16. Juli 2010

Eine neue Lieblingsstrecke

Bisher fahre ich ja meine alte Liegerad-Strecke, wenn ich nach oder vor der Arbeit knapp 2 Stunde Zeit habe. Rund 50 Kilometer geht es dann von meiner Agentur in St. Georg durch Blankenese nach Wedel, von da ab nach Pinneberg und so komme ich über Nord-West wieder nach Hamburg, wo ich ja auch gleich in Niendorf wohne.

Schöne Strecke, die alles hat: Steigungen, Abfahrten, Stadtgewusel mit Messenger-Chill-Faktor und Überland-Passagen mit Radtrance und rundem Tritt.

Beim Ausflug mit Florian, dem Rennradler, den ich beim Elbinsel-Radrennen kennengelernt habe, zeigte er mir eine alternative Strecke - südlich von Hamburg am Deich entlang - die ich gestern mit Jan, auch ein Elbinsel-Radrenn-Veteran - perfektioniere.

Nach getaner Arbeit ziehen wir uns um und gurken umständlich im Feierabendverkehr zum Alten Elbtunnel. Kaum sind wir drüben, erschließt sich uns eine andere Welt: Eine, die ruhig ist. Eine, in der es nach Natur riecht. Eine, in der wir die Straße fast für uns allein haben.

Es geht an der Süderelbe entlang immer in Richtung Winsen-Luhe. Neuland, Bullenhausen Hagolt und Over fliegen vorbei. Wir haben Gegenwind, schaffen es im Doppel aber auf einen angenehmen 34er Schnitt. Jan schnauft hinter mir, und ich freue mich, dass diesmal ich jemanden ziehen kann und erinnere mich an Florians 46er Schnitt, bei dem ich auf Dauer nur mit Mühe mitkam.

Es ist so idyllisch hier draußen, dass man es kaum beschreiben kann: Glatter Asphalt, kaum Autos, links der Deich, der ab und zu den Blick auf die träge fließende, wunderschöne Elbe frei gibt, rechts Weideland, ab und zu blöken uns Schafe an. Und kaum Autos.

Wir können durchatmen, uns frei machen vom Grau des Alltags, die Lungen richtig durchpusten und uns den Stress aus den Muskeln pumpen. Wie ein gut geöltes Uhrwerk stampfen wir Hoopte entgegen, dem Wendepunkt.

Vier, fünf Kilometer vor Hoopte erkenne ich am Horizont eine Menge Radfahrer. Rennradler müssen das sein. "Komm, die kriegen wir!", rufe ich Jan zu und ziehe an.
Nach ein paar Minuten sind sie klar in Sichweite: Knapp 10 Rennräder. Alle im gelben Trikot.
Ob das was zu bedeuten hat?

Im letzten Ort vor Hoopte, Fliegenberg, haben wir sie dann ein.
"Moin!", melden wir uns am letzten Mann an.
"Moin!", schallt es zurück.
Jan verschnauft im Windschatten. Gemütliche 30 radeln die JUngs und Mädchen von der RG Harburg, wie ihre Trikots verraten.

Wir lassen uns ein bisschen mitziehen, dann kommt ein Schild: Fähre Hoopte 1 km, und wir machen uns einen Spaß: Ausscheren und so richtig Gas geben. Mit knapp 45 Sachen ziehen wir der RG Harburg Seniorenmannschaft davon, nur, um 800 Meter später scharf rechts auf die Fähre abzubiegen.

Jan ist außer Puste, trinkt seine Wasserflasche fast leer. Ich genieße die Elbüberfahrt. 2,50 € kostet der Spaß, erhöht aber das Urlaubsfeeling ungemein. Drüben angekommen machen wir erst einmal eine Wurstpause. Am Imbis genehmigen wir uns schräge Würste, ich wundere mich, warum neben der deutschen die alte tschechoslowakische Flagge weht, und wir beschauen die schön verteilten, etwa 15 Rennradler und Triathleten, die hier ebenso wie wir Pause machen.


Am Wochenende ist der Hamburger Triathlon - ob die hier ihr Abschlusstraining haben?
Nach gut 10 Minuten geht es weiter. Und oben auf dem Deich angekommen reihen wir uns gleich in 3 Rennradler ein, die an uns vorbeischießen. Sie fahren aber nur mit 25, sodass ich mich an die Spitze setze. Jan hinter mir. Und sie hinter uns: "Ah, cool, einer macht Speed!"

"Na, jetzt haste was zu tun!", ruft Jan, als ich in Untenlenkerposition gehe und anziehe.
Die Meute trage ich so ein paar Kilometer durch die Prärie, die hier, auf der anderen Seite der Süderelbe, mindestens genauso idyllisch ist, wie drüben. Nur, dass uns allenthalben Rennräder, Zeitfahrräder und Motorräder entgegen kommen.

Irgendwann kann ich nicht mehr, deute an, nach hinten zu wollen. Belgischer Kreisel. Jan muss ziehen. Er hält aucch tapfer die 34 km/h, irgendwann ist auch er hinter mir. Nun sind die drei Jungs dran. Der Erste zieht mit 32. Der Zweite, dickere, zieht mit 31, spuckt dafür dauernd in den Straßengraben.
"Na hossa!", denke ich, als der Dritte sich anschickt zu ziehen. Wie schnell wirds? 28? 25?

Vor mir explodieren Waden. Der Typ zieht dermaßen scharf das Tempo an, dass ich kaum mithalten kann. 36, 38, 40 km/h und wir bollern nur so am Deich entlang. Und das bei seitlichem Gegenwind! Der Mann geht noch nicht einmal in die Untenlenker-Position, er zieht kräftig in einem hohen Gang. Wow!
Na, die rasierten Waden hätten es verraten müssen - die beiden Dickies waren behaart wie Paviane.

Irgendwann drehe ich mich um - Jan ist weg. Die beiden Dickies auch. Jan winkt etwa 1 Kilometer hinter mir. Oha, denke ich, lasse abreißen und Jan wieder aufschließen.
"Das war ... zu ... schnell.", flucht er.
Kein Problem, meine ich, lassen wir es langsam angehen.


Die Dickies sind ganz außer Sichtweite.
Wir können noch ein mal zum Supersprinter aufschließen, verlieren ihn dann aber an einer Kreuzung. Dann schickt sich auch die Sonne an, unterzugehen.

Flott geht es über den Horner Kreisel zurück in die Zivilisation, wo wir nach 2 Stunden Netto unseren 65 Kilometer-Ausritt beenden. Glutrot geht die Sonne unter, als wir uns verabschieden und ich es weiß: Ich habe eine neue Trainingsrunde. Ich habe eine neue Lieblingsstrecke!

Hamburg - ich liebe Dich!


Gefahren: 64,82 km | 2:05 h | 31,1 avg | 2.523 cals burnt


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Kommentare:

  1. Manchmal macht so eine einfache Feierabendrunde genau so viel Spaß wie eine richtige Tour, wa? Weiter viel Spaß am RR wünscht norbi!

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  2. Bald haste mich soweit...
    Werd mir mal neue Schluppen für mein RR besorgen und dann ab nach Tempelhof Airfield. Beine rasieren? Huh! Ich weiß nicht, dann müsste ich ja an Bauch, Brust und Rücken weitermachen, damit es im Schwimmbad nicht doof aussieht.

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  3. Hoopte, Fliegenberg, Winsen...grüß mir meine Heimat! Kwak.

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  4. und immer daran denken, die armen,armen Autofahrer nicht zu gefährden:

    http://www.bergedorfer-zeitung.de/printarchiv/vier-und-marschlande/article76512/Als_ob_der_Deich_ihre_abgesperrte_Rennstrecke_waere.html

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