6. März 2013

Shalom Running: Beim Jerusalem Marathon 2013

Kaum zu glauben: Noch vor weniger als 30 Stunden liege ich kichernd mit hundert anderen Touristen im Toten Meer, meine geschundenen Knochen in konzentrierter Salzlake einweichend, hoffend, sie möge Knie-, Gelenks-, Muskel- und Sehnenschmerzen in Beinen, Armen, Rücken und der Bauchregion heilen - und nun hocke ich am Rechner und versuche, einen Bericht zu schreiben, der annähernd das wiedergeben könnte, was ich beim Jerusalem Marathon 2013 erlebt habe.

Jerusalem - Klischee und Wirklichkeit

Keine andere Stadt wie Jerusalem, kein anderes Land wie Israel bietet mir, bevor ich es besuchte, so viele Klischees, so viele vorgefertigte Bilder und Meinungen. Viele von denen erlebe ich als wahr. Viele als vollkommen unwahr.


Ja, ich habe eine Menge Militär, ja wahrscheinlich die meisten Maschinenpistolen meines Lebens seit der letzten Truppenparade der NVA in Berlin 1989 gesehen. Ja, ich habe den riesigen Betonwall gesehen, der die West Bank von den israelischen Gebieten abzutrennen versucht. Und ja, ich habe die Blicke von Arabern und Ultra-Orthodoxen Juden bemerkt.

Aber: Ich habe keine brennenden Busse, keine Steine werfenden Jugendbanden, keine Kassam-Angriffe oder offene Ausschreitungen gesehen. Im Gegenteil - überschwängliche Gastfreundschaft - aller Ethnien - viel Lächeln und Lachen, viel Nebeneinander und viel Miteinander anschauen können.

Fassungslos, ob dieses Anblickes, dass nur wenige Kilometer entfernt im Gazastreifen viel Leid produziert wird. Es ständig Tote gibt.

Viel haben wir diskutiert, ob man "dorthin überhaupt reisen kann". Ja man kann. Man soll sogar.

Dies ist ein Sport-Blog, kein Reise-Blog. Deshalb nur so viel: Israel ist eines der überraschend modernsten, spannendsten, angenehmsten, abwechslungsreichsten Länder, das ich je bereist habe. Und ich habe weiß Gott nicht einmal ein Tausendstel von dem gesehen, was es dort zu entdecken gibt!

Wenn Ihr also demnächst einmal eine sportliche Herausforderung mit einem tollen Urlaub verbinden wollt: Kommt nach Israel!

Zum Start: Wie im Souk

Womit wir auch beim eigentlichen Thema sind: Der Marathon. Meine Freundin und ich holen uns am Vortag des Laufes den Startbeutel ab. Die Anmeldung ist sehr dünn besucht, keine Schlangen, kein Gedränge, sehr angenehm. Die Messe mit der in Barcelona an Größe und Umfang durchaus zu vergleichen: Keine Riesenveranstaltung, aber definitiv auch kein Provinz-Event.

Am Tage des Starts bin ich spät: Zwar ist mein Hotel nur knapp 3 Kilometer vom Start entfernt, ich kann aber kein Taxi mehr bekommen, da alles schon komplett abgesperrt ist. So hetze ich mit 2 Israelis aus Eilat und später einem dritten Amerikaner und noch später einem Deutschen - Hamburger - in 15 Minuten in den Sacher Park südlich der Knesset (dem israelischen Parlament).


"Beste Erwärmung", sagt der Hamburger Kollege, klopft mir auf die Schulter und wünscht mir einen tollen Lauf. Keine 2 Minuten nach meiner Ankunft im Startblock B (für Läufer zwischen 4 und 4,5 Stunden) wird mit "Ehat, Staijm, Shalosh!" auch schon der Startschuss gegeben.

Na, wenigstens ist mein Puls schon oben!


Wir sind schon zwei Tage in Jerusalem und sind gleich am ersten Tag zu Fuß zur Holocaust-Gedänkstätte Yad Vasheem gelaufen: Etwa 10 Kilometer marschieren wir am ersten Tag durch die Metropole, am zweiten Tag noch mal so viel. Ich kenne die Geographie der Stadt schon recht genau: Bergig!

Schleppe einen stattlichen Muskelkater mit zum Rennen.

Und ich meine jetzt keine Hügel im Sinne von Barcelona. Oder die - schon steileren - Berge wie in Lissabon. Jerusalem ist steil. Es gibt eigentlich keine Ebenen in dieser Stadt. Man ist entweder nach oben hin unterwegs, oder nach unten.

Und schmerzlich sticht es in meine Seiten, als ich die ersten Kilometer bereits einen mindestens 7 Prozent steilen Abhang hinter der Knesset hinabpoltern muss, um in dann - vollkommen außer Puste! - wieder zu erklimmen. Alter!


Noch ist das Feld dich beieinander. Kaum Bewegung. Wenige überholen mich. Ich überhole wenige. Im Feld ist keine Dynamik zu verspüren, nur Einzelne versuchen, Plätze gut zu machen. Noch weniger lassen sich durchsacken.

Die ersten Kilometer - Vorboten der Hölle

Hinter der Knesset - wir laufen zunächst durch ein mit Stacheldraht und hohen Zäunen gesicherten, wohl normalerweise nicht öffentlichen Bereich - geht es mehrmals sehr krass bergab und noch krasser bergauf. "Gut, dass ich in meinen Trainings immer mal noch den Waseberg eingebaut hatte!", denke ich mir so, als ich wie ein Schwein schwitzend die Schrägen hinauf keuche.


Relativ schnell - eigentlich schon gestern beim Spazieren - ist mir klar, dass ich in dieser Stadt auf keinen Fall meine Barcelona-Zeit werde schlagen können. Und wenn ja, dann wäre ich ein Supersportler!

Als die Berg-und-Tal-fahrt hinter dem Parlament endlich vorbei ist und wir wieder auf die große Magistrale, der schönen Seite der Knesset, einbiegen, zieht sich das Feld spontan auseinander. Sie ziehen wohl an, denke ich mir.

Ich genieße aber erstmal den Anblick des Regierungsviertels hier, und freue mich, dass die nächsten 1, 2 Kilometer seicht bergab gehen.


Hinter der Knesset können wir schon mal einen Blick auf einen der kleineren Hügel der "Neustadt" Jerusalems werfen, den wir gleich in diversen Schleifen zu erklimmen haben. Ich justiere meine Ohrhörer, schalte das Depeche Mode Konzert von - na klaro! - Barcelona auf volle Pulle und versuche, meinen Takt zu finden.


Von der Jitzak Rabin-Straße biegen wir nun rechts auf die Start/Ziel-Gerade für die Halbmarathon-Läufer ein. Ich muss an meine Süße finden, die hier in wenigen Minuten starten wird - sie läuft hier heute ihren ersten Halbmarathon. Ausmachen kann ich sie leider nicht.


Viel Zeit zum Ausschauhalten habe ich aber nicht - wenn ich hier heute eine halbwegs anständige Zeit hinlegen möchte, muss ich mich ranhalten. Ich entdecke einen drahtigen Mid-50er, der schon am Start in meiner Nähe stand. Er scheint meine Pace zu laufen. Ich beschließe, mich an ihm zu orientieren.

Steigungen? Kletterwände!

Als wir den Stadtteil Rehavia passiert haben, biegen wir - auf eine Wand zuhaltend - in den Gohen Katamon genannten Stadtteil ein. Kaum mehr Zuschauer. Nur ab und zu steht eine Familie (auffällig viele Kleinkinder gibt es hier) und applaudiert. Hier im Häusermeer sind wir allein mit unseren Leiden.

Ich kämpfe mich die ersten Rampen hinauf. Wie viel Prozent mögen das sein? 7, 8? 


Es ist hier wirklich teilweise so steil, dass sich am Fuße der Rampen kurzzeitig kleine Staus bilden. Schon hier, noch nicht mal 9 Kilometer gelaufen, sehe ich die Ersten im Gehen die Serpentinen angehen. Noch laufe ich - aber bald schon werde ich entdecken, dass bei diesen Startrampen das Gehen die klügere Alternative ist.


Es geht nur bergauf, nur bergab. Oftmals wechseln An- und Aussichten auf die Stadt mit jedem Straßenzug: Ich muss nur meinen Kopf drehen, schon sehe mal hier in den Abgrund, mal dort über einen weiten Park oder dann wieder erhasche ich einen Blick auf die mächtige Stadtmauer der Old City - oder den grauen Betonzaun der Palästinenser-Viertel.

Aber niemals. Niemals laufe ich in der Ebene.


Bei der Ze´ev Jabotinsky Straße bin ich meinem Hotel kurz ganz nah. Noch weiß ich nicht, ob meine Süße überhaupt zum Start gegangen ist. Wie einfach wäre das, jetzt hier kurz abzubiegen und wieder ins warme Bett zu kuscheln ... aber ich verdränge die Gedanken schnell. Drehe "Personal Jesus" ganz laut und reiße mich zusammen.

Schon wenige Straßenzüge und Steigungen später bin ich wieder auf der King George Street, einer der Fußgängerzonen Jerusalems. Und erkenne das Restaurant, in dem wir gestern Abend noch so lecker gegessen haben. Jetzt schwitze ich mich hier auf den unbefahrenen Straßenbahnschienen und wundere mich: Gerade einmal knapp 15 Kilometer gelaufen - und das kompakte Feld ist zerstäubt.


Nur ab und zu - und jetzt geht es los - werde ich von kleineren Trauben von 5 bis 8 Läufern überholt. Ansonsten liegen oftmals viele Dutzend Meter zwischen mir und dem nächsten gleich schnellen Runner.

Halbmarathon: Ohne Puste auf den Mount Scopus

Ekelig wird es auf dem Schlenker zum Mount Scopus. Auf diesem Gipfel, auf dem sich die Hebrew University befindet, werden wir einen Schlenker um den Berg machen - direkt durch Ost-Jerusalem, das von den Arabern beansprucht wird - laufen und viele böse Höhenmeter erleiden müssen.

Schon die Anreise auf dem nicht enden wollenden Sderot Harlim Barlev - einer lang gezogenen, vierspurigen Magistrale, geht an die Substanz.


An der Stadtmauer zur Old City entlang laufend, geht es zunächst einige Kilometer sehr steil bergab (und nachher genau auf diesem Wege auch wieder bergan!) Hier kommen mir einige der Elite-Runner entgegen - sie sind bei Kilometer 27. Ich noch bei 17.


Die Magistrale macht eine Rechtskurve und steigt wieder an. Wir sind am Fuße des Mount Scopus. Immer höher geht es, nun durch dichte Viertel, Straßenschluchten, viele 90-Grad-Kurven.

Immer mehr Full-Marathon-Runner kommen mir entgegen, sie sehen ausgelaugt aus. Wie werde ich hier nachher wohl aussehen? Eine kleine Wasserstation nehme ich mit, dann kommt der Endspurt auf den Scopus-Berg, die Universität, wie eine Enklave hinter hohen Stacheldraht-Zäunen verbunkert, hat uns ihre Tore geöffnet (schwer bewaffnete Soldaten sichern das Gelände).

Endlich oben! Der Himmel zieht zu, es weht merklich ein scharfer, kalter Wind.


Als ich die Runde um das Uni-Gelände zur Hälfte fertig habe, kann ich rechts von mir auf Jerusalem blicken. Da unten sind ganz viele kleine Häuser. Da unten, da ganz unten. Menschen wie Ameisen klein. Irgendwo da unten werde ich nachher auch wieder laufen. Nachdem ich hier oben aber die Runde erst einmal habe fertig laufen müssen.

Ein Wahnsinn, diese Achterbahn hier!


Irgendwo da ganz hinten rechts schimmert wieder bedrückend der Palästinenser-Zaun, holt mich kurz zurück ins Hier und Jetzt: Klar, die Leute haben hier andere Sorgen, als mir am Straßenrand zuzujubeln.

Und doch, auch mit all den Problemen - diese Stadt ist eine Perle. Eine Schönheit. Was sicher auch daran liegt, dass hier alle Häuser - so erklärt uns der Taxifahrer auf der Hinfahrt - mit einem einzigen, ganz bestimmten Stein verkleidet sein müssen. So schimmert die ganze Stadt in einem Sandstein-Ton, der diese wunderbare Homogenität erzeugt.


Allzuviel Zeit habe ich für meine architektonischen Schwärmereien allerdings nicht. Irgendwo hier laufe ich die Halbmarathon-Distanz, bei all der drückenden Schwüle unterm Laufshirt und dem beißenden, kalten Wind hier oben vergesse ich, die "Lap"-Tast zu drücken. Na, später bekomme ich ja die offiziellen Zeiten.

Mein 20-km-Split wird mit 1:59:32 Stunden angegeben. Für diesen Berg-Run eine passable Zeit, wie ich finde.


Hier ist es dann auch, da ich beschließe, auch einer der Klugen zu sein und zumindest die harten Steigungen, die 7, 8 ja sogar 10 Prozent-Rampen lieber zu gehen, anstatt mir die Sprunggelenke im Dribbelschritt zu versauen. Selbst im Gehen bin ich teilweise schneller als mancher Läufer.

Ein witziges Spielchen entwickelt sich mit einer Mitläuferin und meinem drahtigen Pace-Maker: Bergauf überhole ich beide. Bergab galoppieren beide wiederum an mir vorbei. Vielleicht sind es die mehr als 20 Kilometer Spaziergang, die mir schon in den Knochen stecken, vielleicht der überhastete Erwärmungslauf zum Start: Mein rechtes Hüftgelenk und das linke Knie machen sich sehr unangenehm bemerkbar.

Ein unverhoffter Blick auf den Ölberg links und der Felsendom im Hintergrund macht die Schmerzen kurz vergessen ...


Doch alles Träumen nützt nichts - immer wieder muss ich mich zu einer neuen Rampe aufraffen, immer wieder mich zusammenreißen, immer wieder bewusst die sich ankündigenden Seitenstechen wegatmen zu versuchen. Oh man, Jerusalem ist echt mal ein Kreuzweg!

Wetterkapriolen und Versorgungsengpässe

Das Wetter macht mir zu schaffen, obwohl ich nach dem Lauf sagen werde, dass ich ein unfassbares Glück gehabt habe: Am Tag nach dem Marathon wird ein wolkenfreier, blauer Himmel das Theromometer auf 24 Grad treiben, mir einen feinen Sonnenbrand verbraten und uns den Ausflug nach Massada zur Sommerglut-Hölle werden lassen.

Heute aber kann mich das Wetter nicht erfreuen: Mal beißend kalt, mal höllisch schwitzend.


Als dann noch auf dem Rückweg vom Mount Scopus ein Regenschauer meine Klamotten beginnt zu durchweichen, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Kilometer 27: Ich bin am Ende!

Wahnsinn - nur eine Woche vor dem Marathon laufe ich die 30 Kilometer mit knapp 400 Höhenmetern in wenig mehr als 3 Stunden. Heute weiß ich nach nur 27 Kilometern, dass das hier ein Lauf ums Überleben werden wird, nicht der Triumph-Durchmarsch zu einer neuen persönlichen Bestmarke.

Trotzdem, der 30-km-Split mit 3:05:44 Stunden ist mehr als genial, wie ich finde.


Nervig und unschön allerdings finde ich die Versorgung der Läufer bei diesem Marathon. Verglichen mit den Wasser- und Iso-Ständen beim Barcelona-Marathon, können mich die wenigen - jeweils nur mit reinem Wasser - ausgestatteten Getränkestände hier nicht überzeugen.

Sie liegen teilweise 8, 9 Kilometer auseinander. Viel zu wenig, wie ich finde. Nur das doch eher kühle Wetter macht diese prekäre Versorgungslage erträglich. Kaum auszudenken welche Wassernot hier bei einem heißen Sonnen-Marathon herrschen würde!


Zu Essen gibt es außer ein mal (!) Bananen und zwei mal (!) Datteln nichts. Auch Energy Gels gibt es auf der ganzen Strecke nur ein einziges Mal. Viel, viel, viel zu wenig und mithin mein einziger, aber dafür umso größerer Kritikpunkt an der Organisation dieses Events.


Meinen Draht-Typen und die Bergauf-Frau habe ich längst schon verloren. So hefte ich mich an ein Pärchen, wo er sie immer wieder motiviert, weiterzumachen, als es vom Mount Scopus die elend lange Magistrale zurück hoch zur Altstadt geht.

Running out of Water.
Running out of Willpower.

Oh my, Jerusalem ...

Kurzes Zwischenspiel am Jaffa Gate

Eine kleine Schleife am nagelneuen Mamila-Einkaufszentrum drehend geht es wieder gen Norden - und auf das beeindruckende Jaffa-Tor in die Altstadt zu. Auch hier waren wir schon mehrere Mal spazieren, ich weiß um die Steilheit der Rampe in die Old City. Und die grobe Beschaffenheit der Pflastersteine im Innenbereich.


Dennoch: Dass die Organisatoren uns - auch wenn es nur wenige hundert Meter sind - durch diese von Geschichte und Geschichten so überbordende Altstadt laufen lassen, ist ein ganz besonderer Moment des Laufes. Immerhin haben sich hier der große Nebukadnezer, König Herodes, Pontius Pilatus, Jesus Christus, Sultan Suleiman oder die Kreuzfahrer und so viele andere - mehr oder weniger historisch belegte - Personen und Persönlichkeiten bewegt, dass jeder einzelne Quadratzentimeter dieser doch überraschend kleinen Altstadt abertausende Geschichten erzählen könnte.

Und nun ich. Hier.


Das Jaffa-Gate ist sehr steil. Auch ich gehe es mehr, als dass ich es laufe. Oben werden wenigstens ein paar Dutzend - wohl eher zufällig hier anwesende - Zuschauer Beifall klatschen. Wenn es dann durch die mit den leckersten Gerüchen all der Shawarma-Küchen und Gewürzstände der Händler geschwängerten Holzkohle-Luft innerhalb der dicken Mauern geht.


Wir zwängen uns durch die eher dunklen Gänge nahe der Stadtmauer, hier kann ich wieder einige Läufer überholen. An ihren andersfarbigen Startnummern erkenne ich die Halb-Marathonis. Ob ich meine Süße hier noch treffen werde?

Von oben, dem Rampage-Walk, winken kaugummikauende Amis, schnatternde Russen schauen irritiert.


Der Weg durch die Altstadt ist schnell vorbei: Über Via Dolorosa oder vorbei an der Grabeskirche Jesu, über den Kreuzweg oder gar vorbei am Felsendom können uns die Veranstalter natürlich nicht führen. Der Abstecher hier ist wenig spektakulär, wohl eher symbolischer Natur.

Angesichts des teilweise sehr krassen Bodenbelages aber doch auch eine weise Entscheidung.


Durch das Tor am Armenischen Patriarchat geht es wieder aus der Altstadt hinaus: Und sofort geht die Achterbahnfahrt wieder los.

Endspurt? Meine Kreuzigung am Mount Zion.

Zunächst krass bergab: Genau hinter mir kann ich, wenn ich mich kurz umdrehe, den Grabeshügel neben dem Ölberg sehen. Wie viele tausend Tote mögen hier mittlerweile begraben sein? Vor mir Mount Zion. Wieder so ein Mount. Wieder Schmerzen bergauf!


An Endspurt will ich gar nicht denken. Es scheint, als dass sie die Rampen immer steiler werden lassen. Ich kann zwar immer noch im Gehen mehr Leute einholen, als ich es im Laufen vermag - aber als dann irgendwann die 30 auf meinem Garmin steht, da  weiß ich endlich sicher, dass ich dieses scheinbar endlose Tal der 20er überlebt habe: Nun nur noch 2 Kilometer und dann der Countdown ab 10.

Schaffbar.


Ein Trauerspiel, die letzten Kilometer! Mount Zion zieht mir die letzten Kräfte aus den Fasern: Die Strecke zuckt nun wild durch diesen Teil Jerusalems, in North Talpiot - es geht etwa 2 Kilometer bergan, dann Wenden, dann bergab - kann ich dann sogar meine Freundin auf der Gegengeraden sehen. Aber sie hört mich nicht durch ihren MP3-Player, wird auch gleich auf ihre letzten 6 Kilometer einbiegen.

Ich habe noch 8 vor mir.

Letzte Zuckungen

Richtig ekelig wird es dann auf der Derech Hevron-Straße. Eine 3 Kilometer lange Strecke, die sie hier offensichtlich nur eingebaut haben, weil man hier "gut Kilometer ohne viel Aufwand schrubben kann". Ich bin total am Ende, schleppe mich an der vorletzten Wasserstation vorbei, kann kaum noch grinsen, selbst das Abklatschen der kleinen Kinder macht kaum noch Spaß.


Es ist ein Trauerspiel. Die letzten 4 Kilometer. Es folgen noch einige extreme Rampen. Mich ficht das alles nicht mehr an. Beim 40sten Kilometer gibt mir der offizielle Computer einen Split von 4:15:44 Stunden raus.

Ich wundere mich, dass ich so gut bin - habe ich meine Kondition doch schon irgendwo bei Kilometer 24 auf dem Mount Scopus verloren, habe ich meine Gelenkknorpel an irgend einer Rampe im Talpiot durchgeschrubbt.

Meine Füße brennen, später, im Hotel werde ich mir - trotz sorgfältig abgeklebter Zehen - zwei riesige Blasen aufstechen. Meine Oberschenkelmuskeln sind quasi inexistent. Sobald es bergauf geht, sind Fasern in einem neuen Aggregatzustand: Muskelpudding.

Ich falle mehr, als dass ich laufe. Den Rotz lasse ich schon seit einigen Kilometern einfach aus der Nase laufen - zum anständigen Ausprusten ist längst schon keine Kraft mehr da.


Und doch: Als ich die 2.000 Meter-Marke erreiche, erwacht neue Energie. Ich ziehe an. Mich überholt der Drahtige vom Start (Nanu? Habe ich den etwa überholt zwischendurch?) und zieht davon. Na, ich lasse ihn. Bin ja froh, jetzt meinen Laufstil wieder einigermaßen als "Laufen" bezeichnen zu können.

Die letzten 100 Meter sind blauer Teppich. Ich laufe allein über die Ziellinie. Wenige Zuschauer. Und doch - ich bin überglücklich. Als ich mich mit einer Orangenhälfte nach dem Ziel bewaffnet einfach ins Gras fallen lasse.

Alter Verwalter - Jerusalem Marathon - das war ein Biblisches Ausmaß!

Geschafft: Die Daten meines Jerusalem Marathon 2013

Mein Garmin stoppt nach 42,48 Kilometern und 4 Stunden, 29 Minuten und 30 Sekunden. Ganze 30 Sekunden schneller, als Barcelona 2012. Meine offizielle Zeit wird von der Zeitnahme mit überraschend guten 4:30:37 Stunden angegeben.

Das ist nach offizieller Zeitnahme also nur 24 Sekunden langsamer als noch vor einem Jahr. Langsam realisiere ich, was ich geleistet habe, als ich mich im Eventbereich in die Sonne fallen lasse.


Jerusalem war hart. Sehr hart. Und doch schaffe ich es, meine bisherige Zeit zu halten - immerhin, am Ende stehen 805 positive Höhenmeter auf meinem Garmin, das ist das vierfache der spanischen Kletterleistung und angesichts der extremen Steilheit vieler der Rampen, die wir erklimmen mussten, eine Wahnsinnsleistung, wie ich finde.

Mein rechtes Hüftgelenk singt bei jedem Schritt ein ächzendes Lied dazu ...

Die Höhenkurve der Jerusalemer Strecke zackt wild wie die Messkurve eines Erdbebens hin und her - selbst in den größeren Anstiegen verstecken sich unzählige kleine Rampen. Die Serpentinen dieser Wahnsinnstadt:


Und so fluche ich etwas über mich selbst, ob dieser bescheuerten 24 Sekunden - wenigstens symbolisch hätte ich schneller sein können! Und dann diese 3-minütige Pinkelpause irgendwo bei Kilometer 30 - war die wirklich nötig? Kann man doch laufen lassen ...

Na, alles Rechenspiele, die eh egal sind. Marathons sind nicht miteinander zu vergleichen. Und wenn noch bei einer meiner Laufseiten im Internet Jerusalem als ein "sehr anspruchsvoller" Marathon beschrieben wird, so muss ich sagen: Im Vergleich zu meiner Premiere in Spanien war das hier echt ein paar Nummern härter.

Und aber auch leichter. Irgendwie.


Als meine Süße - hochrot und durchgeschwitzt - mich zwischen den halbtot herumliegenden Laufleichen findet, ist sie mindestens ebenso stolz und glücklich, wie ich: Immerhin hat sie ihren allerersten Halbmarathon gerade mit einer für diese Berg-und-Tal-Achterbahnhölle tollen Zeit von 2:36 Stunden absolviert.

Lieb umarmt und glücklich geküsst. Mehr wird heute aber nicht drin sein ...

Was noch so geht - Israel Crash-Urlaub in 5 Tagen

Wir verdauen den Marathon - ein tolles Erlebnis und immer wieder erhebend - bei einem fürstlichen Mahl in einem versteckten armenischen Restaurant in der Altstadt. Zur Völkerverständigung beitragend genehmigen wir uns (nachdem wir ein kosheres Frühstück hatten) einen riesigen, knackfrischen Arabic Salad und die überbordende Mixed Grill-Platte.

Herrlich!


Am nächsten Tag wuchten wir uns stöhnend in einen Bus und besichtigen Massada, die legendäre Felsenfestung (beeindruckend!) des König Herodes, Ort heroischen Widerstandes der Zeloten gegen eine mächtige Römer-Legion und mithin neben Yad Vasheem der Staats-definierende Ort Israels.

Ein ausgiebiges Bad im Toten Meer (das witzigste und beeindruckendste, was ich jemals im Element Wasser getan habe) lindert den Schmerz in Knochen und Muskeln und das anschließende Baden im En Gedi-Spa tut das seine.

Wir erklimmen am Tag 2 nach dem Marathon den Ölberg, besichtigen die Klagemauer, umrunden die Altstadt, klettern in die Felsengrotte und schauen, wo Jesus gefangen genommen wurde.

Ein epischer Lauf - in einer epischen Stadt.

Als wir am Flughafen Tel Aviv ankommen und etwas Zeit dort zu überbrücken haben, spricht uns ein amerikanisches Ehepaar auf unsere Jerusalem-Marathon-Starterbeutel an, die wir umhaben. Es stellt sich heraus, dass er hier am 15.3. den Tel Aviv-Marathon absolvieren wird. Es wird sein 57er Marathon sein. "You did Jerusalem? You know what? I did this one time - and believe me, I am a frequent Marathon-Runner - this is one of the hardest Marathons in the world. I now prefer the flat one in Tel Aviv."

Na siehste, denken wir uns und klopfen uns auf die Schulter: Alles richtig gemacht. Nun kann endlich die Rennrad-Saison beginnen, ich bin hungrig. Und habe, wie schon 2012, mein Sportjahr 2013 mit einem absoluten Sensationsknaller begonnen. Israel? Kann ich uneingeschränkt empfehlen!


Hier geht es zu meinen Garmin-Daten des Marathons.

24. Februar 2013

Mit dem Halbmarathon zum Marathon - mein Wintertraining für Jerusalem

Wie schon im letzten Jahr nutze ich die rennradfreie Wintersaison um etwas Abstand zum Geleisteten zu gewinnen - und, um wieder Vorfreude auf das Kommende zu entwickeln. Die während der Rennen erworbene Fitness möchte ich weitestgehend konservieren - dennoch dabei meinem Körper nach fast neuntausend Kilometern auf dem Renner die wohl verdiente Erholung gönnen.

Meine Lösung: Laufen!

Samstag, 8:00 Uhr - keine Sau unterwegs. Unbezahlbar!

Noch in den Jahren 2008 bis 2010 trainiere ich während des Winters auf der Rolle. Erst die Feste - Watt-gesteuert und Puls-überwacht - dann die Freie - Zeit-gesteuert. Doch der Eintönigkeit des immer gleichen Blickes auf die sich nicht verändernde Kulisse meines Schlafzimmers kann ich erst 2011 entfliehen, als in mir die Idee reift, den Winter über ausschließlich mit Lauftraining zu arbeiten.

Und natürlich mit einem Schmankerl: Die Rennrad-Saison wird mit einem Marathonlauf begonnen.

Alte Strategie: Mit dem Halbmarathon zum Marathon

2012 teste ich diese Idee und finde sofort Gefallen daran. Da mein Job in einer Online-Agentur unter der Woche nur wenig Training - und das nur sporadisch - zulässt, geht eigentlich nur ein ernsthafter Trainingstag pro Woche: Samstag. Oder Sonntag.

Ein bisschen Cervélo muss sein - auch wenns nur die Socken sind.

Und so bereite ich mich 2011 mit 10 Halbmarathon-Distanzen an fast jedem Wochenende konzentriert vor. Etwa einen Monat vor dem Barcelona-Marathon, meiner Premiere, switche ich auf die 30 Kilometer-Distanz um - den "3Quarterton" - und kann davon 4 Läufe absolvieren.

In Barcelona, 25.3.2012, laufe ich dann nach diesen 14 Trainings eine Zeit von 4:30 Stunden mit einer 6:12er Pace. Ich bin sehr zufrieden.

Nun schreiben wir Ende 2012. Meine Rennrad-Saison war wieder der Hammer. Über 1.500 Renn-Kilometer, knapp 7.000 km mehr an Training und RTFs - am Ende fast 20 % mehr als im Vorjahr, stehen zu Buche. Noch während ich meine 2013er-Saison plane steht fest: Auch im Winter 2012/13 geht es wieder zum Laufen raus an die frische Luft!

Mehr Schliddern als Laufen: Winter an der Elbe

Bereits vor dem Jahreswechsel beginne ich wieder mit meinen Halbmarathons. Zunächst auf Usedom, dann, nach meinem Umzug ins schöne Altona, entlang der Elbe.

Nicht immer ist es leicht: Zwar vermisse ich das Gedränge und Laufsteg-Gehabe entlang meiner alten Laufstrecke um die Außenalster nicht, so muss ich mich aber an der Elbe oftmals halsbrecherisch über eisglatte, zugefrorene (und manchmal noch gefährlicher: angetaute) und nasse Wege retten.

Anyway: Sieben Halbmarathons kann ich so bis zum 19. Januar laufen, ehe ich wieder auf die 30-Kilometer-Distanz wechsle.

Trainingsdaten verglichen: 2011 versus 2012

So intuitiv ich oft bei meinen sportlichen Abenteuern handle, so zahlenfixiert bin ich in gleichem Maße manchmal trotzdem. Ich sammle mit dem Garmin Forerunner alle Daten meiner Läufe und kann sie so analysieren.

Zunächst laufe ich 2013 nicht ganz so weite Strecken beim Halbmarathon, als noch vor einem Jahr. Etwa einen Kilometer im Schnitt laufe ich weniger - was einfach an der Geographie meiner neuen Laufstrecke liegt. Dennoch kann ich anhand der reinen Pace-Werte eine Verbesserung gegenüber dem Training 2012 erkennen:



Halbmarathons 2013: Kontinuierlich besser.

Ich kann mich von 6:10 min/km in 2012 auf durchschnittlich 5:53 min/km in 2013 beim fast-Halbmarathon steigern - und zudem von Lauf zu Lauf die Endzeiten immer mehr verbessern. Zackt im Vorjahr die Kurve noch stetig hin und her, schlimmer noch, verschlechtere ich mich von Lauf 3 bis 8 stetig, kann ich 2012 endlich einmal eine kontinuierliche Verbesserung meiner Laufleistung erzielen.

Für mich ein toller Trainingserfolg!

Der Grund hierfür mag sicher darin liegen, dass ich mit einer besseren Grundfitness aus der Rennrad-Saison starte - oder aber schlicht und einfach darin, dass ich nun einfach "besser" laufe.


Dichter Nebel, kein Ufer: Die Elbe verzaubert.

Zahlen sind das eine - Emotion das andere. Ich genieße meine Läufe am Elbufer, genieße die Ruhe, wenn ich Samstagmorgens bei vollkommener Leere über den breiten Elbweg laufe, meine Lieblingsmusik auf den Ohren, nur ab und zu einen anderen Läufer grüße und sonst ab und an einen Ozeanriesen bestaune, oder mich von der eigentümlichen Schönheit der Elbe bei Nebel, bei Sonnenschein oder auch bei Schneefall berühren lasse.

Es ist ein Genuss, hier zu laufen. Ein Privileg.

Und wie genial dann die letzten 1.200 Meter, wenn ich das etwa 40 Meter hohe Elbufer nach 19 Kilometern erklimme und den Endspurt nach Hause antrete - schwer atmend mich in den vierten Stock schleppe, meine nassen Klamotten vom Körper wegexplodiere und unter dem heißen Strahl der Dusche dampfend den Frost aus zuckenden Muskelfasern dusche.

Unbezahlbar!

Sieht nicht so aus: Aber das ist Läufer-Glück.

Meine Rennrad-Saison 2013 wird nun also wieder mit einem Marathon starten. Diesmal suche ich mir ein noch südlicheres Ziel aus: Jerusalem. In der Hoffnung, auch hier vielleicht schon mit kurzer Klamotte antreten zu können, Sonne und Frühling und eine gute Zeit mitzunehmen, buche ich einen der frühesten Marathons in der heiligen Stadt.

Berge. Höhenmeter. Sind hier angesagt.

Level 2: Von der Halbmarathon-Distanz auf 30 Kilometer 

Wie schon 2012 switche ich auch in diesem Jahr auf die "3Quarterthon-Distanz". Und das am 10. Februar. Nur 7 anstelle 10 Halbmarathons also. Und so, wie die Zeitplanung bis 1.3. aussieht, wird es auch nur 3 anstelle 4 der besagten 30-km-Läufe geben.

Ach, das reicht schon ...

Zwischendurch auch mal Frühling: Elbufer

Dennoch bin ich guter Dinge. Meinen ersten Lauf über 30 Kilometer absolviere ich in guten 3:18 Stunden mit einer 6:36er Pace. Das ist schon mal als Startlauf wesentlich schneller, als mein erster 30er in 2012: Damals laufe ich eine 6:52er Pace - und muss dabei sogar knapp 1,5 km weniger hinter mich bringen, als dieses Jahr.

Auch der zweite 30er wird super: Ich weiß nicht, was mich so schnell macht, aber ich kann die ersten 3:18 Stunden um mehr als 10 Minuten unterbieten. 3:07 Stunden und eine super Pace mit 3:19 min/km. So schnell war ich bei keinem 30er-Lauf vor einem Jahr!

Erster 30er - schon mal eine viel versprechende Zeit.

Hinzu kommt, dass ich in diesem Jahr ein schönes Schmankerl in meine Route eingebaut habe. Um mich auf das Auf und Ab Jerusalems wenigstens ein bisschen vorzubereiten, zweite ich nach rund 11 Kilometern vom Elbweg ab und laufe den 800 Meter langen, dabei 15 % steilen Waseberg hinauf.

Den nicht weniger steilen Falkenstein geht es dann wieder hinab runter zur Elbe, wo ich nach einem, zwei Kilometern wende - und meine Bergtour noch einmal vollführe. Diesmal den Falkenstein (1.200 Meter mit 2 bis zu 15% steilen Rampen garniert) hinauf und den Waseberg hinunter.




Eigentlich mein rennrad-Revier: Falkenstein und Waseberg

Diese Anstiege bringen mich jedes mal in den roten Bereich - interessant aber auch zu beobachten, wie ich mich relativ schnell wieder erholen kann.

Die Trainingsdaten der 30-km-Läufe

Ich bin sehr zufrieden, als ich am Sonntag meinen dritten und letzten 30er in Vorbereitung auf den Jerusalem Marathon fertig laufe: Am Ende steht eine 3:02 Stunden auf dem Forerunner - Pace 6:06 min/km. Wieder verbessert!

Endspurt: Nur noch den Elb-Balkon hoch, dann 1.000 m bis nach Hause.

Im Gegensatz zu 2012, als meine "3Quarterthons" im Schnitt "nur" 27,61 km lang sind, laufe ich in diesem Jahr glatte 30 Kilometer - und die auf Anhieb schneller.

Zudem kann ich mich auch 2012 kontinuierlich bei den 30er-Läufen verbessern, was für mich ein eindeutiges Zeichen guter Ausgangsfitness ist, die mir nicht zuletzt bei der Leistungsdiagnostik, die ich am 4. Februar durchführe, ja auch bestätigt worden ist.



Auch bei der 30 km-Distanz trotz Höhenmeter eine tolle Verbesserung.

Die 30-Kilometer-Marke ist essenziel beim Laufen. Denn hier (plus/minus) sind die Energie-Vorräte eines Sportlers komplett entleert: Der Marathonläufer beginnt nun, fast ausschließlich "auf Kopf" zu laufen. Das ist auch der Grund, warum bei der 30 Kilometer-Marke immer die meisten Fotografen stehen - beste Chancen, das meiste Leid zu sehen.

Vorfreude: Der Marathon in Jerusalem kann kommen

Um so besser für mich, denke ich mir, wenn ich bei meinen Halbmarathons und bis an die 30 Kilometer-Marke kontinuierliche Steigerungen erreichen kann. Und das, bei nur einer Session pro Woche!

Zufrieden sinke ich nach meinem Letzten Trainingslauf auf der Hausbank zusammen und bin glücklich: Jerusalem kann kommen.

Der Spaß steht beim Marathon bei mir im Vordergrund.

Nun stehen noch ein, zwei Tage Arbeit an, am Mittwoch besteige ich den Flieger nach Tel Aviv (und wehe, am Airport wird gestreikt!) und düse in das hoffentlich warme Israel.

Welche Zeit ich laufen will? Alles unter 4:30 Stunden ist mir lieb, Sub4 ist allerdings sicher nicht möglich.

Aber wie bei allem, was ich mache - Spaß haben, sicher ankommen.

8. Februar 2013

Rennrad-Leistungsdiagnostik - Professionell zum individuellen Trainingsplan

"Ich bin Dein Vater, Luke!", raune ich düster in die Maske und feixe mit Timo, der die Kamera auf mich gerichtet hat. Er wird das Race Across the Alps - und deshalb unter anderem auch die Vorbereitung hier bei der Leistungsdiagnostik - mit der Cam begleiten. Noch habe ich gut Lachen - das wird gleich nach dem Test etwas anders aussehen.

Ich bin bei der Kaifu Leistungsdiagnostik. Das Testprogramm geht los.


Am Ende dieser etwas mehr als 2 Stunden intensiven Testens werden Frau Jalaß, selbst Triathletin, sowie Sportmediziner Dr. Frank Brons genug Daten gesammelt haben, um einen 3-montigen Trainingsplan für mich auszuarbeiten, der mich der Erreichung meines Saisonziels - Finish beim RATA - unterstützen soll.

Grundlage Blutbild: Die Analyse meines Lebenssaftes 

Alles beginnt damit, dass ich mich umkleide - lockeres T-Shirt, Laufhose und Turnschuhe - und erstmal auf der Arztliege entspanne, während Dr. Brons mit 4 Röhrchen Blut abnimmt.

Diese Proben werden im Labor getestet: "Wir werden neben einer Blutanalyse - dem sogenannten "Großen Blutbild" auch noch einige weitere Werte Ihres Blutes testen, was uns Aufschluss über Ihre momentane Gesundheit und natürlich auch Rückschlüsse auf Ihre Leistungsfähigkeit geben wird.", sagt Dr. Brons, als er mir sicher und ohne Nachstechen die Kanüle einführt.


Während ich nach der Entnahme einige Minuten ruhig auf der Liege verharre, das Minipflaster halte, fragt Frau Jalaß mich ab: Trainingsumfänge bisher, geplante Trainingsumfänge, die "Aufbaurennen" meiner Saison bis zum RATA und allgemeine Fragen zu meinem bisherigen sportlichen Vorgehen.

"Eines sehe ich jetzt schon", sagt sie im Hinblick auf meine Strategie, nur an Wochenenden Gas geben zu wollen: "Damit wirst Du zu wenig Training bekommen! 2, 3 mal die Woche und am Wochenende muss schon drin sein." Ich weiß: 4 Monate (ab jetzt) bis zum Race Across the Alps sind nicht wirklich lange ...


Doktor Frank Brons führt eine orthopädische Untersuchung an mir durch, indem er alle Gelenke und meine Beuge-, Streck- und Drehfähigkeit checkt und verabschiedet sich fürs Erste, während Frau Jalaß das Ergometer klar macht. Das Herzstück des Events steht an: der Stufentest mit spiroergometrischer Atemgasuntersuchung.

Vorher muss ich auf eine elektronische Spezialwaage. 62 Kilogramm stehen da. Und bei der Körperfettmessung: Error.
Frau Jalaß justiert das Gerät. Überprüft die Batterien.
Wieder Körperfettmessung.
Wieder Error.

Na. Das Blutbild wird schon genug Daten liefern ...
Aber wie war das? Körperfettanteil unter 4% ist gefährlich ...?

Die leistungsdiagnostischen Voruntersuchungen: Orthopädie und Ruhe-EKG

Ich nehme auf dem (viel zu breiten) Sattel der Ergometers Platz, den wir noch justieren. T-Shirt aus, die sich maschinell ansaugenden Elektroden des EKG-Gerätes werden mir an Brust und Rücken angehangen. "Wir messen zunächst Deinen Ruhepuls" - der in diese Situation naturgemäß alles andere als ruhig ist.


Im Ruhezustand misst sie meinen Blutdruck. "100 zu 60.", sagt Frau Jalaß. "Das ist sehr niedrig. Aber nicht gefährlich. Sicher besser, als hohen Blutdruck zu haben." Und wohl auch nicht ungewöhnlich für so schlanke Kerle wie mich.

Seltsamerweise leuchtet mir schon jetzt Einiges ein: Wie schwer es mir zum Beispiel selbst nach relativ kurzen Pausen - an Renn-Büffets zum Beispiel - wieder auf Touren zu kommen. Oder anders herum: Wie schnell und einfach ich nach Belastungen fast sofort "runterfahren" kann um zu regenerieren.

Ein Grund mehr also, beim RATA die Stand- und Pausenzeiten minimal zu halten. "Ich will mindestens eine Stunde schlafen!", wird Flow, mein RATA-Mitstreiter, mir am nächsten Tag versichern. Ich bin gespannt.


Sie schreibt über 5 Minuten ein Ruhe-EKG. "Es dauert so lange", erklärt sie mir, "weil Du anscheinend etwas aufgeregt bist. Außerdem erkenne ich eine leichte Arhythmie ..." Schreck!
Äh, wie bitte? Herzrhythmusstörung? Ich?
Dr. Brons kommt rein. Schaut auf den Monitor (Timo hält immer schön drauf). "Ja, das ist leicht arhythmisch. Aber das sind nur kleine Huckel - ich nehme an, wegen der Aufregung. Nichts Außergewöhnliches. Alles gut."

Na, da bin ich aber mal beruhigt.

Der Stufentest: Ablauf und Regeln

Stufentests á la Conconi, á la Joe Friel und dergleichen kenne ich schon. Mithilfe dieser Tests konnte ich 2008 bis 2010 zuhause auf der festen Rolle mit Widerstandsregelung und einem Pulsgurt mehrmals meine Schwelle , meine HFmax (und damit die Trainingsbereiche) bestimmen.

Damals lag meine Schwelle bei 160 bis 170 bpm / 180 bis 210 W. Ich bin also gespannt.

Frau Jalaß erklärt mir aber erstmal, wie der Test funktioniert.


"Also, während des Tests darfst Du nicht sprechen. Wir kommunizieren nur mit Handzeichen - Daumen hoch heißt ´Alles Okay´, Hände wackeln heißt ´Ich bin mir nicht sicher´ - dann frage ich nochmal nach und Daumen runter heißt ´Abbruch´, okay?"

Jo, ich nicke.

"Wir beide können abbrechen: Du, wenn Du nicht mehr kannst - und ich, wenn ich irgendwas Alarmierendes sehe oder ich merke, dass Du fertig bist, ja?"

Daumen hoch.

Weiter gehts: "Der Test ist zwar ein Stufentest, aber in Form einer Rampe. Es wird also stetig immer schwerer, 25 Watt Widerstand alle 2 Minuten." Ich nicke. "Du musst die Trittfrequenz stetig zwischen 70 und 80 Umdrehungen halten. Außerhalb dieses Bereiches wird der Test abgebrochen - unter 70 musst Du zu viel Kraft aufwenden, über 80 wird es zu leicht." Okay. Ich nicke.

90 Umdrehungen sind zwar optimal beim Rennradfahren, aber dann halt 75 Umin im Mittel.


Ich bekomme eine Maske über den Hinterkopf gezogen, das Darth Vader-Gummigegenteil vorn über Nase und Mund und ein Mundstück, durch das ich direkt in den Atemgas-Analysator atmen werde, wird draufgesteckt. Ich bin nun Teil einer Elektro-Atemmaschine.

So weit weg ist Darth Vader gar nicht ...

"Wir messen natürlich Sauerstoffaufnahme und CO2-Abgabe, wir messen die Menge der aufgenommenen Atemluft, also deren Volumen.", erklärt mir Frau Jalaß. Dann muss ich einige Atemübungen nach ihren Vorgaben absolvieren um den Computer zu justieren - Lungen komplett entleeren, schnell und tief einatmen, alles was geht - und dann alles explosionsartig ausprusten.

Dann pedaliere ich bei 25 Watt Widerstand einige Minuten, um Ruhe-Atemgase und EKG in eine relaxte, aufgewärmte Norm zu bringen.

Sie fragt, ob es losgehen soll.
Daumen hoch.

Und ab geht die Luzie ...

Conconi? Hardcore!

Anfangs spüre ich nur wenig. Es wird kaum merklich schwieriger, das Schwungrad des Ergotrainers auf 75 zu halten, noch mache ich mir den Spaß und versuche, bei 71 zu bleiben: Dass ich mich hier gleich bis zum Gehtnichtmehr verausgaben werde, ist mir klar, dann kann ich noch solange es geht, Kraft sparen.


Die "Rampe", die ich hier virtuell hochfahre, fühlt sich trotzdem ich es besser weiß, doch wie eine Stufe an. Immer wieder sackt die Umdrehungszahl plötzlich und unvermittelt ab und ich muss mich sehr konzentrieren, meinen Kraft-Output entsprechend anzugleichen.

Noch sitze ich locker auf dem Sattel, während sie meine Werte überwacht und ab und zu live Kommentare abgibt. Ich kann bequem durch die Nase atmen (noch), meine Hände liegen locker auf den Lenkerhörnern.


Einige Minuten später sieht das freilich etwas anders aus.

Atemgas-Analyse: Leistung, HFmax und Sauerstoffschuld

Mein Puls wird merklich schneller, ich fasse fest um die Lenkerhörnchen, reiße förmlich an ihm, unten wirbeln meine in Klettschnallen fest eingeklemmten Schuhe am Schwungrad. Es wird krasser. Schon wird mir heiß, wie Nadelstiche fühle ich den Schweiß aus Hals und Schultern treten.


Jetzt hetze ich, Kondensat bildet sich im Inneren meines Mundstückes, jetzt würde ich gern mein Maul aufreißen, den Querschnitt vergößern bis es nicht mehr geht, die Luft gleich zentnerweise einsaugen. Ich röchel, ich trete, ich kämpfe.

Frau Jalaß feuert mich an. Mehrmals recke ich meinen Daumen. "210 Watt, sehr gut!", ruft sie. Und: "Noch 2 min?" Ach, Ausrollen wäre schön ... naja, was solls: Daumen hoch!
Ich reiße am Rad, ich konsumiere den Sauerstoff um mich herum, heiß ist mir, ich ächze - Scheiße, durch diese enge Maske kann ich nur die Lippen spitzen, nicht aber meinen Kiefer herunterklappen. Das Atmen fällt mir schwer. Mein Arsch tut weh.

"230 Watt, super!", feuert sie mich von ganz weit weg an.

Ich höre das Beepen des Computers.

Vor mir, unerbittlich, sinkt die Trittfrequenz immer wieder von 76 auf 71, ich schrecke auf, trete wieder rein ... Luft, ich brauche Luft!


Die Soll-Grenze für "Gut trainierte Ausdauersportler", nach deren weltweiten Datenpool ich bemessen werde, liegt bei um die 240 Watt. So viel will ich noch machen, schwöre ich mir. Und ich quäle mich.
Die Beine sind schwer.
Wenn ich könnte, ich würde Laktat nur so auskotzen.

Boah, Fuck, jede Sekunde geht rein! Dieser verfickte Drehzahlmesser! Mehrmals sacke ich auf 69 Umin, reiße mich zusammen: "Los, noch eine Minute dreißig, Lars los." Ich will den Daumen hochreißen ... und drehe ihn um.

Aus. Vorbei. Nichts geht mehr!

"Okay, super gemacht! Tolle Leistung", feuert sie mich an und: "Nicht aufhören zu treten! Nicht aufhören!"


Sie stoppt den Test. Es fühlt sich an, als steckten zwei mittelalterliche Hellebarden in beiden Oberschenkeln, als säße ich auf einem stählernen Morgenstern - "... nicht aufhören! Wird gleich leichter!" - hält sie mich am treten. Alter, Fuck, das ist fast krasser, als der ganze Test!

Ich könnte schreien, so weh tut es, die Digits des Drehzahlmessers auf 40 Umin zu halten.

Nach dem Test: Ausrollen. Oder: Meine Regenerationsfähigkeit

Irgendwann fährt der Computer den Widerstand auf 25 Watt herunter. 5, 10 Minuten - ich weiß nicht wie lange - bleibe ich auf dem Gerät sitzen, atme schwer in meine Maske, puste alles heraus. Sie nickt mir zu. Schweiß läuft mir in Strömen.

"Wir messen, wie Du dich unmittelbar nach der aeroben Leistung regenerierst, wie sich Herzfrequenz und Atemgase verändern ...", ich habe nur einen Gedanken: Runter von diesem Ergometer. Der Sattel ist die reinste Hölle!


Als sie mir die Maske abnimmt und die Saugnäpfe wie von Zauberhand entfernt abfallen und mich aussehen lassen, wie nach einem Oktopus-Angriff bei Jules Verne, lasse ich endlich locker.

Das war Hardcore!

Die Auswertung: Das kann ich. Und das wohl nicht.

Doktor Brons kommt rein, beiden schauen auf die Ergebnisse. Die detaillirte Auswertung werde ich erst in ein paar Tagen erhalten, zusammen mit dem Vorschlag eines Trainingsplanes. Beide nehmen sich allerdings schon einmal die Zeit, einige Werte - grob - zu interpretieren.

"Der beige Bereich ist das Soll - der Bereich, in dem sich gut trainierte Ausdauersportler bewegen sollten", fängt Frau Jalaß an. Der Doktor meint: "Und da haben Sie schon einmal eine sehr gut aussehende Werte - das ist eindeutig die Kurve eines Leistungssportlers."


"Was mich wundert", sagt sie, "ist der Fakt, dass Deine Schwelle scheinbar schon recht früh eintritt - hier bei 144 bis 146 bpm. Das hätte ich später erwartet." Doktor Brons klickt einige Tabellen durch - die Werte müssten noch bereinigt und geglättet werden meint er, aber 146 käme Pi mal Daumen hin.

Aha. Meine handmade Conconi-Messung also krass unterschritten!, denke ich mir. Sowohl beim Dreiländergiro als auch beim Ötztaler versuchte ich ja immer, bei 150 bpm die Berge hoch zu fahren, weil ich annahm, damit sei ich bequem weit weg von der Laktatschwelle. Tja, wenn dieser neue Wert stimmt, bin ich also immer schön im roten Bereich gefahren ...

"Die Werte müssen wie gesagt alle noch geglättet werden ...", sagt Dr. Brons. "Aber bei einigen Kurven sind Sie auch über dem Durchschnitt. Das sieht alles ganz gut aus auf dem ersten Blick."


Am nächsten Montag wird Flow hier seinen Test machen. Auch ihm wird Blut abgenommen, auch sein Körperfett wird (vrmutlich viel erfolgreicher als bei mir) gemessen werden, auch er bekommt die Darth Vader-Maske und auch er wird sich die Lungenbläschen aus dem Leib treten während er versucht, ganz cool bei 75 Umin der Frau Jalaß ein Thumbs-up zu liefern.

Ich bin auf Flows Werte fast ebenso gespannt, wie auf die Auswertung von Frau Jalaß und Dr. Brons - und unserem RATA-Trainingsplan.

Fürs Erste sage ich Danke für über 2 spannende Stunden in der Kaifu Leistungsdiagnostik Hamburg bei Frau Jalaß und Dr. Brons - es war aufregend, überaus interessant und sehr angenehm bei Euch!


Wie sind Eure Erfahrungen bei einer professionellen Leistungsdiagnostik? Ich freue mich auf Eure Comments.