4. Juni 2011

Got spoiled by Scott´s Foil?

"Yyyyes and ... no." - müsste ich antworten, fragte mich einer danach.

Aber fangen wir von vorne an. Es war der Tipp eines Twitter-Kollegen, der mich auf den Bike-Shop Bergedorf - einem Scott Vertragshändler - aufmerksam macht. Eine E-Mail, eine freundliche Antwort und ein Telefonat klären es: Stephan, der Inhaber, besitzt ein Scott Foil.

"Ob ich mir das mal anschauen kann?", fragte ich.
"Klar! Sehr gern!".

Samstag, die Sonne brennt - auf gehts!


Das Stück der Begierde wird extra für mich vom Ehrenplatz im Schaufenster geholt. Es ist ein Traum in Mattschwarz mit weißen Applikationen. Stephan ist stolz: "Sie haben 30 Exemplare für den deutschen Markt ausgeliefert - bei über 200 Händlern." Er grinst.

Ich besehe mir das Teil in Ruhe. Okay, gleich vorweg: Eine Ultegra darf man an dieses Kunstwerk genauso wenig dranschrauben, wie die lütten Cosmics in der billigsten Variante.

Auffällig sind sofort die sogenannten "Kamm-Profile", die sich Scott mittlerweile hat patentieren lassen. Sie bilden nur die wulstige Stirnfläche des Tragflügelprofils nach - ohne den gesamten Flügel zu immitieren kann Scott so nach eigenen Angaben eine wesentlich höhere Steifigkeit gegenüber normalen Aeroprofilen garantieren. Das Foil soll fast genauso steif wie das Addict RC sein - und die Addicts gelten seit Jahren als das Non-plus-Ultra bei Carbonrahmen.

Wenn der F-117 Stealth Fighter eine Entsprechung im Rennradbau hätte, dann wäre es das Scott Foil, daran besteht für mich kein Zweifel. Obwohl dieses Rad als "aero" verkauft wird, sieht es nicht danach aus: Fast bullig, sehr kantig, sonderbar geradlinig und ... irgendwie fies sieht der Rahmen aus. Wundbar anzuschauen.

Das massive Hauptrohr ist für uns Rennradfreunde wohl das, was eine Orgelpfeife für Bachianer: Ein Kunstwerk an sich. Ich sinke auf die Knie und taste das matte Carbon ab - makellos verarbeitet und ein echter Hingucker!

Richtig genial wird es am Sitzdom.

Hier haben Ingenieure und Designer ganze Arbeit geleistet: Die Sitzstreben - selbstverständlich auch Kamm-Profile - fließen geradezu in das Sitzrohr hinein und gehen elegant in das zunächst fragil wirkende Oberrohr über. Dieses wird nach vorne zum Lenkkopf breiter.

Das Sitzrohr selbst - yep, auch Kamm - bietet dann Platz für den Sitzdom von Ritchey. Diese integrierte Sattelstütze ... Kamm, na logo ... ist ebenso matt lackiert wir der restliche Rahmen. Das ganze Rennrad wirkt daher wie aus einem Guss.

Zum Jauchzen die integrierte Klemmung, sauber im Sitzdom versenkt. Augenweide, Zucker!

Ebenso begeistert bin ich von den Kettenstreben (leider versagt meine Kamera bei den Nahaufnahmen). Die Formgebung dieser Teile ist nicht zu beschreiben - man muss sie erfühlen. Weder oval noch eckig, weder Rhombus noch Rohr. Allein die Streben könnten schon den Red Dot Design Award gewinnen.

Die mattschwarze Lackierung mit weißen Applikationen gefällt mir außerordentlich - im Internet sind schon Bilder einer schwarz glänzenden Version mit fiesen roten Applikationen zu sehen. Quasi im Darth Vader-Style.

Aber ich finde auch Dinge, die ich zunächst nicht so gut gelungen finde. Zumindest bin ich mir nicht so sicher, ob ich das so schön finde.

Da wäre die Gabel.

Steif mag sie sein, okay. Und anders, als auf diesem einzig halbwegs scharfen Foto zu sehen, ist die Gabel irgendwie auffallend dick. Ich weiß, ich bin da von der 3T Funda Pro-Gabel bei meinem Cervélo extrem verwöhnt, denn die ist messerscharf dünn und dabei unverwüstlich steif, die Scott-Gabel kommt mir daher im Vergleich wie die Pluderhosen von MC Hammer vor.

Den leicht nach vorne geschwungenen Bogen der Gabelscheiden muss man auch mögen. Naja, ein Detail ...

Dass Scott die Züge innen verlegt, ist für ein Aero-Rad selbstverständlich, warum sie die Zugtunnel aber so weit hinten am Unterrohr beginnen lassen, unverständlich. Bei jeder Lenkbewegung scheuern so die Züge am schicken Lack - unschöne Stopper und amateurhaftes Gewebeband müssen nachträglich angebracht werden. Das muss nicht sein, hätte man die Züge schon an der Front in den Rahmen ein- und um den Gabelschaft herumführen können.

Na, vielleicht bei der Evo-1-Stufe ...

Am meisten komme ich ins Grübeln beim Lenkkopf. Dieser ist so massiv ausgeführt, dass man das Gefühl hat, ein Vorschlaghammer hätte den Designern Pate gestanden. Zugegeben, das massige Teil weckt Vertrauen in nicht zu erschütternde Steifigkeitswerte, aber optisch wirkt das Foil dadurch irgendwie "kopflastig" - hinten filigran und dünn, vorneweg ein Rammbock nach römischer Seefahrer-Manier.

Aber ich will nicht zu viel meckern - dies sind Kleinigkeiten.

Leider kann ich das Rad nicht probefahren, aber eine gute halbe Stunde lässt mich Stephan mit ihm allein. Ich kann mir das Rennrad von allen Seiten besehen und mir sehr gut vorstellen, wie dieser Rahmen in Zukunft noch für einiges Aufsehen sorgen wird.

Das megateure Specialized Venge - vor einigen Wochen mit einem PR-Rummel vom Feinsten eingeführt - kostet wesentlich mehr als das mit 3.200 € mehr als fair kalkulierte Rahmen-Gabel-Set und ist dabei sogar noch schwerer. Und das bei überraschend schlechter Performance, was die Steifigkeit angeht.

Scott selbst legt Wert darauf, das Foil nicht als reinen Aero-Renner zu bezeichnen. Vielmehr biete seine Steifigkeit ein Rennrad für alle Belange, nicht nur für die (gerade im Hobby- und Jedermann-Bereich äußerst seltene) Soloflucht.

Ich selbst bin noch etwas ziegespalten, als ich mich von Stephan und dem schönen Stealth-Rad verabschiede: Das Foil begeistert mich, aber nicht restlos. Scotty kann mich nicht an Bord ziehen. Der Cervelover ist und bleibt seiner Marke treu.

Vorerst. Ich bin bin gespannt, was Cervélo zur Tour de France am Start haben wird. Wenn es ein neues S3evo, ein S4/S5 sein soll, dann denke ich, wird dieses Modell, wenn ausreichend steif und designed, es nicht schwer haben, es Darth Vader zu besorgen.

So trete ich mein geliebtes R3 in den Wind und ziehe über die Deiche bei Curslack davon. Raus in die sonnige Marschlandschaft. Und wähne hinter mir eine foilige Meute ...



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27. Mai 2011

Ein Rennen lesen. Aber wie ...?

"Du musst das Rennen lesen können, um Entscheidungen richtig zu treffen!", das lese ich ständig in meiner Radsport-Fachlektüre, diesen Satz höre ich stetig, bei Eurosport-Übertragungen und so manches mal bei meinen Teilnahmen an Jedermann-Rennen oder auch nur bei RTFs dringt er in fremden Gesprächsfetzen zu mir herüber.

"Ein Rennen lesen" - was heißt das überhaupt?

Nun bin ich alles andere als ein Radsport-Profi und schon gar kein Rennrad-Guru, aber bei mittlerweile immerhin 8 Teilnahmen an doch recht rasanten Rennen und der Erfahrung aus etlichen sportlichen Langstreckentouren von Japan bis zu den Rocky Mountains kommt mir doch mit dem einen oder anderen Geistesblitz die Einsicht - und mit ihr zumindest teilweise eine Antwort auf diese Frage.

Und die Antwort ist: Es gibt keine. Jedenfalls keine Eindeutige.

Sich selbst kennen.

Zunächst einmal muss man sich selbst kennen, bevor man sich aufmachen kann, so etwas komplexes wie eine Meute aus hunderten, wenn nicht gar tausenden Radsportlern zu verstehen, die alle das selbe Ziel haben: Erster werden! Eine Meute verstehen zu wollen, die auf so etwas komplexem wie einer Reennrad-Strecke unterwegs ist.

Sich selbst kennen das heißt, um seine generellen Stärken und Schwächen Bescheid zu wissen. Zu wissen, was der Körper kann, wie lange er das kann und was dann kommt.

Mein Körper zum Beispiel ist anscheinend ganz gut auf der Langstrecke. Das aber nur bei mäßiger Belastung. Ich bin recht dünn, drahtig, habe keinerlei Körperfett und deshalb kaum Reserven.

Dagegen scheint mein Körper bei konstanter Höchstbelastung - zum Beispiel am Berg - sehr gut, um nicht zu sagen besser als die meisten anderen, zu funktionieren. Meine Touren durch Portugal, die Rocky Mountains und vor allem die Erfahrungen bei meinem Giro d´Italia haben es ahnen lassen, in einem Bergrennen wie der Göttinger Tour d´Energie kam die Gewissheit.

Wenn man seine Stärken kennt dann kann man im Vorhinein Abschnitte und Punkte eines Rennens identifizieren, an denen man Akzente setzen kann, eine Attacke platzieren oder angreifen will.

Anders herum: Kennt man seine Schwächen, so weiß man, wo man aufzupassen hat.

Die Strecke kennen.

Das A und O bei einer Rennteilnahme ist die Kenntnis der Strecke. Sicher - niemand verlangt, dass man sich wie ein Bobfahrer oder Kunstflieger in stundenlangen autogenen Trainingssitzungen die Strecke Meter um Meter auswendig einprägt, um sie dann zigmal in Yoga-Trance abzufahren, aber man sollte sie sich schon genau anschauen.

Und dies in zweierlei Hinsicht: Von oben kann man sehr gut Gefahrenstellen erkennen. Mittlerweile sind GPS-Tracks oder Strecken als zoombare Google-Maps oder GPSies-Anwendungen eigentlich Standard. Da heißt es dann tatsächlich: Höchste Zoomstufe und die Strecke quasi aus er Heliperspektive abfahren.

Wo sind gefährliche Kurven? Pflastersteinpassagen? Oftmals sieht man erst in der Staellitenperspektive, dass die breite Magistrale dann doch mit Verkehrsinseln gespickt ist oder dass die vermeindlich schnurgerade Sprintstrecke aus königlich-preußischem Pflasterstein besteht. Wissen, das einem unter Umständen den Kopf und den teuren Carbonrahmen retten kann.

Andererseits sollte man sich immer die Höhenprofile anschauen. Für mich mithin die wichtigste Recherchearbeit: Wie lang ist der Anstieg? Wie steil ist er? Alles über 10% und ab 2 km Länge wird einem Großteil des Pelotons sehr weh tun. Und das wiederum ist dann meine Chance - denn es sind diese Anstiege, bei denen man die meiste Zeit gutmachen kann.

Genauso die Abfahrten - wie schnell es bergab geht (und wie gefährlich das dann wird) kann man meist schon sehr gut sehen, wenn man ein Höhenprofil sieht.

Startblock-Roulette

Fast wichtigstes Zünglein an der Waage ist und bleibt die Wahl des Startblocks. Wenn man denn eine Wahl hätte ...

Offt muss ich bei Rennanmeldungen meinen zu erwartenden Schnitt angeben. Da lüge ich dann auch nix zusammen und bin ganz ehrlich. Na, eher staple ich tief. Und dann habe ich den Salat: Velothon - Block F, Tour d´Energie - vorletzter Block. Und so weiter.

Klar, dass hinten vom Veranstalter eher die langsamen Herren platziert werden, damit die schnellen vorne freie Bahn haben. Dumm nur, wenn man dann wider erwarten schneller ist (und das bin ich meistens), denn dann verliert man a) sehr viel Zeit, um sich nach vorne zu arbeiten - Zeit und auch Energie.

Und b) sind die Starken vorn, die einen ziehen könnten, dann meist schon unerreichbar weggefahren.

Und das ist schade. Denn während man zwar immer, egal, von wo man startet, Gruppen findet, die genauso schnell (oder ein bisschen schneller als man selbst) sind, könnte einen eine Gruppe weiter vorn - die ja wiederum noch schneller ist - noch viel mehr "nützen".

So bin ich mir sicher, dass ich mein Velothon-Ergebnis von 3:02 Stunden wesentlich hätte verbessern können, wenn ich statt in F in C gestartet wäre. Ich bin mit einem Schnitt von 38,6 km/h ins Ziel gekommen. Hätte ich nur 1 km/h Schnitt besser abgeschnitten, hätte das eine Zeit von 2:48 Stunden bedeutet - ganze 14 Mintuten schneller nur durch eine schnellere Gruppe!

Was heißt das also? Nicht tiefstapeln bei der Anmeldung! Wir fahren einen 39er Schnitt bei 130 km-Rennen. Basta!

Das richtige Hinterrad finden.

"Noch eine Minute bis zum Start!", rumort es durch das Feld. Alle sind gespannt, es wird zum x-ten Male am Trikot herumgezerrt, sitzen die Schuhe perfekt? Die Garmin Edges und Forerunners im Peloton geben den typischen "Ich bin bereit"-Beep ab und man fühlt die Sekunden herunter ticken - während der Puls langsam von Normalruhe auf Rennfrequenz steigt.

Ein Rennradrennen ist Höchstspannung!

Dann geht es endlich los und nachdem man die ersten ein, zweihundert Meter im stockenden Verkehr zugebracht hat beginnt das Feld langsam, sich in die Länge zu ziehen.
"Nach vorn!" - das ist nun die Devise und wer es clever anstellen will, der wagt sich diesen Kampf nicht allein, sondern schließt Allianzen.

Allianzen mit anderen starken Beinen.
Denn je mehr man sich "ziehen" lassen kann, desto mehr Körner hat man für das letzte Renndrittel oder -viertel, wenn man erfahrungsmegäß eher mal alleine im Wind oder in kleinen Gruppen unterwegs sein wird.

Also: Das richtige Hinterrad finden!

Ich persönlich mache immer drei, vier, fünf Rennfahrer aus, die sich idealerweise schon in einer Gruppe gefunden haben. Das erspart mir den Aufwand, selbst eine "zusammenstellen" zu müssen. Meist halte ich mich links auf, wo ich mich, Positionen hüpfend, langsam beginne nach vorne durchzuarbeiten. Positionen gutmachen, ohne dabei Vollgas zugehen.

Meist ist es in einem Rennrad-Rennen von Anfang an so, dass sich die "langsamen" Beine rechts ansammeln, gerade auf den ersten zehn, zwanzig Kilometern lange, kohärente Schlangen bilden, die man sich windschattenkonsumierend entlang hangeln kann.
Bequem.

Von hinten stürmen dann immer wieder bollernd die ganz Schnellen heran. Nun heißt es Augen auf! Ich besehe mir die Überholenden und entscheide meist aufgrund weniger Details, ob diese eine Gruppe zum Dranhängen ist - oder ich lieber abwarte.

Wieviele Fahrer sind es? Einzelkämpfer sind meist sehr schnell - aber meist auch schnell ausgebrannt. Vielleicht sind es auch Jungs, die gerade "Wut im Bauch" haben und deshalb Vollgas gehen (vielleicht nach einem Sturz?) - keine gute Wahl.

Kommunizieren die Fahrer? Eine Gruppe, in der sich alle fremd sind, kann schwierig werden. Gruppenfahren hat viel mit Verstehen und Vertrauen zu tun. Hier muss sich im Wind abgewechselt werden, hier muss auf Abstände geachtet werden, hier müssen Gefahrenstellen angezeigt und sicher umsteuert werden. In einer Gruppe, die sich gerade erst gefunden hat, ist noch nicht ganz klar, ob das gut funktioniert - eine Gruppe, in der sie kurz miteinander Reden, in der angezeigt wird, kann man davon ausgehen, dass es hier gesittet zugeht: Wichtig, denn wir wollen, sollten wir "aufspringen", 90, 100 Kilometer mit denen verbringen.

Bekommt die Gruppe unser innerliches "Go", gehe ich links raus, hänge mich ganz hinten an und muss einige Umdrehungen hart beschleunigen. Ist man erstmal im Windschatten der neuen Gruppe, kann man kurz entspannen: Man hat es geschafft und ist, wenn man es clever angestellt hat, im D-Zug des Pelotons.

Die Aufholjagd kann beginnen!

Meistens fahre ich in Gruppen von nicht unter 5 Mann. Gerade am Anfang eines Rennens sollte die Gruppe genügend groß sein, dass die Zeit im Windschatten lange genug ist, um sich von den gelegentlichen Einsätzen vorn "im Wind" zu erholen. Ist die Gruppe zu klein, muss man sehr viel öfter in den Wind - und verliert sehr viel schneller seine Kraft.

Gegen Ende eines Rennens, vor allem auf selektiven Strecken, nimmt man dann gern, was man bekommen kann. Die Auswahl wird sehr klein werden. Dann heißt es oftmals, sich mit kleinen Gruppen oder auch nur zu zweit oder zu dritt mit dem wenigen Windschatten zu begnügen, den man bekommen kann.
Umso wichtiger wird die Wahl der Anfangsgruppe werden.

Rechtsüberholer, irre Spurwechseler, Leute, die nicht anzeigen, werden ermahnt oder auch gern angepöbelt - Disziplin ist das A und O im Gruppetto. Ich muss mich darauf verlassen können, dass mir keiner hinten draufknallt, weil er pennt, oder dass ich, wenn ich nur 1 cm hinter dem Rad meines Vordermannes bei 50 durch die Ortschaften brettere, nicht durch ein Schlagloch zu Fall komme.

Schaut Euch Eure Hinterräder genau an - es wird rennentscheidend sein, wen Ihr Euch da ausgesucht habt!

Nach Kurven gibts Saures. Meistens.

Das ist der erste Aha-Effekt, der sich mir nach 2, 3 Rennen einstellte. Und mithin hier ein Tipp an alle Neueinsteiger, die sich viel Arbeit und Schweiß ersparen möchten - es ist der "Ziehharmonika-Effekt" beim Herausbeschleunigen aus Kurven.

Bei Kurven, in die sich das Feld mit relativ hoher Geschwindigkeit hineinbremst, sie relativ langsam durchfährt - also Haarnadel- oder 90-Grad-Kurven, beobachte ich bei jedem Rennen, dass die Jungs das Herausbeschleunigen unverhältnismäßig hart durchführen.

Das liegt natürlich an den führenden Fahrern, die als erste aus der Kurve kommen, denn die haben vor sich freie Bahn und - da sehr langsam unterwegs - den Drang, besonders schnell wieder auf die Rennspeed zu kommen. Also gehen sie aus dem Sattel und treten in die Pedale.

Dahinter entsteht unter dem Eindruck, dass die da vorn sehr schnell wegkommen - man selbst ist ja noch in der langsamen Kurve - dass man abgehangen wird, also geht man auch hart in die Beschleunigung. Und so setzt sich das extrem harte Anfahren bis zum letzten Mann nach hinten hin fort.

Es werden Körner verbrannt, sinnlos, es wird Power vegeudet, ohne Plan. Denn - weiter vorne spielt sich dann folgendes ab: Der Führende, nun seit einigen hundert Metern extrem schnell unterwegs, vielleicht das noch im Wind, wird sich bewusst, dass er zu schnell ist. Er nimmt also raus. Da er hinter sich jemanden im Windschatten hat, saugt der sich schnell heran, und muss auch heraus nehmen.

Wie bei einer Ziehharmonika fährt nun einer nach dem anderen in den fluffigen Haufen wieder hinein. Bereits 200, 300 Meter nach der Kurve sinkt die Speed rapide ab und das Peloton ist wieder zu einer kompakten Masse geworden.

Mit diesem Wissen kann ich nun sehr viel ruhiger in Kurven gehen, bei denen die Differenz zwischen Kurvengeschwindigkeit und Anfangsgeschwindigkeit sehr hoch ist. Ich mache die Beschleunigungsorgien nicht mehr mit - auch wenn mich vielleicht drei, vier Fahrer überholen.

Denn ich weiß, dass ich nur wenige hundert Meter ganz normal wieder im Peloton fahre - wo ich mir die verlorenen Plätze locker wieder erarbeiten kann.

Angenommen, es gibt 10, 15 solcher Kurven in einem Rennen, so wird deutlich, wie viele harte Antritte man sich damit ersparen kann, und wieviel Power man so in petto hat, wenn es wirklich einmal notwendig wird, in einer wirklich wichtigen Rennsituation volle Power anzufahren.
Für Bergflöhe ...


Wie es ist, als starker Rolleur ein längeres Rennen zu bestreiten, kann ich nicht sagen - ich bin nur mittelmäßig gut darin, über lange Distanzen Höchstleistungen zu produzieren. Was mir sehr liegt sind dagegen Berge.

Steigungen ab 7, 8 % und Rampen ab 2.000 Metern Länge sind erfahrungsgemäß die Grenze, ab der eine spürbare Selektion einsetzt: Die Teilnehmer schalten auf die kleinen Blätter, werden merklich langsamer und reduzieren ihren Krafteinsatz in Erwartung der gefürchteten Höhenmeter.

Mehr noch: Meist apathisch, sonderbar abwesend scheinen sich die meisten in der Steigung einzuigeln, konzentrieren sich darauf, ja keine Seitenstechen oder Krämpfe zu bekommen und kurbeln apathisch die Meter herunter. Eine bessere Chance, um Zeit und Platzierungen gut zu machen, bietet sich im Rennen nicht.

Ich schaue mir deshalb ganz genau das Höhenprofil der Rennen an und kalkuliere die Länge der Rampen: Die Tour d´Energie in Göttingen zum Beispiel bot mir genau zwei dieser großen Chancen, und wer meinen Bericht des Rennens gelesen hat der wird wissen, wie gut an diesem Tag meine Taktik gewählt war - zusammen mit einer wirklich tollen Kondition konnte ich hier am ersten Berg eine Menge Positionen gutmachen und am zweiten Berg sogar das teaminterne Duell mit den vor allem im Flachen so starken Fahrern Heiko und Florian gewinnen.

Für den Berg gibt es aber auch einige Regeln: Bei allem Überschwang, gilt es natürlich auch hier, einen Rhythmus zu finden. Kleine Gänge und hohe Frequenzen schonen die Muskeln und beugen einer vorzeitigen Übersäuerung mit Laktat vor.

Ab und zu gehe ich in den Wiegetritt (und schalte hier unter Umständen ein, zwei Gänge hoch) - das schont die Gelenke, bringt andere Muskeln ins Spiel und, in Verbindung mit einer Attacke, kann die "Gegner" am Berg oder lästige "Lutscher" am Hinterrad aus dem Konzept bringen und letztendlich abschütteln.

Wichtig wird es zum Ende des Anstieges: Nach der Kuppe ruhe ich mich nicht aus. Im Gegenteil, da ich noch im "Bergrhythmus" bin, schalte ich, ohne die Trittfrequenz zu verändern, in dem Maße, wie die abnehmende Steigung meinen Tritt erleichtert hoch - die Belastung bleibt also gleich, aber die Geschwindigkeit steigt.

Viele andere, das habe ich beobachtet, kämpfen sich über die Kuppe und lassen dann rollen. Sie beschleunigen also wesentlich langsamer. Wieder werden wertvolle Sekunden bei mir gutgeschrieben.

Je länger der Anstieg, logo, desto länger die Abfahrt. Gerade bei steilen Stücken ist es absolut (lebens-)wichtig, voll da zu sein. Eine falsche Entscheidung, eine Tausendstel nicht richtig aufgepasst und schon segelt man den Abhang hinunter oder reißt womöglich noch andere um.

Deshalb verausgabe ich mich nicht vollends im Anstieg - es muss immer genug Sauerstoff da sein, als dass mein Gehirn mich nicht verlässt.

Kleine Tricks wie nur in der Steigung zu trinken, sind selbstverständlich - auch wenn die Versuchung noch so groß ist, beim gemütlichen Rollen zu trinken: Da gewinne ich lieber ein paar Sekunden und strenge mich beim Trinken an!
Hat man erst einmal den Berg überwunden und die Gegner hinter sich gelassen gilt es, diesen Vorsprung auch zu sichern. Gerade wenn man weiß, dass die Überholten starke Abfahrer und sehr gute Rolleure sind.

Hier gilt es, den richtigen Riecher für Gruppen zu haben: Perfekt ist natürlich, wenn man direkt nach der Abfahrt (die ich lieber alleine mache, da ich nicht noch auf Vorder- oder Nebenmänner achten muss) eine Gruppe erwischt, in deren Windschatten man in der anschließenden Ebene schnell vorankommt, kann man so den Vorsprung konservieren oder ausbauen - mindestens aber diesen so lange sichern, dass man wenigstens noch vor den Gegnern ins Ziel kommt.

Findet man keine Gruppe - wie es mir nach dem Hohen Hagen in Göttingen passiert ist - können auch die größten Vorsprünge allein im Wind dahinschmelzen wie Schokosofteis in der Sonne. Manchmal ist es deshalb klüger, schon in der Abfaht eine Gruppe zu suchen, auch wenn man dadurch etwas langsamer ist - auf die Länge gesehen nutzt einem der Windschattenvorteil in der Ebene später mehr.

In der Windkante.

Entscheidend im Rennen ist natürlich immer der Wind. Wobei das nur in Maßen gilt - denn Wind bekommen sie alle. (Außer in einem Einzelzeitfahren, wo es durchaus sein kann, dass der Erste Gegenwind hat und beim letzten sich die Richtung ändert und der dann mit Rückenwind fährt, aber das kann man eh nicht beeinflussen).

Über das Windschattenfahren muss ich nicht viel sagen: Dass man kreiselt und sich selbstverständlich auch ander Führungsarbeit beteiligen sollte, ist Gesetz. Sich auf der Kraft anderer auszuruhen wird sowieso meist schnell von den hart arbeitenden Mitfahrern geregelt.

Speziell wird es in der Windkante - wie beim Velothon Berlin passiert.

Eine Windkante entsteht bei extremem Seitenwind, der von schräg vorn kommt. Dann staffeln sich die Fahrer diagonal auf, um den Windschatten, der nun sozusagen schräg "weggeblasen" wird, optimal zu nutzen.

Natürlich kann eine solche Staffel nur so breit sein, wie die Fahrbahn - und das ist genau der Punkt. Denn wer hier zu spät kommt, der hat verloren! Da hilft es dann auch nichts, sich noch so nah hinter den Vordermann zu klemmen. Der Wind kommt von der Seite, unerbittlich - und so wird, wer die Staffel verpasst, genauso brutal abgehängt.

Hat man es aber in die Staffel geschafft, so ist es eine Kunst, diese am Leben zu erhalten. Ich habe selbst erst ein einziges Mal eine solche Windstaffel erlebt und diese ist nach 300 Metern wieder zerbrochen - eben weil es so schwer ist, in der Windstaffel zu kreiseln.

Selbst Profis sollen sich schwer tun damit, eine Windstaffel zu organisieren, weshalb für uns Jedermänner vielleicht dieser eine Tipp wichtig wäre: Kommt der Wind hart von vorn heißt es, sich den Vordermann genau zwischen Windrichtung und eigenes Vorderrad zu stellen. In dieser Diagonalen überlebt man wesentlich länger (und kräfteschonender), als es vergeblich genau hinter ihm zu versuchen.

Wetter an sich ...

Nun habe ich das seit Jahren versucht - auch durchaus mit ernsterem Anliegen - aber ich bekomme einfach keinen direkten Draht zu Herrn Petrus. Und nicht erst seitdem Deutschlands Wetterfrosch Nummer eins "offline" ist, scheint sich das Wetter gegen uns Radfahrer zu verbünden: Stetiger Gegenwind, Regenschauer aus der Kalten, Hitze da, wo Kälte angesagt ist, Schneetreiben dort, wo Milde walten sollte.

Und doch: Einige Stunden vor einem Rennen sind gerade mit Hilfe der Regenradar-Websites doch sehr genaue Vorhersagen möglich geworden.

Das Wetter beeinflusst nicht nur die eigene körperliche Leistungsfähigkeit - jeder hat einen Temperaturbereich, in dem er besonders hart arbeiten kann - sondern auch die Psyche. Sicher geht man mit "helleren" Gedanken an den Start, wenn der Himmel über dem Peloton nicht drohend schwarz mit Gewitterwolken verhangen ist - sicher tritt man befreiter, wenn der Wind von hinten kommt.

Gerade mit dem Wind ist das so eine Sache: Ich merke das immer dann, wenn ich im Wind fahre (also auch die Gruppen führe) und wenn ich mich dann abwechsle. Viele Rennradfahrer geben gerade bei Gegenwind umso mehr Gas, je mehr sie das Gefühl haben, gebremst zu werden.

Logisch: Wo man sonst Renntempo 44, 45 km/h drauf hat, und einen die Böen auf 30, vielleicht unter 20 bremsen, da staut sich ordentlich Wut an. Wut, die in ein Gefühl des "Ich muss das aufholen!" umschlägt.

Die Folge: Viele Rennradfahrer wenden überproportional viel Energie auf, um sich gegen den Wind zu stemmen. Wenn man aber weiß, dass man das Achtfache an Kraft braucht, um nur das Doppelte gut zu machen, dann kann man sich vorstellen, was bei harten Gegenwinden passiert: Für nur ein klitzeklein wenig mehr an Speed wenden die Fahrer Massen an Energie auf. Die verbrennen ihre wertvollen Körner, wo es schlauer wäre, lieber etwas langsamer zu fahren und sich dabei Kraft zu sparen.

Wenn man das weiß, hat man nur Vorteile: Erstens, man kann sehr viel beruhigter im Wind stehen und sich seine Kraft souverän einteilen - sollen sie da vorne doch Gas geben. Lange hält das wütende Anfahren gegen Stürme keiner aus. Zum Zweiten kann man sich grinsend an die Gegenwindkollegen heften und ihren Windschatten genießen - Danke für den Extraspeed.

Ich habe auf mittlerweile fast 30.000 Kilometern, die ich intensiv Rad fahre, bei so einigen heftigen Wetterkapriolen, Sturmfahrten und Regen-Etappen eines gelernt: Ruhig bleiben! Auch wenn das Wetter verrückt spielt; wenn man erst einmal auf der Strecke ist, hilft alles aufregen, schnattern, schreien, austicken nichts. Entweder kann man anhalten, sich unterstellen und Mama anrufen oder man zieht es durch. Wallendes Blut hat in Rennsituationen noch nie geholfen - denn gerade wenn äußere Umstände (z.B. nasse Straßen) zu erhöhter Aufmerksamkeit zwingen ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu haben.

Scheiß auf den Regen - da lohnt sich wenigstens die Dusche!

Essen & Trinken.

Das ewige Thema. Wie viel esse ich vorher? Wieviel im Rennen - und warum zur Hölle denken alle, die einen Untenlenker haben, dass ein Teller weichgekochte Nudeln am Vorabend wie ein Upgrade in Startblock A wirken?

Zunächst einmal zur Pasta-Party-Legende: Leute, bitte! Carboloading ist eine Trainingsmethode, die Wochen vor den Rennen beginnt und sehr viel Härte und Disziplin erfordert. Sie erfordert auch, dass man genaue Werte seines Körpers kennt (und damit meine ich nicht die vom Garmin ermittelten Larifari-Kalorienverbrauchs- und Schwellenwerte) und dass man einen ganz genauen Diätplan einhält.

Profis entleeren in sehr schmerzhaften, sehr harten Trainingssitzungen eine Woche vor Beginn des Rennens ihre Kohlenhydratspeicher und trainieren dann leicht - ohne Zufuhr von Kohlenhydraten - bis 2, 3 Tage vor Event weiter. Dabei stellt sich der Körper auf den Mangel ein.

Zwei, drei Tage vor dem Event stopfen sich die Profis dann - ohne weiteres Training - mit Kohlenhydraten voll. Der Körper, denkend, dass dies nur ein kurzes Intermezzo der Mangelzeit ist, legt überproportional viele Speicher an (Glykogen) und diese kann man dann bei der folgenden Extrabelastung im Rennen abrufen.

Ergo: Pastaschaufeln ohne vorherige Schmerzwoche bringt ... Null!

Aber immerhin kann man nette Leute kennenlernen und etwas dem Ritzelgarn der Altgedienten zuhören. Á propos: Pastaparties nach dem Rennen sind der beste Witz ...

Wie ernähre ich mich?

Nun, eigentlich vollkommen normal. Vor dem Rennen am Vorabend gibt es meist Fisch und leichte Kohlenhydrate wie Reis oder Kartoffeln, dazu meist große Salate. Nix also, was dem Magen viel Arbeit macht.

Beim Frühstück esse ich normal, meist ein, zwei Brötchen, davon eines mit deftiger Wurst. Kaffee darf nicht fehlen, das hat aber was mit Sucht zu tun ...

Im Rennen fahre ich - übrigens für mich persönlich mit großem Erfolg - folgende Strategie: Unmittelbar vor dem Start, 5 bis 10 Minuten vor dem Knall, gibt es das erste PowerGel. Ich vertrage Nutrixxion am besten.
In meiner Trikottasche habe ich, abhängig von der Streckenlänge, dann genug Beutelchen, um alle 30 Kilometer ein weiteres Gel zu lutschen. Was ich dann auch tue.

Je nachdem, wie ich mich im Verlauf des Rennens fühle, verzichte ich dann aber auch auf weitere Gels - so geschehen beim Velothon, wo ich von 4 möglichen nur 3 Gels gelutscht habe. Das Letzte war nicht mehr notwendig.

Mit der Flüssigkeit ist es ganz einfach: Ich kann Euch nur einen Tipp geben - nehmt lieber mehr mit, als zu wenig! Es gibt nichts Enttäuschenderes, nichts niederschlagenderes als im Rennen anhalten und nach Wasser betteln zu müssen! Wertvolle Zeit verstreicht, unnötige Pausen können zu Entlastungskrämpfen führen und erschweren ungemein die Wiederaufnahme des Rennens - bei mir geschehen 2010 beim Münsterland.Giro.

Ich nehme für 100 Kilometer 2 Flaschen mit. Alles Saftschorle - bei harten Rennen 2:1-Drinks von High5. Alles darüber hinaus: dritte Flasche in die Rückentasche.

Ihr spart 5 Minuten, wenn nicht mehr, wenn Ihr die Verpflegungsstellen hinter Euch lasst (die sind bei Cyclassics & Co eh wie im Film "Der Superstau") und zudem verwirrt Ihr Euren Körper nicht.

Denn einmal angehalten senkt sogleich den Puls, der Körper geht in Erholungsmodus, die Regeneration wird angefahren - und umso schmerzhafter, schwieriger und verletzungsgefährlicher wird der Wiedereinstieg ins Rennen.

Bananen gehen immer. Riegel finde ich irgendwie nicht so cool.
Meist aber reicht mir bei Rennen die Gel-Drink-Mischung.

Bei RTFs hingegen entscheidet natürlich auch die Ausstattung mit Büffets zwischendrin über eine Teilnahme meinerseits ... denn gerade bei den flachen RTFs hier in Hamburg und Umgebung ist der Verpflegungspunkt ja meist der herausragendste Aspekt.

Der Kopf entscheidet.
Rennrad-Sport, das ist vor allem ein Kopfsport. Nee, ist wirklich so. Mir glaubt das auch immer keinen, vor allem nicht meine Süße, wenn ich gebannt die stundenlang bei Eurosport den Pros zugucke und mich an ihren taktischen Spielchen erfreue und in Höchststimmung gerate, wird einmal eine kluge Attacke gesetzt.

"Die fahren ja nur Rad!", hört man oft. Aber diese Leute sollten sich mal auf einen 20 mm breiten Pneu setzen und mit 70 einen Berg herunterdonnern - wohlwissend, dass sie nur zwei antiqierte Seilzugbremsen vor dem Crash schützen.

Fahrradbeherrschung, Rennübersicht, Obacht im unmittelbaren Umfeld und blitzschnelle Entscheidungen werden über einen Zeitraum von vielen Stunden abgefordert - und das bei mitunter widrigen Wetterumständen!

Extreme Hitze und Trockenheit, schlechteste Straßen oder Regenschauer auf glitschnassen Straßen - dazu ein unruhiges Peloton, die ganzen Anfänger und Hörnchenlenker. Der Kopf ist entscheidend in einem Radrennen!

Vor allem wenn man weiß, dass ein normaler Ottonormalkörper ab 100 Kilometer eigentlich aufgeben möchte. Leise zirpt es dann in der hintersten Ecke des Kopfes, es säuselt eine liebliche Stimme süße Versprechungen, wenn man doch nur jetzt langsamer mache, lass rollen, steigt ab!
Nein, sich dem zu widersetzen, trotzdem sitzen zu bleiben, trotzdem hart in die Pedale zu treten und die Speed nicht zu senken - trotzdem immer wieder in den Wind zu gehen, um die Meute zu ziehen, sich trotz allen Schmerzes im Wiegetritt die nächste, die übernächste und die wiedernächste Welle hinaufzukämpfen - das entscheidet allein der Kopf!

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir unserem Körper viel zu wenig zutrauen. Als ich meine ersten Etappen damals noch mit maaaaximal 100 Kilometer geplant habe - war ich erstaunt, dass ich locker 150 km schaffe. Bis ich irgendwann an zwei hintereinander folgenden Tagen jeweils 240 Kilometer gefahren bin.

16 % Rampen? Und das zwei mal hinter einander? Tut weh? Tut sauweh! Aber es ist machbar.

Es ist so vieles machbar, wenn man nur will.

Aber, das stimmt - es ist das härteste überhaupt, sich konstant zu motivieren. Vor allem, wenn das Knie zirpt, wenn der Arsch brennt, wenn die Motivation nach einem Loch im Schlauch gen Null geht, wenn kalter Regen einem die Kimme in den Radlerhosen hinabläuft, wenn die heiße Sonne das Hirn unterm Helm zum Siedepunkt bringt.

Es ist der Kopf, der befiehlt. Die Beine machen mit. Sie machen alles mit, solange ATP in den Adern fließt - und wenn man genug davon hat (z.B. in Form eines Gels alle 30 km), dann läuft das. Ehrlich! Ihr wollt die Cyclassics zum ersten Mal fahren und nehmt "erstmal zum gucken" die 55 km? Papperlapapp! Fangt mindestens bei den 100 an - nehmt am besten die 150. Wozu warten? Auf was? 55 km bereiten Euch nicht auf das vor, was 155 km zu bieten haben. Entweder Ihr macht es - oder Ihr lasst es.

Es gibt einige mentale Techniken um durchzuhalten.

Eine davon ist, sich vorzustellen wie es sein wird, wenn man ankommt. Ihr stellt Euch einfach vor - in Echtzeit, in Bunt, in jedem Detail - was Ihr machen werdet, was Ihr sagen und tun werdet, wenn das Rennen vorbei ist.

Wird Euch Eure Freundin in die Arme fallen? Was wird sie sagen? Wie wird sie aussehen? Grinst sie? Hat sie dann diese kleinen süßen Grübchen in den Wangen? Könnt Ihr den Duft an ihrem Hals riechen, da, knapp über ihrer Schulter, wo Euch ein paar Haare ihres Zopfes an der Nasenspitze kitzeln?

Jedes Detail ... und schon habt Ihr wieder 2 Kilometer hinter Euch gebracht.

Was werdet Ihr trinken?

10 Kilometer.

Wie wird es im Hotel sein?

15 Kilometer ... oops, schon da. Wo ist sie denn? Ihr Duft, ihre Haare ... ? Ach, erstmal ein Hefe ...

Aber hey - nicht zu sehr ins Träumen geraten, denn mit Euch, um Euch herum fahren noch ein paar Andere und nun stellt Euch diesen Blindflug vor, würden alle in ihren Träumen versinken. Ein solcher Traumtanz kann gut und gerne in einem Massencrash enden.
Probieren geht über Studieren.
Und nun - Lust bekommen? Ist alles halbsoschwer, wie man glaubt. Am besten, Ihr hört auf Euch die klugen Romane der Pseudofachleute (wie ich) durchzulesen. Geht raus! Meldet Euch bei der nächsten RTF an, beim nächsten Rennen - wie wäre es mit den nächsten Cyclassics? Und dann bitte gleich die große Runde - man soll ein Ziel haben!

Keine Angst, wenn Ihr Euch nicht ganz so blöde anstellt, ein paar Grundregeln beachtet und nicht vergesst, dass es trotz Rennsituation immer noch Straßenverkehr ist, kann Euch bis auf eine Menge Spaß und literweise Adrenalin in den Adern eigentlich nichts passieren.

Have fun - Ride safe!

24. Mai 2011

Rennrad. Knorke. Velothon.

"Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“ - rufen die Schalcke- und Duisburg-Fans allenthalben, denn das DFB-Pokalspiel treibt die Blauen zu Zehntausenden in die Stadt. Mich auch, aber mir geht es um etwas ganz anderes: Rennrad fahren! Der Velothon steht an.
So packe ich mein Rad und meine Klamotten in den Alfa Giulietta von Sixt (geniales Teil!) und mache mich, wie Tausende andere Rennradler auch, auf die Autobahn. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder einen der Rennrad-Anhänger, -Dachgepäckträger oder -Teambusse sehe, die genauso wie ich die A24 befahren.
Velothon 2011 – in meiner Heimatstadt Berlin. Da ist Teilnahme Pflicht!
Im Prenzlberg bei meinem Freund Jan angekommen, beziehe ich am Samstag Quartier. Mein frisch gewartetes, geputztes und rennfertig geschniegeltes Cervélo R3 stelle ich zu seinem verstaubten Bianchi. Kein unbekanntes Rad – auf ihm begleitete er mich 2008 auf dem Trip durch Dänemark und Schweden.
Jan wird leider nicht teilnehmen – und irgendwie schaut das Bianchi auch ein wenig enttäuscht drein.
Den Nachmittag verbringe ich mit der Akkreditierung und der in Augenscheinnahme des Messebereiches, in Begleitung von Oliver, mit dem ich auch einige Touren absolviert habe.
Bevor ich mich ziemlich früh dann bettfertig mache gibt es ein nahrhaftes Risotto und Panna Cotta beim großartigen „Herr Rossi“. Gewohnt unruhig träumend fiebere ich in der Nacht dem Start entgegen.
Früh geht es raus: Es ist 7:45 Uhr als ich gemütlich am Fernsehturm vorbei zur Startaufstellung in die Friedrichstraße rolle. Der Himmel ist kristallblau – obschon sie für Mittag-Nachmittag „heftige Regenfälle und schwere Gewitter“ voraus gesagt haben, mache ich mir keine allzu großen Sorgen.
Wenn es losgeht mit dem großen Krawumm sollte ich schon im Ziel sein. Sollte ich. Schaffe ich. Schaffe ich?
Im Startblock angekommen ist noch wenig los. Ich habe leider F bekommen – sehr weit hinten. „F... Fu.... Verdammt!“, fluche ich in mich hinein, als ich die ersten Bierbauch-Daddies ankommen sehe. Nicht, dass ich hier noch den Kuchenblock erwischt habe!
Den Start der 60-Kilometer kann ich noch miterleben und bin erleichtert – wenigstens die Hörnchenlenkerfraktion scheint zum größten Teil weg zu sein.
Ich schlängle mich bis vor zum Block C, wo ich freie Sicht auf das Brandenburger Tor habe: Der erste Höhepunkt also schon wenige Meter nach dem Start. Überhaupt scheinen sich die Veranstalter große Mühe gegeben zu haben, die Strecke an so vielen sehenswerten Punkten Berlins wie möglich vorbeizuführen.
Immerhin kommen mit Friedrichsstraße und dem Brandenburger Tor, dem Schloss Charlottenburg, der Gegend um die Havelchaussee, dem Tempelhofer Flughafen, der East-Side-Gallery, dem neuen Hauptbahnhof (Happy B-day zum 5ten!) und dem Regierungsviertel schon genug Spots zusammen, um den Velothon auch den Beinamen „Stadtbesichtigung mit Speed“ geben zu können.
Ob die knapp 10.000 Rennradler davon allerdings so viel mitbekommen werden, daran habe ich meine Zweifel.
Warm wird es langsam, und langsam füllt sich auch mein Block F. Sehr zu meinem Vergnügen auch mit dem einen oder anderen, sehr angenehm anzuschauenden Damenhintern in engen Radklamotten.
Ein würziger Kontrast zu den Kuchenbäuchen, die allenthalben auftauchen.
Ich lerne Nahne aus Flensburg kennen. Er ist etwas nervös, denn dieser Velothon ist sein erstes Rennen. Wir unterhalten uns nett und genießen die Sonne, bis ihn ein Hintermann auf seine nicht gut befestigte Startnummer aufmerksam macht. Es wird ihm geholfen, die Sicherheitsnadeln ordentlich zu befestigen.
Er atmet tief durch, als der erste „Schreck“ vorbei ist.
„Ey,“ sagt ein Anderer zu ihm und deutet auf die Laufräder: „Du hast die Mäntel falsch herum montiert.“
Es scheint nicht Nahnes Tag zu werden …
Irgendwann kurz nach halb 10 fällt dann auch der Startschuss für meinen Block 11. Wir rufen uns allen ein flüchtiges „Gute Fahrt!“ und „Komm heile an!“ zu, dann treten wir rein.
Freilich nicht volle Pulle, denn wir werden von Skatern, die als Pacer dienen, durchs Brandenburger Tor begleitet. Eine Linkskurve gen Potsdamer Platz, noch immer kaum Beschleunigung.
„So könnte dit weitajehn!“, ruft einer hinter mir.
Einbiegen zwischen Bahn-Tower und Daimler-Haus, das Feld beginnt sich zu ziehen, und dann, dann endlich schalte ich aufs große Blatt – wir durchbrechen die 40 km/h – das Rennen ist eröffnet!
Durch den Bezirk Tiergarten schlängelt sich das Peloton, wie gewohnt noch sehr nervös. Einige Honks ziehen munter von links nach rechts, von rechts nach links. Erst lautes Ermahnen und ab und zu ein heftiges Gepöbel: „Halte Deine Linie, Du Idiot!“ bringt sie dazu, einigermaßen diszipliniert zu fahren.
44 km/h stehen immerzu auf dem Display meines Edge und ich bin zufrieden: Wenn es so flott weitergeht, wird das ein schönes, wird es ein hartes Rennen!
Wir schießen auf das Schloss Charlottenburg zu, am Straßenrand stehen vereinzelt Zuschauer, aber wenig Beifall: Die meisten warten nur, endlich die Straße überqueren zu dürfen.
Durch die nächsten Kurven geht es schon besser: Die Leute halten ihre Linien und ich kann mich mehr und mehr darauf konzentrieren, nach vorne zu fahren.
Was schaffe ich? In F gestartet … vielleicht komme ich vor bis C? Das wäre was!
Das Feld – mittlerweile durch die Steigung am ICC auseinander gezogen – zieht sie wie eine Perlenkette durch die Stadt. Für mich perfekt, denn so kann ich mich von Fahrer zu Fahrer hangeln und so alle Minute ein Dutzend Rennradler überholen.
Ich drehe mich um und bemerke, dass mit mir einige andere die selbe Idee hatten.
Wenig später wird es grün.
„Aha,“ denke ich mir, „nun geht es auf die Havelchaussee.“ Hier haben sie laut Streckenbuch die Steigungen des Rennens eingebaut. Am Ende werden es 490 Höhenmeter werden – sehr wenig, für ein Rennen mit 120 km Länge, sehr viel für eine Stadt wie Berlin, die eigentlich keine Steigungen hat.
Dann kommen die ersten „Rampen“.
Ich bin enttäuscht. Nur wenige Meter geht es spürbar bergauf, und selbst diese Steigungen sind nicht vergleichbar mit einer Tour ´d Energie oder selbst den Rampen, die sie bei den Hamburger Cyclassics für die Touristik-Rennradler bereithalten.
So verlangsamt sich das Peloton auch nur ein wenig. Für eine Selektion reichen diese Wellen aber nicht aus. Mein Speed sinkt kaum unter die 30. Mit einem Flunsch komme ich auf der Bergkuppe an und halte das für einen schlechten Scherz.
Vielleicht, so denke ich mir, wird die „gefährliche Abfahrt“ mit der Linkskurve zum Kronprinzessinnenweg ja anspruchsvoller. Immerhin warnen sie im Roadbook vor dieser Stelle und auch Olli, für den dies hier die Haus-und-Hofstrecke ist, wusste einige Sätze über diese Kurve zu berichten.
Tatsächlich erreiche ich fast 60 km/h bei der kurzen Abfahrt, aber auch die Kurve kann mir leider nicht mehr als ein Schulterzucken entlocken – Gefährlich? Für den Kuchenblock vielleicht. Ich persönlich fand das eher … süß.
Wir sammeln uns in einem kleinen Gruppetto auf dem Kronprizessinnenweg und treten rein: Speed ist die Devise!
Mit mir haben sich etwa 8, 9 Rennradler gefunden, die in etwa die gleiche Geschwindigkeit haben: Da ist einer im Trikot der Tageszeitung „Neues Deutschland“ - Druck von Links können wir gebrauchen! Einer, den ich „den Holländer“ taufe – ein großgewachsener Bolide, der zwar immer nur kurz im Wind ist, aber wenn, dann geht er ran wie Blücher am Katzbach!
„Der Grüne“ ist das Gegenteil – kompakter Körperbau, hohe Trittfrequenz. Der führt lange im Wind und hält dabei das Tempo hoch.
Wenn wir dran sind, dann wechsle ich mich mit zwei Radlern in den Klamotten des Profi-Teams Caisse d´Epargne ab. Einer von denen trägt ein Schweißtuch unterm Helm und fährt ein schickes BMC-Rennrad.
Da der aber bisweilen gefährlich nervös die Linie ändert beschließe ich, eher Abstand zu halten. Den anderen Caisse d´Epargne-Fahrer werde ich bis zum Rennende an meiner Seite haben.
Zudem noch einen schlacksigen Typen wie mich im Cervélo-Trikot, das Thor Hushovd als norwegischer Landesmeister 2010 getragen hatte.
Wir sind eine starke Truppe, die von hinten den gesamten Block F aufarbeitet. Und schon – keine 30 Kilometer gefahren – sind mir mitten in E. Einige D-Fahrer sind auch schon eingefangen.
Ich habe Superlaune!
Leider verschlägt es mich dann und wann an den rechten Rand des Pelotons. Das ist der sehr undisziplinierten Fahrweise vieler Teilnehmer geschuldet. Nervös und teilweise einfach unwissend nutzen viele die rechte „Überholspur“, um in Zweier- und Dreierreihen nebeneinander her zu fahren.
Da wir oft mit 5 bis 8 km/h Überschuss ankommen, bleibt da oft keine Zeit, zu rufen – auch wenn es schlechter Stil ist, überholen wir einfach rechts herum.
Leider sehe ich viele Stürze – allein die ersten 50 Kilometer 3 Rettungswagen mit Blaulicht am Straßenrand.
Bis zur südlichen Wendemarke bei Siethen müssen wir uns mit einem nervigen seitlichen Gegenwind plagen. Unser Gruppetto macht es ganz gut und so wechseln wir uns bei der Arbeit im Wind ab.
Die Ortsdurchfahrten geraten zum Schaulaufen und anders als in Berlin, wo wir mit Missachtung gestraft wurden, stehen sie in Brandenburg zu Hunderten am Rand, einmal haben sie ein Schlagzeug aufgebaut und machen Mucke, ein anderes Mal sind Cheerleader-Mädchen in Röckchen und Glitzerpuscheln am Start. So macht das Spaß!
Ich lasse – wie viele andere auch - die Verpflegungsstation links liegen. Nie wieder mache ich den Fehler wie bei den Cyclassics 2010 oder beim Münsterland.Giro und halte an: Der Körper schaltet auf „Oh cool, das Rennen ist vorbei, ich bin dann mal weg.“ und so kommt man nie wieder in Gang.
Ich habe mich vorbereitet: Zu meiner normalen Renntaktik, alle 30 km ein Power-Gel zu lutschen habe ich mir zudem zusätzlich zu meinen beiden Trinkflaschen am Rahmen (gefüllt mit 2:1 Power-Granulat von High5) eine weitere Trinkflasche (gefüllt mit 2:1 Extreme Coffein) in die Rückentasche des Trikots gesteckt. Das gibt Zuversicht.
Wenig später biegen wir auf die abgesperrte B101 ein, die hier, dreispurig ausgebaut, wie eine Autobahn daherkommt. Da wir nun nach Norden fahren, haben wir extremen Rückenwind.
Ich nutze diesen und trete rein – fast mühelos erreiche ich allein im Wind 45 km/h und merke, dass ich gute Beine habe.
Ich ziehe meinem Gruppetto davon …
Mehr und mehr Abstand kann ich zwischen meine Mitstreiter bringen und finde mich zeitweise allein auf den anstehenden knapp 15 Kilometern Luxusasphalt wieder.
Als ich die nächste größere Gruppe erreiche, heben sie auf einmal wild die Hände und brüllen: „Achtung! Unfall!“
Mit 40 im Freilauf surren wir an zwei böse Gestürzten vorbei. Einer steht gerade auf, ein anderer liegt, sich vor Schmerz windend, noch auf dem Asphalt. Da schon einige helfend angehalten haben, fahren wir weiter.
Ich kann da nur den Kopf schütteln: Wie bitte bringt man es fertig, auf einem 50 Meter breiten, schnurgeraden Stück zu stürzen?!?
Es vergehen vergleichbar langweilige Kilometer auf der B-Straße. Nichts passiert wirklich, außer dass wir sehr schnell vorankommen. Von hinten holt eine größere Gruppe auf, die 2, 3 km/h schneller ist als ich. Von ihr lasse ich mich einsammeln und „verstecke“ mich im Mittelfeld.
Denn ich weiß, was bald kommt …
Vorne machen sie schön Tempo, dann und wann zwingt uns die Strecke wieder in den Wind, der hier in der Stadt durch die Straßenschluchten oftmals kanalisiert noch viel stärker erscheint, als er draußen in Brandenburg war.
Ich taktiere: Wir fahren 35 bis 38 km/h. Das ist nicht übermäßig schnell, aber schnell genug. Denn ich vermute, dass das, was nun folgt, die Schlüsselstelle des Rennens werden wird: Tempelhof!
Irgendwann haben wir uns über unzählige Ampeln (und gefühlten zehntausend Schlaglöcher) gekämpft, als ein Schild „Vorsicht, scharfe Rechtskurve!“ ankündigt.
Ich rolle vor auf eine Position, auf der ich keinen Vordermann auf vier, fünf Radlängen habe, denn ich habe vor, nach der Kurve hart zu beschleunigen. Als wir auf die Freifläche des Flughafens Tempelhof einbiegen, sind die meisten erst einmal baff. Das Peloton beschleunigt kaum.
Ich habe das geahnt und kann so durch einen einzigen Antritt die gesamte Gruppe hinter mir lassen. Zunächst geht es über einen ehemaligen Taxiway in einer langen Linkskurve eingezäunt durch klatschende Massen: Hier hole ich Speed.
Dann auf die Startbahn – und es klatscht ein harter Seitenwind mit voller Wucht die Fahrer fast von der Bahn! Abrupt wird alles um 10 km/h abgebremst, wir müssen die Lenker festhalten und uns mit aller Macht in den Wind stemmen.
Es sind kaum 25 km/h, die auf meinem Tacho stehen. Genug, um den Abstand zu meiner Gruppe konstant zu halten – genug, um mit 1, 2 km/h Überschuss vor mir Fahrende zu überholen. Einer nach dem anderen.
Ich beiße, ich kämpfe. Ist das das Äquivalent zu den harten Anstiegen, die ich in der Havelchausssee vermisst habe?
Links neben mir, versetzt, holt einer auf. Neben ihm wieder einer. Und noch einer. Wir sind eine schicke Windstaffel. Die aber nach wenigen Metern zusammenbricht: Das ist halt was technisch ganz anderes, als Hintereinanderfahren, was Jungs?
Am Ende der nur 3 Kilometer langen Startbahn, bin ich allein – hinter mir auf 250 Meter niemand, vor mir auf 1 Kilometer vielleicht nur 4, 5 Fahrer.
Durch Kreuzberg fahre ich mit einem Grinsen: Am Kotti im Karstadt habe ich damals als 11-Jähriger meine 100 DM Begrüßungsgeld ausgegeben, bei der Schönleinstraße hat ein Studienkollege gewohnt, am Wrangelufer habe ich so manche Party gefeiert und als ich die Spree auf der Oberbaumbrücke – mittlerweile leider (und Gottseidank!) von meinen alten Bekannten, dem Belgier, dem Grünen und einem Caisse d´Epargne-Fahrer eingeholt – überquere, kommen mir fast die Tränen: Hier habe ich jahrelang gewohnt, da, da hinten im Chefhain … fast gebe ich dem Impuls nach, an der Warschauer einfach geradeaus in meine Vergangenheit zu fahren, als mich das Renngeschehen wieder einholt.
Wieder mit Rückenwind geht es recht rasant die East-Side-Gallery entlang. Ich sehe auf dem Display meines Garmin, dass wir keine 15 Kilometer mehr zurück zu legen haben und die Vorfreude auf das Ankommen macht sich in mir breit: Nun heißt es wachsam bleiben! Nicht einlullen lassen!
Das fiese Alexa und den Alexanderplatz umrunden wir, rein gehts nach Mitte. Am Straßenrand nun verstärkt auch jubelnde Zuschauer. Ein schönes Gefühl, diese Stadt im Vollgasdelirium durchmessen zu können!
Ich bleibe nun am Hinterrad vom Caisse d´Epargne. Der Grüne und der Belgier sind hinter mir. Wir rollen mit einer Gruppe mit, nicht übermäßig schnell, aber als wir im Regierungsviertel erneut in den Gegenwind drehen und uns die Goldelse mit ruppigen Böen empfängt, scheint es, als habe Apathie die Rennfahrer (mich eingeschlossen) befallen.
Die gefürchteten Positionskämpfe und die gar in unzähligen Schauergeschichten erzählten, angeblich für den Velothon typischen Idioten, die unbedingt zum Schluss noch sprinten müssen, erlebe ich nicht.
Statt dessen geht es mit knapp 40 km/h sehr ruhig und geordnet, fast unspektakulär, über die Ziellinie. Ich richte mich auf und reiße die Arme in die Höhe: Nicht, dass ich so stolz auf mich wäre, weil ich ein so tolles Rennen gefahren bin, sondern weil ich mich so sehr freue, nach 5 Jahren endlich in meinem Berlin ein Rennen gefahren zu sein.
Beim Ausrollen in Richtung Kanzleramt mache ich mir meine Gedanken.
Wir stehen da, viele rufen ihre Lieben daheim an, andere übergießen sich mit dem letzten Rest ihrer Wasserflaschen, einige schnattern munter drauflos, und wir warten, an der Reihe zu sein, um die Transponder zurück zu geben.
Dann geht es zum halben Liter alkfreien Hefeweizen, das nur so in meiner Kehle zischt: Meine Strategie, ohne Pause und mit 3 Flaschen zu fahren, hat gerade so geklappt. Auf den letzten 10 Kilometern bin ich trocken gefahren, dieses Rennen hätte keinen Meter länger sein dürfen!
Dafür habe ich aber nur 3 Gels gelutscht.
Ich suche und finde einen einigermaßen ruhigen Platz. Neben mir machen es sich hunderte, tausende fertiger Helden gemütlich. Einige plappern sich enthusiastisch das Erlebte vom Leib, andere telefonieren mit den gestürzten Teamkameraden im Krankenhaus, ich rufe Freundin und Eltern an.
Über uns beginnen sich fette Wolken drohend zu stapeln – die Gewitter ziehen auf.
Ich aber bin durch, frohlocke ich und beschaue mir das Erreichte: 3:02 Stunden mit einem Schnitt von fast 39 km/h sind ein super Wert, obschon ich mich später sehr über die 2 Minuten ärgern werde.
Alles in allem bringt mir dies den 327ten Platz in meiner Altersklasse ein. Von 1050 Fahrern. Ordentlich – aber aufgrund der immensen Leistungsunterschiede nicht mit den Ergebnissen eines Rennens im Rahmen des German Cycling Cups zu vergleichen.
Zu Hause hänge ich die Velothon-Medaillie neben die der Cyclassics und resümiere: Der Velothon war ein top organisiertes Rennen. Keine Frage. Er war ein langes Rennen, ein schlauchendes Rennen.
Aber ein Rennen, das sie für eine breite Masse konzipiert hatten.
Wenig anspruchsvoll gestaltet sich die Streckenführung. Es gibt keinerlei Anstiege, die von Gradient oder Länge her für eine Selektion hätten sorgen können. Ebenso sieht es mit den Abfahrten aus. Letzteres kann ich aus Sicherheitsgründen verstehen – ersteres nicht.
Als entscheidend bleiben mir zwei Abschnitte in Erinnerung – ungewollt hat das lange Geradeausstück auf der B101 für Vorentscheidungen gesorgt. Wer hier die Gunst der Stunde und den starken Rückenwind ausgenutzt hat, konnte wertvolle Minuten und Platzierungen gutmachen.
Zum zweiten der Flughafen Tempelhof: Die meisten der Rennfahrer waren weder auf den atemberaubenden Anblick noch (und das ist das Entscheidende) auf den Wind vorbereitet. Die verbreitete Unfähigkeit, wirksame Windstaffeln zu bilden und der Fakt, dass die meisten nach über 100 Kilometern schon deutlich abgekämpft waren, hat hier vielen Rennfahrern wertvolle Zeit und Körner abgenommen.
Wie immer: Wer an einem Rennradrennen teilnimmt, sollte ich vorab sehr genau mit der Strecke, ihrem Profil und der Windrichtung auseinandersetzen!
Velothon 2011 – ein schönes, wenn auch wenig spektakuläres Rennen für mich, das aber durch den Fakt, meiner Heimat eine sportliche Aufwartung gemacht zu haben, für immer einen besonderen Platz in meinem Palmarés haben wird.

Gefahren: 120 km in 3:02 Stunden mit 38,6 km/h avg und 59 km/h Spitze.