3. April 2011

Dat flenst ...

Freitagnachmittag. Die Sonne schickt sich an einen Vorgeschmack auf das zu geben, was uns am Samstag hier im Norden blühen sollte: Ein perfekter Sommertag, dessen Temperaturen erstmals in 2011 die 20-Grad-Grenze knacken sollten.

Ein Rennrad-Wochenende, getrübt lediglich von der sonntäglichen Vorhersage eines Starkregentages. Aber das kann mich natürlich nicht aufhalten.

Pünktlich 8:20 Uhr sitze ich im fast menschenleeren Regionalexpress nach Kiel, denn dort will ich meinen kleinen Trip an der deutschen Ostseeküste beginnen - in Flensburg, wo eine Freundin ihren Geburtstag feiert, soll er nach knapp 100 Kilometern enden.

Eine perfekte Strecke - gefahren bin ich die noch nie, und das will hier im Norden, wo ich gefühlt schon jede mögliche Tour gefahren bin, etwas heißen.

Am Bahnhof treffe ich Tatjana, eine Twitter-Rennrad-Kollegin, mit der ich bei zwei Stücken Schokotorte und einem Kaffee etwas morgendlich fachsimpeln kann, und dann geht es endlich los: Klick, rein ins Pedal und mit Rückenwind durch Kiel geschossen.

Es geht entlang am Hafen, wo gerade die großen Pötte aus Göteborg und sonstwoher aus dem baltischen Raum kommend ihre Trucks und Wochenendtouristen ausspucken, vorbei am Olypia-Hafen und immer weiter in Richtung Marinestützpunkt Holtenau.

Ah, herrlich!

Es rollt sich durch die leeren Straßen majestätisch: Tief über meinem Lenker gebeugt erreiche ich mühelos hohe Geschwindigkeiten, muss mich gar zügeln, nicht gleich zu überdrehen.

Vor einigen Tagen hatte mir Robert von Pirate Bikes den letzten Spacer vom Steuerrohr genommen um nun, nach 5.000 Kilometern auf meinem Cervélo R3, den richtigen (weit tiefen) Punkt für meine Rennradhaltung eingestellt. Schrittweise habe ich meinem Rücken diese tiefe Haltung beigebracht - immer 1,5 cm tiefer.

Vorbei an der Bundesmarine reite ich die Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal ab, eine Steigung, die mir noch in guter Erinnerung ist.

Damals, ich fuhr noch Liegerad, habe ich mich hier bequem hochgekurbelt, indem ich einer schlanken, mit einer knappen Hotpants bekleideten Inline-Lady gefolgt bin ... sehr fein.

Heute bin ich allein, also trete ich rein und kurbele mich den windigen Anstieg mühelos hinauf.

Auf meinem habe ich meinen Rucksack, eigentlich nur spärlich gefüllt mit einer Schlüpper, einer Hose, einem T-Shirt und meinen Chucks - aber er fühlt sich an, als habe ihn ein fieser Rennrad-Trainer gepackt mit allerlei Findlingen und Mauersteinen: Kurz, mein Rücken schmerzt.

Nach 10 Kilometern? Na Prost Mahlzeit!

Am Scheitelpunkt - immerhin einige Dutzend Meter über Null - muss ich an die Nachrichten von vor einem Jahr denken, als es hier oben einen Radfahrer durch eine Bö über die Reeling geweht hatte. Tot.

Na, schnell unter dem Wind hinweg geduckt und die Abfahrt hinunter geschossen!

Auf der anderen Seite finde ich schnell den Weg am Wasser entlang, allerdings stoppt es mich hier, an der Holtenauer Reede, nach einigen hundert Metern wieder. Ein Industriegebiet, von dem mir nicht bekann wäre, dass es eingezeichnet gewesen wäre, versperrt den Weg.

Ich drehe um, über mir drehen sich die Serpentinen steil den kleinen Berg nach Holtenau hoch, und frage erst einmal einen älteren Herren, der im Garten die Krokusse pflegt.
"Tschuldigung: Wie kann ich denn hier am besten nach Friedrichsort kommen?"
"Ähm. Joa.", druckst er herum: "Dat wünschen wir uns alle schon lange, dass man hier am Wasser lang könnte ... ich fahre ja selbst gern Rennrad ..."
Aha. Und nun?
Der Herr kommt auf mich zu. Beschaut mein Cervélo. "Ja. Mmh. Soso. Da fahren wir aber was ordentliches! Ah - und Systemlaufräder auch ..."
Ja, ja, schon klar, aber wo komme ich jetzt nach Friedrichsort?
"Gar nicht.", sagt er und deutet auf den Berg über uns. "Da wieder hoch. Und dann an der Bundesstraße lang ..."

Oha. Der erste ernstzunehmende Anstieg heute.
Es ist 11 Uhr.
Ich trete rein.

Kaum der Rede wert, denn einige Minuten später fahre ich tatsächlich an der B 503 entlang. Komisches Gefühl: Autobahnfeeling neben mir, zwei Fahrstreifen, Autos rasen vorbei, ich habe Wind im Rücken und kann richtig Gas geben.

In Untenlenkerhaltung bücke ich mich unter dem Gegenwind hinweg, unten summen die dicken Carbonspeichen durch die Luft und ich kann relativ leicht die 35 km/h halten. Oben schleift Luft an meinem unförmigen Rucksack vorbei.

Los jetzt - Gas geben!

Ein kurzes Speed-Intermezzo folgt. Atemlos rasselt der Sauerstoff durch die Lungen, die Schenkel fangen an zu brennen - ein herrliches Gefühl! Die Sonne habe ich im Rücken und im Herzen - was will man mehr?

Bei Strande biege ich ab, denn ich habe mir vorgenommen, die B-Straße so früh wie möglich zu verlassen. Eine kleine, feine Landstraße folgt, der Wind stark von der Seite, ich erreiche Strande und das Wasser.

Ein asphaltierter Redweg führt am Wasser entlang, ich frohlocke, biege ein, schlängle mich artistisch zwischen Heerscharen von Ausflüglern, Inlinern und Spaziergängern vorbei und sichte bald einen Leuchtturm. Herrlich: Der erste markante Punkt meiner Tour.

Ich umrunde den Leuchtturm ... und bleibe in einem spitzsteinigen Feldweg stecken.

Kacke!
Umdrehen.

Durch Strande hindurch - feinster Gegenwind - geht es wieder direkt auf die B 503, die ich eigentlich vermeiden will. Der Verkehr lässt langsam nach, die Dörfer werden kleiner, die Reetdächer älter und, leider, drehe ich mich auf Westkurs, und damit genau in den Wind hinein.

Es schmerzt nun richtig: Meine erste große Etappe in 2011, dazu mit neuer, extremerer Lenkerhaltung und gleich mit Rückengepäck. Dazu ein drückender Gegenwind. Jeder Kilometer ist hart verdientes Brot. Jedes einzelne Korn kann ich nun spüren.

Scharf schneidet die Sonne nun seitlich über die Bügel meiner Sonnenbrille ein, ich muss durch die Tränen blinzeln, es wird schwieriger, den Bodenwellen und kleinen Schlaglöchern auszuweichen, schwierig und nervig.

Eckernförde ist das nächste Ziel.

Die Landschaft ist flach und erstes zartes Grün zeigt sich auf den Feldern. Allerdings - so flach wird es nicht mehr lange bleiben, denn vor Eckernförde, ich schätze, es werden noch 10, 15 Kilometer sein.

Ich verabschiede mich vom Ideal des "Flach wie Holland" angesichts der ersten seichten Wellen, die ich mich hochschrauben muss. Nichts von Belang: Wenige hundert Meter geht es bergan, kurz, knackig, dann wieder etwas seichter weiter.

Morgen wird auf Eurosport die Flandern-Rundfahrt laufen.
Die Muur von Geraardsbergen.

Und sowas Ähnliches habe ich jetzt auch vor mir.

Der Radweg hört auf, der 503 zu folgen und führt mich - hinter einem Drahtverschlag - auf die alte Einfallstraße nach Eckernförde. Eine breite, verlassene Strecke, idyllisch durch den Wald, feucht und wild, Laub liegt auf dem nassen Asphalt, in das Geräusch meines Atems mischt sich das wilde Piepen der Vögel - sie heißen den Frühling willkommen während ich die verlassene Strecke durch den Wald pedaliere.

Kurvenreich geht es einige wenige Kilometer durch den Wald. Ich bin vollkommen allein, niemand da, niemand stört - und in das Stakkato des erwachenden Waldes in Erwartung eines neuen Frühlings mischt mir mein Gehirn wildes Gejaule, leidenschaftliche Anfeuerungsrufe und Pfiffe eines imaginären Publikums.

Flandern-Rundfahrt?
Hier, neben mir, jetzt, heute.

So schieße ich aus dem Wald auf einer letzten Abfahrt, lege mich gefährlich in die Kurven, ignoriere nasses Laub und wie in einen neuen Morgen, an einem scheinbar ganz anderen Ort komme ich aus dem Halbdunkel der Waldwelt in der Karibik heraus - neben mir weißer Sandstrand, fast bahama-artig gefärbtes Meerwasser.

Ein Traum.
Eckernförde liegt vor mir.

Ein kleines, feines Städtchen, das ich bisher noch nie auf meinen Touren besucht hatte. Am pitoresken Fischereihafen direkt gegenüber vom runden Speicher lächeln mir fröhlich zwei nette Mädels in einem Fischbrötchen-Wagen zu. Also halte ich an und genehmige mir eine ordentliche Portion Omega-3.

Zwei frische Matjes-Filets, knackige Brötchen und "hausgemachte Remoulade", dazu eine eiskalte Coke als Koffein- und Zuckerspender ... Herz, was willst du mehr?

So sitze ich einige Minuten in der gleißenden Sonne, halte meine Nase in selbige und fühle, wie die Waden langsam runterkommen. 80 Kilometer stehen auf meinem Garmin Forerunner und mir schwant, dass ich heute die angenommene Etappenlänge von knapp 100 Kilometern überschreiten werde.

Weit überschreiten werde.

Aber es hilft ja alles nix. Zwei freundliche Damen auf dem Flohmarkt bestaunen wiederum mein Rennrad, ehe sie mir umständlich die neue Richtung gen Kappeln zeigen.

Die B-Straße ist für Fahrräder gesperrt und so ist die einzige Alternative tatsächlich die, dass man den Meerbusen abreiten muss. Die Fahrt über die kleinen Dörfer, direkt an der Küste entlang, hatte ich mir sowieso vorgenommen - und siehe da, anfangs geht es straight nach Norden und so ist auch der Wind wieder auf meiner Seite.

Schräg von hinten schiebend kann ich wieder etwas schneller machen, dann und wann sogar aufs große Blatt wechseln und mich rund um die 30, 32 km/h richtig schnell durch die Landschaft schieben.

Über Kappeln weiß ich wenig zu berichten. Wie im Halbtraum passiere ich die Stadt, lasse Hafen, eine sehr schnieke herausgeputzte Fußgängerzone hinter mir, biege ab und entscheide mich ein weiteres mal für den schnellen Weg zum Ziel: Die 203 will ich fahren.

Und wieder der Radweg. Wieder die B-Straße. Verkehr, Autos, die gen Dänemark strömen, und Schweiß, der mir unter meinen 3 viel zu warmen Zwiebelschichten die Beine entlang läuft.

"Scheiß Radwege!", fluche ich allenthalben: denn die Erosion oder wer weiß was sonst hat alle 3 Meter den Asphalt aufgerissen und so muss ich jede paar Sekunden bisweilen harte Schläge vorn und hinten abwehren, manche Risse sind gar einige Zentimeter tief und auseinander, dann hilft nur beherztes Springen - meinem alten Kinderhobby BMX sei Dank kein Problem.


Nerven tut mich nur, dass der Wind nun direkt von vorn kommt und mich kaum über die 27 km/h-Grenze treten lässt - ich aber auf diesem Katastrophenweg eh nicht schneller könnte.

Die Wellen nehmen zu. Anstiege um Anstiege schmeißt der Gott des Asphalts mir in den Weg und je mehr ich nach Norden komme, desto mehr dreht sich mein Generalkurs nach Westen - und damit wieder in den Wind.

Meine Rückenschmerzen nehmen zu.
Auch meldet sich nun regelmäßig die Halswirbelsäule, vor allem, wenn ich mich aufrichte um mal den Blick schweifen zu lassen (und mir dann nicht gerade wieder eine Bodenwelle alle Knochen durchschüttelt). Der Rucksack wird immer schwerer, die Atmung auch - 120 Kilometer stehen auf dem Forerunner und noch kein Ende in Sicht.

Die letzten 20 Kilometer sind nicht mehr und nicht weniger als Quälerei. Die Lust am Radfahren ist mir mittlerweile vergangen, jedes neue HInweisschild, wie weit Flensburg noch entfernt ist, empfinde ich als Beleidigung.

Lediglich die Aussicht auf eine heiße Dusche, auf ein fettes Steak, auf die Arme meiner Freundin und darauf, endlich mein Rad in die Ecke stellen zu können, treibt mich jetzt noch an, gibt mir die Kraft, mich gegen den Wind zu stemmen, weiterzutreten ... mein Speed sackt unter die 25 km/h.

Irgendwann das Ortseingangsschild Flensburg.
Ich atme erleichtert aus.

Und werde begrüßt - von einer Flensburgerin auf dem Rad, die kommt mir entgegen: "FAHR DA WEG, DU ARSCHLOCH!" brüllt sie mich an.
Äh?!?
"Fick Dich!", rufe ich ihr grüßend zu. Sie rauscht an mir vorbei.
"HALT DIE FRESSE, DU PENNER!"

Flensburg.

Das Hotel ist nicht weit vom Hafen, dem Zentrum der Stadt, wo sich Millionen von Spaziergängern und Pärchen den Weg entlang drücken. Ich fahre - es sind ja alle 2 Meter dicke Fahrräder auf die roten Backsteine des Weges gemalt - in Schrittgeschwindigkeit manövrierend durch die Leute. Was macht Ihr hier auf dem Radweg?!?

"JAAA, FAHR DOCH NOCH SCHNELLER!", brüllt mich einer an.
"Würde ich ja gern, Wichser!", gebe ich zurück.

Langsam gewöhne ich mich an die lokale Mundart hier.

Für morgen haben sie Starkregen angesagt.
Auf der Party der Freundin meiner Freundin gibt es dänisches Bier.

Na, denke ich mir - nach 140 Kilometern habe ich heute genug geleistet, und lasse es mir gut gehen. Soll es doch morgen regnen, ich hab meinen Teil getan. Ich nehme ein Bier, öffne es, und proste nach ortsüblicher Sitte mit "PROST, IHR ARSCHLÖCHER!" in die Party hinein.

Freundlich prosten sie zurück.

Ärgerlich war daran nur, dass der für Sonntag vorhergesagt "Starkregen" sich nach einem einzigen, zugegeben recht heftigem, aber eben nur kurzen Schauer ausgeregnet hatte. Und so sitze ich am Sonntag leicht genervt im RE, starre aus dem Fenster in die sonnige Börde und ohrfeige mich, mal wieder den Fröschen geglaubt und nun einige Rennradkilometer verloren zu haben.

Allerdings, meine Kopfschmerzen danken es mir.



Trip nach Flensburg: 141,1 km in 4:54 h und 28,1 km/h avg mit 3.800 cal




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Kommentare:

  1. Ich hatte schon an mir gezweifelt, denn ich glaubte, die Hafensilhouette Kappelns zu kennen. Und dann kommst du daher und setzt da einfach mal einen markanten Rundspeicher hin ... Aber mein Freund Google Earth hat mich gerettet: Der Speicher steht in Eckernförde ...

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  2. hi harald,

    danke für den hinweis. hast recht - ich habs geändert --- alzhofer ... :o)

    LG L

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