wie du willst und plötzlich macht es bumms!

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